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INTERVIEW

"Wir sehen uns in der Rolle des Integrators"

Die steigende Komplexität im Entertainment und sicherheitsrelevanten Infotainment gilt es mit möglichst einfachen Bediensystemen und Anzeigeninstrumenten für den Fahrer beherrschbar zu machen. Zusätzlich müssen mobile Endgeräte integrierbar sein. Einen Beitrag zur Lösung dieser Aufgaben soll eine neue Multimedia-Plattform von Continental leisten. ATZelektronik fragte Helmut Matschi, der den Geschäftsbereich Interior der Continental AG leitet, wie sich dieser Spagat meistern lässt.

Herr Matschi, auch in vielen modernen Automobilen werden Fahrer immer noch zu sehr vom Fahrgeschehen abgelenkt. Der Wunsch nach mehr Information im Auto verschärft die Situation. Wie lässt sich dieses Spannungsfeld lösen?
Das Spannungsfeld ist unbestreitbar da - aber lösbar. Die Kunst ist, die notwendige Information zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung zu stellen. So, dass auch Entertainment in einer einfachen Art und Weise zur Verfügung steht, allerdings in sicherheitskritischen Situationen intelligent in den Hintergrund rückt.

Immer mehr HMI-Funktionalitäten finden in der Mittelkonsole statt. Das Auge gehört aber auf die Straße.

Richtig - und dabei kommen Systeme wie Sprachsteuerung, aktives Force-Feedback am Lenkrad, zusätzliche Darstellung im Instrumentencluster und Headup-Display zur Hilfe. Den Komplexitätsgrad würde ich an dieser Stelle nie wegdiskutieren. Aber es ist sauber machbar.

Das Head-up-Display hat sich nach einem vielversprechend Start vor fünf Jahren bislang nicht durchgesetzt.

Head-up-Displays bieten wir erfolgreich im 5er- und 6er-BMW an und arbeiten an einer leistungsfähigeren Folgegeneration. Für eine spürbare Marktpenetration, die Sie zu Recht vermissen, ist es wichtig, dass ein derartiges System anerkannt wird und dass der Preis stimmt. Sie müssen das System im wahrsten Sinne des Wortes erfahren. Da wir bereits in der kommenden Generation eine deutliche Kostensenkung erzielen und deshalb in einigen Jahren auch für Volumen-Fahrzeuge liefern können, werden sich mehr Menschen von der Projektionstechnik überzeugen können.

Wo liegen die Stellgrößen für eine preiswerte zweite Generation?
Bisherige Systeme arbeiten mit einer größeren Anzahl von Spiegeln, die die unterschiedlichen Krümmungen der Frontscheibe ausgleichen. Diesen Hardware-Aufwand wird in Zukunft ein sogenanntes Software-Image-Rendering verringern. Zudem erhöhen wir den Nutzen der Technologie. Denn im Gegensatz zu heutigen Bilddarstellungen mit einzelnen Farben werden wir mit vollfarbigen farbigen Head-up-Displays mehr Informationen aus der Mittelkonsole und dem Cockpit in die Scheibe projizieren.

Sprachsteuerung weist immer noch deutliche Schwächen auf. Nur ein Mitbewerber von Continental kann in der neuen C-Klasse erstmals überzeugen.
Von den aktuellen Entwicklungen in unserem Hause erwarte ich sehr viel. Wir werden es schaffen, von einer Kommandostruktur auf natürliche Sprache umzustellen. Optimistisch stimmt mich, dass sich immer mehr Firmen auf dem Gebiet der Sprache mit dem notwendigen Detail-Know-how beschäftigen.

Continental kooperiert mit diesen Anbietern und baut hier kein Know-how auf?

Nicht nur hier sehen wir uns in der Rolle des Integrators, der auch mit Non-Automotive-Partnern zusammenarbeitet und Systeme auf Automobilstandard trimmt. Unsere Kooperation mit Microsoft bei der gemeinsamen Entwicklungen einer modularen Infotainment-Architektur macht diese Rollenverteilung noch deutlicher. Für mich gilt: Schuster, bleib bei Deinen Leisten. Wir sind und werden keine reinen Betriebssystem-Programmierer.

Zahlreiche Conti-Jobs übernehmen jetzt externe Software-Entwickler. Bleibt genug Arbeit für Ihr Team?

Sicher genug. In erster Linie erwarten unsere Kunden, dass wir - mit Blick auf sich verändernde Märkte - entsprechend flexibel und schneller reagieren können. Und deswegen ist unsere neue Multimedia-Platttform keine Softwarelösung und auch keine reine Hardwarelösung - sondern eine komplette Architektur, an die sich Neues ohne hohen Entwicklungsaufwand unkompliziert anbinden lässt. Nur so können wir künftig überhaupt die vielen Ideen unserer Entwickler marktgerecht und vor allem zum richtigen Zeitpunkt umsetzen.

Microsoft im Auto: Das treibt heute noch einigen Beobachtern den Angstschweiß auf die Stirn.

Die Zeiten sind meiner Ansicht nach vorbei. Die Welt hat sich gedreht, spätestens seit Fiat mit Blue & Me und Ford Sync, an deren Serieneinsatz wir mit Microsoft Auto erfolgreich unterwegs sind. Natürlich stellen wir sicher, dass beispielsweise sicherheitsrelevante Funktionen im Auto während der Fahrt voll einsatzbereit sind.

Wie organisieren Sie die Sicherheit?
Zum einen durch eine Firewall mittels Hardwaretrennung - also zwei Speicher, zwei Prozessoren. Das betrifft die Komplettlösung, die wir spätestens 2010 in Serie bringen. Allerdings bietet unsere Multimedia-Architektur auch die Möglichkeit, in einer softeren Variante nur einen Prozessor einzusetzen.

Sind Sie auf Microsoft festgelegt?
Festgelegt ist hier keiner der Partner. Aber dadurch, dass wir uns gleich zu Beginn ohne Wenn und Aber zueinander bekannt haben, sind wir im Interesse unserer Kunden schnell unterwegs. An dieser Stelle möchte ich die außerordentlich gute und perspektivenreiche Zusammenarbeit mit Microsoft betonen. Die Automobilwelt ist schon komplex genug, als das man dies mit mehreren Partner noch verkomplizieren muss. Zudem erhalten wir über Microsoft den wichtigen Zugang zur Endgerätewelt. Ziel ist ja, beispielweise ein mobiles Navigationssystem als Terminalserver zu nutzen und lediglich die Schnittstelle zum HMI im Auto herzustellen.

Verlieren Sie hier nicht eine Menge Wertschöpfung? Schließlich verkaufen Sie dann keine fest installierten Geräte.
Wir sehen keinen Kannibalisierungseffekt. Der Markt wird wachsen und sich bis 2015 in drei gleich große Segmente aufteilen: In Premiumfahrzeugen wird es weiterhin integrierte Highend-Lösungen geben. Der Volumenmarkt, der bisher noch gar nicht ausgestattet ist, wird Lowend-Geräte wie Radios mit einfachen Zusatzfunktionen, integrieren. Auf das nun erst entstehende dritte Marktsegment – das Verbinden von mobilen Endgeräten mit dem Fahrzeug-HMI, hat sich Continental
mit dem neu gegründeten Geschäftsbereich Connectivity vorbereitet.

Wie synchronisieren Sie die unterschiedlichen Produktlebenszyklen?
Unsere Multimediaplattform kann alle sechs Monate aktualisiert werden - wie wir es vom PC kennen, auf den sich immer wieder neue Software aufspielen lässt. Das Upgrade gelingt sowohl Software- als auch der Hardware-seitig. Wobei Prozessoren nicht beliebig erweiterbar sind, aber die Architektur flexibel auf neue Bausteine ausgelegt ist.

Was erwarten Sie persönlich von dem Fahrzeug der Zukunft, und was würden Sie vermissen, wenn Elektronik im Auto verboten würde?
Ein Automobil soll mir Routinetätigkeiten abnehmen - unter anderem selbsttätig in die Garage fahren und ohne mein Zutun tanken. In einer rein mechanischen Welt würde ich Adaptive Cruise Control sehr vermissen.

Herr Matschi, ich bedanke mich für das Gespräch.


Autor(en): Markus Schöttle
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