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INTERVIEW

"Die Welten zusammenbringen"

Professor Dr. Hans-Christian Reuss, Universität Stuttgart, leitet das Projektbüro der Ende 2007 ins Leben gerufenen Innovationsallianz Automobilelektronik (IAE), an der sich bisher Audi, BMW, Daimler sowie Bosch, Continental, Elmos und Infineon engagieren. Wie ein Katalysator für Forschungsanstrengungen soll diese deutsche, vom BMBF geförderte Elektronik-Offensive wirken. ATZelektronik hinterfragt die Zukunftsstrategie der Allianz.

Alle reden davon, dass Unternehmen partnerschaftlich entwickeln müssen. In der industriellen Praxis ist davon oft nichts zu spüren. Wie kann die jüngst in Stuttgart gegründete Innovationsallianz Automobilelektronik - die IAE - verhindern, nicht zum Papiertiger zu werden?
Die Ernsthaftigkeit, mit der die Akteure bereits agieren, wird das schon verhindern. Dabei zählt nicht nur das Geld, das allerdings auch genannt werden darf. Sowohl von Seiten des Bundesforschungsministeriums wie auch der beteiligten Unternehmen. In den kommenden fünf Jahren investiert das BMBF jährlich 20 Millionen Euro in Form einer Public Private Partnership in Elektronik. Dieselbe Summe haben auch die Industrieunternehmen zugesagt - die darüber hinaus weitere 400 Millionen Euro in die Hand nehmen wollen.

Was geschieht, was nicht ohnehin geschieht?
Es passieren Dinge früher und Dinge passieren intensiver als zuvor. Die IAE wird wie ein Katalysator wirken. Wir kommen reibungsloser und damit schneller als zuvor zu gemeinsamen Forschungsanstrengungen. Und dabei werden wir treffsicherer sein, was künftige Bedarfe in der Entwicklung und vor allem im Markt betrifft.

Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Einen entscheidenden Fokus legen wir auf die gemeinsame Entwicklung von Elektrik- und Elektronik-Architekturbausteinen, die in allen Fahrzeug- und Preissegmente einsetzbar sind. Alle Unternehmen einigen sich auf gemeinsame Standards und Schnittstellen: Beide Ansätze ermöglichen größere Stückzahlen, die wiederum die Kosten senken. Dieser Ska¬leneffekt sowie weniger Komplexität sind das eine. Fördern wir zum anderen in diesem Zusammenhang die Wiederverwendbarkeit der Bausteine auch in künftigen Fahrzeuggenerationen, stellen wir die Zuverlässigkeit von elektrischen und elektronischen Systemen langfristig mit einem viel geringeren Aufwand bei noch höherer Qualität sicher.

Wie fern ist Ihre Forschung von seriennahen Entwicklungsprojekten?

Wir können kurzfristig Nutzen generieren: Denn es geht nicht darum, Algorithmen zu entwickeln oder Fahrzeugprototypen zu bauen und Rechnersysteme im Kofferraum zu verstauen - nur um zu zeigen, wie könnte es irgendwann einmal funktionieren. Es geht vielmehr darum, Funktionen zu entwickeln und diese sicher ins Fahrzeug zu integrieren - und dies auch unter realistischen, Markt- und Endkundengerechten Kosten-/Nutzen-Gesichtspunkten.

Können Sie bereits über Projekte sprechen?
Dafür ist es noch etwas zu früh. Wir diskutieren derzeit konkrete Ideen für ein erstes Leitprojekt, das sich mit dem Thema Energieeffizienz und damit CO2- und Emissionsreduzierung auseinandersetzt. Einen entscheidenden und künftig wachsenden Beitrag kann die Elektronik dazu leisten. Hier ergänzen sich die Firmen in den einzelnen Teilprojekten.

Wie stellt die Innovationsallianz sicher, dass in den Projekten jeweils die Firmen zusammenkommen, die zusammenkommen müssen - und das Know-how einer wichtigen Einzeldisziplin nicht fehlt?
Zunächst geht es darum, ein Netzwerk aufzubauen. In diesem stellen die beteiligten Firmen für die definierten Projekte ihre jeweils geeigneten Mitarbeiter zur Verfügung. Darüber hinaus wird die IAE ihre Plattform öffnen: Es bleibt nicht bei den sieben Gründungsfirmen. 35 weitere Unternehmen haben uns signalisiert, dass sie mitarbeiten wollen. Ende dieses Jahres wird es Workshops geben, in denen die Bewerber ein künftiges, zielgerichtetes Miteinander mit den bestehenden Mitgliedsfirmen besprechen können. Wir laden auch gerne weitere Firmen dazu ein.

Werden auch ausländische Firmen zugelassen?
Wenn ein ausländisches Unternehmen auf einem Spezialgebiet über einzigartiges Know-how verfügt und uns dies tatsächlich fehlen sollte, besteht die Möglichkeit einen solchen Partner aufzunehmen - mit allen Vorsichtmaßnahmen, was den Know-how-Schutz betrifft. Die Deutschen geben aber den Ton an.

Wie gut sind die Deutschen in Elektrik und Elektronik im internationalen Vergleich?

Ich behaupte, dass die Deutschen die weltweit Besten auf diesem Gebiet sind. Wir haben vor Jahren den Mut bewiesen und - mit zugegebenermaßen im Auto viel Lehrgeld - elektronische Systeme zu einer Reife gebracht, die uns Entwicklungen heute nicht nur absichern, sondern mit neuem Mut gestalten und ausbauen lässt.

Die Besten? Mit Ausnahme der zu elektrifizierenden Antriebe.

Was Hybridtechnologien betrifft, haben deutsche Unternehmen meiner Ansicht nach die Marktpotenziale zu verhalten eingeschätzt. Mit den aktuellen Fortschritten leistungsfähigerer Batteriesysteme lässt sich das Zukunftspotenzial nun signifikant heben. Die Stuttgarter Innovationsallianz wird aus Sicht der Elektronik dazu beitragen: mit Fragestellungen, wie sich ein Bordnetz künftig gestalten lässt oder wie beispielsweise möglichst effizient rekuperiert werden kann. Funktionen wie vorausschauendes Fahren in der Elektronik darzustellen, ist beispielsweise ein hochspannendes Thema.

Insbesondere bei Hybridantrieben gilt der Anspruch, die Welten der Informatiker, der Elektroniker, der Fahrzeugtechniker und jüngst auch die Disziplinen der physikalischen Chemie zusammenzubringen. Wie wird die IAE diesem gerecht?

Einerseits sind Funktionen und Bausteine, die wir entwickeln, in einer Matrixstruktur bereichsübergreifend vernetzt. Ein Radarsensor beispielsweise lässt sich sowohl für die Abstandswarnung wie auch für eine der Verkehrssituation angepasste vorausschauende Fahrstrategie eines Hybrids einsetzen. Darüber hinaus sprechen sie natürlich ein zu förderndes und zu forcierendes interdisziplinäres Arbeiten an. An der Universität Stuttgart gelingt es uns partiell, die Brücken zwischen diesen genannten Welten zu schlagen. Doch sowohl Wissenschaft und Forschung als auch Unternehmen benötigen Plattformen, um sich domänenübergreifend zu vernetzen. Ich denke, die jüngst ins Leben gerufene Kongressmesse driveIT für Software und Elektronik in Stuttgart kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten.

Braucht die Welt denn noch eine weitere Elektronikveranstaltung?

Nur mit einer Positionierung, die sich von zweifelsfrei guten Tagungen mit einem neuen Profil abgrenzt - und dabei Mehrwert bietet. Die driveIT ist ein ernstzunehmender Versuch, eine deutsche Leitmesse für Elektronik und Software mit einem Kongress zu etablieren. Wir haben zwar gute Fachmessen zu den einzelnen Themen: eine Messe für Toolhersteller und Methoden, eine andere beschäftigt sich mit Anwendungsthemen aus dem Fahrzeug oder Elektronikkomponenten. Was fehlt ist eine domänenübergreifende Plattform, auf der die verschiedenen Welten zusammengebracht werden. Es gibt zwar Veranstaltungen die bereichsübergreifende Themen an Führungsriegen adressieren. Im November werden sich darüber hinaus aber die Fachexperten auf der driveIT untereinander austauschen können - auch die Innovationsallianz Automobilelektronik wird diese interdisziplinäre Kommunikationsplattform nutzen.

Herr Professor Reuss, wir bedanken uns für das Gespräch.

Autor(en): Markus Schöttle und Johannes Winterhagen
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