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INTERVIEW

"Jeder soll seine Stärken leben"

Mit den wachsenden Anforderungen an Telematiksysteme im Auto wird die Frage nach der Balance zwischen proprietären Anteilen und einer Standardisierung dringender. Nicht zuletzt die Entwicklungskosten lassen Berührungsängste zur Welt der Konsumelektronik allmählich schwinden. ATZelektronik sprach mit Carmelo Morgano, dem Leiter der Automotive Business Unit Europe von Microsoft über die Rolle des Unternehmens in der Automobilwelt.

Welche Vorteile kann Microsoft aus Sicht der Fahrzeughersteller und Zulieferer im Fahrzeug etablieren?
Microsoft positioniert sich im Automobilbereich nicht als reiner Produktentwickler. Wir bringen unsere seit 1975 gesammelten Erfahrungen mit Prozessen, Methoden, Testverfahren sowie der Standardisierung ein, um Antworten für die Anbindung umgebender Systeme zu entwickeln. Beispielsweise, um neue, mobile Geräte noch besser und wirtschaftlicher in das Auto zu integrieren und dabei vielfältige Mensch-Maschine-Schnittstellen zu optimieren. Ein gutes Beispiel ist die Plattform Microsoft Auto, auf der Blue&Me, Blue&Me NAV sowie SYNC basieren, wie wir sie für Fiat mit seinen drei Marken und für Ford in den USA realisiert haben. Fiat und Ford USA haben großes Vertrauen in uns gesetzt und durch die weitsichtige Entscheidung für offene Standards eine leistungsfähige und dabei bemerkenswert wirtschaftliche Telematiklösung bekommen.

Vor welchen Herausforderungen sehen Sie Microsoft im Automobilbereich?
Als wir 1998 mit dem ersten Auto-PC für den DIN-Schacht angetreten sind, waren wir bei praktisch allen großen Fahrzeugherstellern. Dort sind wir auf Widerstand gestoßen, weil für unsere Gesprächspartner vor allem eines wichtig war: Das eigene System musste individuell sein. Seither hat sich eine Fülle von proprietären Lösungen im Bereich Infotainment entwickelt. Es gibt zu viele fragmentierte Lösungsansätze. Inzwischen stellt man uns die Frage, ob wir nicht einen Standard vorantreiben können. Da kippen die Ängste vor dem Monopolisten, weil der Leidensdruck zu groß wird. Als Hürde für einen solchen Standard erweisen sich bisher die Investitionen, die seitens der Industrie dafür erforderlich werden. Gleichzeitig geht es in den Gesprächen mit den OEMs und Zulieferern um das Thema Vertrauen. Obwohl Microsoft ein Unternehmen mit über 70.000 Mitarbeitern ist, gibt es doch immer noch Informationsdefizite.

In welchen Bereichen will Microsoft aktiv sein?
Unsere Zusammenarbeit mit Fiat und jetzt auch mit Ford USA zeigt das sehr gut. Mit Fiat haben wir in nur zwei Jahren die Telematik-Lösung Blue&Me realisiert. Sie umfasst eine Freisprechanlage mit Bluetooth-Profilen, exzellente Sprachsteuerung, Media-Player, USB-Anschluss sowie die Anbindung so genannter Nomadic Devices und das für nur rund 250 Euro. Der offene Standard, auf dem Blue&Me beruht, ändert viel. Dadurch ist es uns möglich, Third-Party Lösungen für die Sprachsteuerung zu integrieren, was zur ungewöhnlich hohen Qualität der Blue&Me Sprachdienste geführt hat. Gleichzeitig hat Fiat mit unseren Tools die Individualität seiner drei Marken Alfa Romeo, Fiat und Lancia im Bereich Telematik realisiert. In allen Fahrzeugen lassen sich beispielsweise bis zu fünf externe Geräte mit eigenem Profil anbinden. Trotz unterschiedlicher Ausprägungen ist aber das Bedienkonzept immer gleich. Einfachheit ist Trumpf. Dabei signalisiert das Windows CE Logo im Auto dem Kunden, "kenne ich, ist mir vertraut". Einmalig ist, dass es die Microsoft Auto Plattform den Kunden ermöglicht, selbst im Internet Updates oder Applikationen für ihr System herunter zu laden und per USB-Stick in ihrem Fahrzeug zu installieren. Basierend auf der Microsoft Auto Plattform hat Fiat dieses Jahr in Genf die zweite Generation von Blue&Me, Blue&Me NAV, vorgestellt, die nun eine Telematik- und Navigationslösung einschließlich eCall, Concierge-Service und Info-Service beinhaltet. Dabei ermöglicht die Plattform die Integration einer Third-Party Navigation.

Welche Rolle kann Microsoft bei der Standardisierung spielen? Wie lässt sich das mit dem laufenden Autosar Prozess vereinbaren?
Prinzipiell begrüßen wir bei Microsoft alle Anstrengungen, die zu einer weitergehenden Standardisierung der Software im Auto führen. Eine solche Standardisierung lässt sich nur durch Zusammenarbeit aller, durch Allianzen, erreichen und sollte allen interessierten Anbietern eine einfachere Integration Ihrer Systeme ins Fahrzeug ermöglichen. Dabei muss es selbstverständlich fair und wirtschaftlich zugehen. Die Software-Entwicklung für automobile Telematikanwendungen muss mit weniger Aufwand zu bewältigen sein. Das bedeutet offene Standards und möglichst weit verbreitete Tools, die viele Softwareentwickler kennen. Alleine werden wir das nicht stemmen.

Wie gehen Sie mit Befürchtungen wegen einer Abhängigkeit von Microsoft um?
Fakt ist, dass unsere Technologie auf offenen Standards basiert und wir die Anbindung von Third-Party Technologien sehr stark fördern und unterstützen. Etwaige Befürchtungen wegen einer möglichen Abhängigkeit können wir ebenfalls durch die Tatsache entkräften, dass Windows CE eines der weltweit größten Embedded Ecosystems betreibt und eine extrem große Partnerlandschaft entwickelt hat. Zusätzlich ist es bei dieser Thematik wichtig zu wissen, dass Windows CE eine der weltweit größten Entwickler Communities hat, die tagtäglich ihr eigenes Know-how mit Windows CE verbinden, um damit eigene Ideen realisieren zu können.

Welche Entwicklungen sind in näherer Zukunft zu erwarten?
Die nächste Generation von Blue&Me soll einfache Grafik bis hin zu High-End Multimediafähigkeiten abdecken. In zwei bis drei Jahren wollen wir dann mit einer vollumfänglichen Infotainmentplattform in den Markt gehen. Dann stehen Themen wie Navigationsdaten auf USB-Stick an. Ein Automobilexperte werden wir auch morgen nicht sein. Als Software- und Plattformexperte mit offenen Standards jedoch können wir den Entwicklungsaufwand der Fahrzeughersteller bei Telematik und Infotainment massiv bis auf die eigentlichen Applikationen senken. Jeder soll seine Stärken leben.

Herr Morgano, vielen Dank für das Gespräch.


Autor(en): Jörg Christoffel
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