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INTERVIEW

"Ein Ingenieur ist heute hundertmal produktiver"

Komplexität und Tempo in der Automobilentwicklung nehmen im Zusammenhang mit einer Marktsituation im Wandel stetig zu. Aus diesem Grund kommt der "Virtuellen Produktentwicklung", die Entwicklungsprozesse beschleunigt, eine immer bedeutendere Rolle zu. ATZ hatte die Gelegenheit, Dr. Uwe Schramm, Produktentwicklungschef beim CAE-Spezialisten Altair, einige Fragen rund um das Thema Fahrzeugsimulation zu stellen, die einen Einblick in das Unternehmen sowie einen Ausblick auf die Zukunft der Branche erlauben sollten.

Herr Dr. Schramm, wo ordnen Sie Altair innerhalb der automobilen Wertschöpfungskette ein?
Unsere Software wird in der Automobilentwicklung verwendet. Wenn das Design eines neuen Fahrzeugs existiert, dient Software von Altair dazu, bestimmte Lastfälle wie Crash- oder Fahrverhalten zu simulieren. Unser Ziel ist es jedoch, viel früher in der Produktentwicklung eine Rolle zu spielen, zum Beispiel im Vordesign. In dieser Phase können die wesentlichen Eigenschaften eines Designs bereits vorevaluiert und mit Hilfe der Simulation früher konkrete Richtungen vorgegeben werden.

Gibt es in der Automobilentwicklung Dinge, die Sie nicht simulieren?
Zu unseren Stärken in diesem Bereich gehören die Crash-Simulation und NVH, also Noise Vibration Hashness, sowie die Fahrsimulation. Zu den Disziplinen, in denen wir nicht so stark vertreten sind, zählen die Motoren- und Strömungssimulation. Hier haben wir zwar eine Präsenz. Unser Fokus liegt jedoch woanders.

Welche Unternehmen zählen zu Ihren direkten Wettbewerbern und wie grenzt sich Altair im Markt ab?
Die Hauptwettbewerber sind MSC.Software, Ansys, Dassault Systems, dann natürlich noch LSTC und die ESI Group. Eine wesentliche Abgrenzung ist die "HyperWorks Software Suite", unsere Idee von einem wirklich offenen System. Das heißt, wir gestatten anderen einerseits die Integration in unsere Software, und auf der anderen Seite lässt sich unsere Software in andere Systeme integrieren. Viele Firmen wollen nämlich für ihre Aufgaben eher eine "Best in Class Software". Somit integrieren wir auch die Software-Produkte unserer Mitbewerber in HyperWorks. Eine andere Abgrenzung ist sicherlich unser patentiertes Lizensierungssystem. Danach wird lediglich das lizenziert und demzufolge auch bezahlt, was auch wirklich angewendet wird. Als dritten Punkt will ich den Fokus von Altair auf das simulationsbasierte Design nennen. Unser Weg dahin ist die Optimierung, Optimierungssoftware und Optimierungsanwendungen über die gesamte CAE-Kette.

Bitte erläutern Sie kurz die Grundzüge von HyperWorks.
Vision Statements, also unser "Standbein", sind Open Architecture und Customisation, Simulation-driven Design, Struktur- und CFD-Optimierung sowie Grid Computing und Datenmanagement. Dies sind die Punkte, die unsere Vision von HyperWorks beschreiben. Wir positionieren es als ein Engineering-Framework zur Produktinnovation. Dabei handelt es sich nicht um ein Konglomerat von Produkten, sondern eher um eine klassische Produktfamilie, ähnlich wie Microsoft Office. Dazu gehört auch, dass jemand, der beispielsweise Abaqus als Solver verwenden will, das auch mit unserem Framework tun kann. Mit HyperWorks untrennbar verbunden ist natürlich auch unser innovatives offenes Lizensierungssystem, das wir als eines unserer Geschäftsmodelle sehr kreativ weiterentwickeln.

Wie schätzen Sie die Weiterentwicklung der Simulationssoftware ein?
Zunächst werden die existierenden Produkte unter sich verändernden Marktbedingungen weiterentwickelt. Betrachtet man zum Beispiel HyperMesh, ist ein Entwicklungsingenieur heute im Vergleich zu früher hundertmal produktiver. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er dank der BatchMeshing genannten automatisierten Vernetzungstechnologie nicht mehr selbst vernetzen muss. Hier haben im Wesentlichen unser Konkurrent Ansa und wir begünstigt durch unsere Wettbewerbssituation diese gewaltige Steigerung der Produktivität durch BatchMeshing auf unsere eigenen Kosten vorangetrieben. Als Konsequenz daraus verzeichnen die Automobilfirmen heute riesige Einsparungen.
Zudem wird auch die wissenschaftliche Simulation, die immer mehr Parameter wie die Einflüsse von Umformung und Schweißtemperaturen auf das Crash-Verhalten einbezieht, immer komplexer. Analog ändert sich auch die Generation der Anwender, die User Experience. Es werden künftig vermehrt junge Leute, die Computerspiele gewöhnt sind, mit komplizierten Engineering-Tools konfrontiert. Andere Richtungen sind Daten-Management, Postprocessing und Grid Computing.

Um wie viel schneller lässt sich der Simulationsprozess in absehbarer Zeit noch realisieren und wo sehen Sie Grenzen?
Eine Grenze ist die Anzahl der Produkte, die man auf den Markt bringen kann. Typisch etwa für die Unterhaltungsindustrie ist: jedes Jahr ein neues Produkt. Ziel ist, mit diesem Tempo schrittzuhalten. Die Prozesse werden sich insoweit völlig ändern, als mehr parallel entwickelt wird. Wir in der Software-Entwicklung versuchen, ebenfalls parallel zu entwickeln, den eigentlichen Release also komplett von der Produktentwicklung zu entkoppeln. Selbst wenn ich jedes Jahr ein neues Modell herausbringen will, heißt das nicht zwangsläufig, dass ich am 1. Januar bei null anfangen muss, um am 31. Dezember ein fertiges Modell präsentieren zu können.

Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung HiQube?
HiQube ist kein Produkt in unserem traditionellen CAE-Bereich. Es bewegt sich im Bereich Business Intelligence, Daten- und Informationsmanagement, und wird mehr als ein Partnerprodukt mit HyperWorks lizenziert. Man kann es quasi als mehrdimensionales, daher der Qube, Spreadsheet, also Arbeitsblatt, bezeichnen. Da die Daten in mehreren Dimensionen abgelegt sind, können viele Beteiligte sofort darauf zuzugreifen. Dies ermöglicht beispielsweise sehr zeitnahe so genannte What-if- oder Trend-Studien. Damit können all jene etwas anfangen, die sich schon einmal über Excel-Spreadsheeds geärgert haben (lacht).

2006 haben Sie bei Altair die neu geschaffene Funktion als Vice President of Product Technology übernommen. Was hat sich daraufhin im Unternehmen verändert?
Bereits seit 2003 war ich für das Programm-Management verantwortlich. Unsere Software-Entwicklung fußt im Wesentlichen auf drei Säulen: das Marketing und Programm-Management sowie die Development-Organisation. In der letztgenannten Abteilung sitzen diejenigen, die den Code schreiben und in der Mitte, zwischen Marketing und dieser Abteilung, ist das Programm-Management angesiedelt. Seit meiner Beförderung zum Product Technology VP laufen die beiden Bereiche Development- und Programm-Management parallel. Ziel war primär, durch diese Maßnahme die avisierten Release-Zeitpläne besser einhalten zu können. Aufgrund der immensen Komplexität, mit der alle Software-Unternehmen konfrontiert sind, kommt es hier immer wieder zu Problemen. Dazu kommt, dass sich zu diesem Zeitpunkt bereits die Akquisition der Mecalog Gruppe hat absehen lassen. Hier erhielt ich den Auftrag, die Integration zu leiten.

Stichwort Mecalog. Welche Strategie verfolgen Sie mit der Übernahme?
Wir wollen eine Solver Company werden. Mit HyperWorks verfügen wir bereits über die angesprochenen Optimierungsanwendungen, OptiStruct, mit der wir die Technologieführerschaft innehaben, und HyperStudy. Auf der anderen Seite galten wir als HyperMesh-Spezialisten, also in den Bereichen Preprocessing für Finite-Elemente und Postprocessing. Dann haben wir begonnen Multibody-Dynamics-Software zu entwickeln. Nun stellt sich die Frage, wie die Firma weiter wächst. Wir wollten wachsen und daher sollte im Bereich Solver eine Expansion erfolgen. In diesem Markt war Mecalog mit seinen erstklassigen Technologien und Wissenschaftlern für uns eine gute Wahl.

Welche Ausbildung sollte ein potenzieller Mitarbeiter von Altair genossen haben, welches Profil sollte er idealerweise erfüllen?
Das ist eine gute Frage. Die meisten Software-Entwickler bei uns in Europa und den USA sind Ingenieure, die die Anwendungen kennen. In China ist es ebenso. In Indien beispielsweise ist das anders, wo die meisten Programm- beziehungsweise Software-Entwickler Computer-Ingenieure sind. In der Solver-Entwicklung sind in der Regel promovierte Experten beschäftigt. Ich selbst habe Schiffbau in Rostock studiert, Design und Strukturmechanik und habe dann eine Weile unterrichtet. Ich war Manager im Engineering Consulting, bevor ich in die Software-Entwicklung ging. Selbst Altair-Chef Jim Scapa hat als Consultant angefangen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Dr. Schramm.


Autor(en): Thomas Jungmann
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