"Auswirkungen auf die Umwelt nicht vergessen"
Becher-Motorölfilter haben auf die Fahrzeuglebensdauer bezogen eine deutlich bessere Ökologiebilanz als Anschraubwechselfilter und können bei intelligenter Modulbildung sogar günstiger für den Automobilhersteller sein. Die MTZ sprach mit Dieter Baumann, bei Hengst in der Geschäftsleitung für den Bereich Erstausrüstung verantwortlich, über das Potenzial von Ölfiltermodulen zur Umweltschonung, dem Trend zu Funktionsmodulen in Emerging Markets sowie die Treiber künftiger Entwicklungen bei Filtersystemen.
Derzeit überlegen einige Großserienhersteller, wieder weg vom Becher-Motorölfilter mit auswechselbarem Filterelement hin zum Anschraubwechselfilter zu gehen. Ist Umweltschutz zu teuer für uns?
In der Tat erleben wir derzeit bei Gesprächen mit den OEM, dass Massenhersteller durch einen Schwenk zurück zum veralteten Spin-on-Filter versuchen, vermeintliche Kosten einzusparen. Sie vergessen dabei, welche Auswirkungen das letztendlich auf die Umwelt hat.
Und die sind?
Anschraubwechselfilter bestehen zum großen Teil aus Stahl. Bei einem Filterwechsel werden diese Rohstoffe nicht recycelt, sondern verbrannt. Übrig bleibt Schlacke als Sondermüll. Derzeit sind ungefähr 600 Millionen Pkw weltweit im Markt, dazu kommen 200 Millionen Nfz. Wenn alle diese Fahrzeuge wieder mit Anschraubwechselfiltern ausgerüstet würden und wir von durchschnittlich einem Öl- und Filterwechsel beim Pkw und zwei beim Nfz im Jahr ausgehen, dann sind das 1,5 Millionen Tonnen verschwendeten Stahls. Bei dessen Produktion wird die Umwelt mit 5 Millionen Tonnen CO2 unnötig belastet - ein riesiges Einsparpotenzial!
Die öffentliche Diskussion ist aber geprägt durch Abgas- und CO2-Emissionen. Die Gesamt-Emissionen während des Fahrzeuglebens werden kaum diskutiert. Woran liegt das?
Natürlich liegt der Fokus auf den Abgasemissionen, weil das der größte Hebel zur weiteren Senkung ist. Aber letztendlich müssen alle Bauteile des Fahrzeugs hergestellt und oft auch gewartet werden. Wenn bei Bauteilen wie Filtern, die zyklisch gewechselt werden müssen, jedesmal wertvolle Rohstoffe vernichtet werden, muss man in der Tat fragen, ob nicht der gesamte Prozess betrachtet werden muss: von der Produktentwicklung und der Herstellung über den Betrieb bis hin zum Recycling. Dort werden wertvolle Potenziale nicht genutzt.
Sehen Sie da den Gesetzgeber in der Pflicht?
Ich glaube, dass es darauf hinauslaufen muss, um die Wettbewerbsfähigkeit der OEM am Weltmarkt zu sichern. Es wird immer wieder OEM geben, die die billigste Lösung auf Kosten der Umwelt einsetzen.
Wie sieht denn die Kostenrelation aus?
Ein Becher-Ölfilter für sich allein genommen ist vielleicht teurer als ein Anschraub-Wechselfilter - wenn man nur diese eine Funktion betrachtet. Fasst man allerdings zusätzliche Funktionen wie die Ölkühlung, die Kühlmittelpumpe sowie Sensorik in einem Modul zusammen, das dann auch noch den Generator aufnimmt und einen Motorträger ersetzt, dann ist das sicherlich günstiger als diese ganzen Einzelfunktionen separat im Motorraum unterzubringen. Zudem wird wertvoller Bauraum gespart sowie das Gesamtgewicht reduziert, weshalb auch die führenden Nfz-Hersteller seit Jahren verstärkt auf die Vorteile der Funktionsmodule setzen.
Dazu müssen sie frühzeitig in die Entwicklung des Motors eingebunden werden.
Ja, wichtig für eine sinnvolle Modulbildung ist eine frühzeitige Zusammenarbeit - je eher, desto besser.
Über den Umweltgedanken hinaus: Was hat denn der Endkunde vom Becher-Ölfiltersystem?
Becher-Ölfilter sind so konstruiert, dass während der Wartung beim Filterwechsel kein Motoröl ausläuft, den Motorraum verschmutzt und später auf den Garagenboden tropft. Der Kunde nimmt das als Qualitätsmerkmal wahr, von dem neben dem Fahrzeughersteller auch die Werkstatt profitiert. Bei Anschraubwechselfiltern ist das mit vertretbarem Aufwand fast nicht realisierbar.
Becherfilter oder Anschraubfilter - Welchen Trend sehen Sie in den Emerging Markets?
Speziell der asiatische Markt möchte Hightech-Funktionsmodule. In Asien haben die Kunden sehr schnell verstanden, dass sie durch Modulbildung hochwertige Funktionen preiswert erhalten können. Wir sind schon heute bei Brilliance mit einem Ölfiltrations- und Kühlmodul in Serie und arbeiten an weiteren Serienanläufen. Überlegungen wie in Deutschland wieder hin zum Anschraubfilter erleben wir dort nicht - trotz der Preissensibilität in dieser Region - denn die asiatischen Hersteller wollen auf den Weltmärkten konkurrenzfähig sein.
Was plant Hengst in den BRIC-Staaten?
In Brasilien und China werden wir unsere Standorte weiter ausbauen. Dort wollen wir nicht Billigprodukte fertigen, sondern den local content für unsere Kunden vor Ort gewährleisten. Ein anspruchsvolles Produkt, wie der Markt es von uns fordert, hat auch dort seine Fertigungskosten. Russland und Indien stehen bei uns derzeit noch nicht im Fokus, werden aber zukünftig interessante Wachstumsmärkte sein. Hauptstandort wird Deutschland bleiben. Hier findet die Produkt- und Prozessentwicklung für alle Standorte weltweit statt.
Was setzen Sie den künftig stärker auf den Weltmarkt drängenden asiatischen Zulieferern entgegen?
Wir als Entwickler von Hightech-Produkten müssen immer einen Schritt weiter gehen und dem Wettbewerb ein paar Jahre voraus sein, um unseren Kunden immer die anspruchsvollsten und preiswertesten Lösungen bieten zu können. Grundsätzlich habe ich auch nichts dagegen, wenn asiatische Firmen Lizenzen erwerben, um umweltschonende Produkte anbieten zu können. Schwierig sind Patentverletzungen oder Produktfälschungen.
Was sind die derzeitigen Treiber in der Filtrationsentwicklung?
Sowohl auf der Kraftstoff- als auch auf der Ölseite werden immer feinere Filtrationsmedien mit höherer Speicherkapazität gefordert. Auf der Kraftstoffseite werden wir künftig für 3000 bar Einspritzdruck Partikel herausfiltern müssen, die kleiner als ein Millimeter sind. Auf der Ölseite wird das Öl immer stärker belastet, beispielsweise durch Rußeintrag aus der Abgasrückführung. Durch verbesserte Filtermedien und Zusatzsysteme wie Ölzentrifugen müssen wir dennoch immer längere Filterwechselintervalle sicherstellen. Beim Nutzfahrzeug sind schon heute Laufzeiten größer 100.000 Kilometer Stand der Technik.
Herr Baumann, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Autor(en): Richard Backhaus