start
INTERVIEW

"Wir wollen die Technikführerschaft"

Mit dem Nano hat Tata die automobile Fachwelt aufgerüttelt, mit dem Kauf von Jaguar und Landrover erschüttert. Zwischen dem 2.500-Dollar-Auto und der Oberklasse soll ein breites Modellprogramm entstehen. Regie führt dabei Clive Hickman, verantwortlich für Forschung und Entwicklung bei Tata Motors. Im Exklusivinterview mit ATZ erläutert er seine Strategie.

Herr Hickman, wir waren in Europa eher überrascht darüber, welche Wellen der Kleinwagen Nano geschlagen hat. Haben Sie das vorhergesehen?
Es war klar, dass das Auto in Indien einschlagen würde, aber meine indischen Kollegen waren doch sehr, sehr überrascht über die Reaktion in der restlichen Welt. Und ich? Nicht so sehr, denn ich komme ja aus dem Westen und war sehr an dem Projekt interessiert, als ich zu Tata kam. Da ich Interesse hatte, warum sollte das nicht für andere gelten?

Jeder redet über den Nano, der Tata bei vielen erst bekannt gemacht hat. Nicht bekannt ist hingegen, dass der Entwicklungschef Europäer ist. Was ist denn Ihr Eindruck vom Reifegrad der indischen Automobiltechnik?

Meine indischen Mitarbeiter gehören zu den intelligentesten Ingenieuren, mit denen ich jemals gearbeitet habe. Dieser Intellekt, gepaart mit großer Lernfähigkeit und Begeisterung, ist die Grundlage, ein gutes Team aufzubauen. Was Ihnen noch fehlt, ist ein wenig Erfahrung.

Das wird teilweise kompensiert durch die Unterstützung europäischer Zulieferer?
Wir arbeiten mit europäischen, japanischen, US-amerikanischen, südkoreanischen und indischen Zulieferern zusammen. Unser Ansatz ist es, wirklich international zu entwickeln. Einige Unternehmen in Europa und den USA sind hinsichtlich ihrer Entwicklung eher selbstzufrieden geworden. Daher reden wir mit jedem, unabhängig von seiner Herkunft, darüber, wie er zu unserem Erfolg beitragen kann. Wir sorgen dafür, soviel Information wie möglich zu erhalten und diese zu nutzen, um die Autos zu bauen, die die Welt wirklich sehen will.

Die Welt? Konzentrieren Sie sich mit der Marke Tata nicht hauptsächlich auf den indischen Markt?
Darüber gehen wir weit hinaus. Der neue Indica - ein Fahrzeug der unteren Mittelklasse - wird innerhalb von zwölf Monaten nach Europa kommen und wird den Anforderungen von EuroNCAP gerecht werden. Der Nano könnte eines Tages folgen, doch zunächst gilt es, die große Nachfrage in Indien zu befriedigen.

Im Weltmarkt hat Tata vor allem einen Kostenvorteil...
...wir haben eine niedrigere Kostenbasis als andere, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht durstig auf Hightech sind. Wir wollen die Technikführerschaft. Das können wir heute noch nicht in allen Segmenten bieten. Der Nano ist jedoch Technikführer in seinem Segment. Wir arbeiten heute schon an weiteren Projekten, um Weltklasse werden.

Das wird nicht in allen Segmenten gleichzeitig funktionieren. Auf welchen Feldern sehen Sie Tata denn zuerst die erstrebte Weltklasse erreichen?
Ich glaube, Getriebe sind eine Technik, bei der wir führen können. Eine Gelegenheit bietet sich bei Motoren, da wir mit den besten Zulieferern und Dienstleistern zusammenarbeiten und die beste Technik erwarten. Für mich ist wichtig, dass unsere Zulieferer uns die besten Teams zur Verfügung stellen. In der Vergangenheit war das nicht immer so, weil wir aus Indien kommen. Wir erwarten den Respekt, den wir verdient haben.

In Europa wird der Nano vielfach abgetan - nicht sicher genug, verbraucht zu viel...
...das ist gut, das mag ich. Das ist, was jeder einst über Toyota sagte - und wo steht Toyota heute? Abgesehen davon erfüllt der Nano die für die Zulassung relevanten Sicherheitskriterien und ist
viel sicherer als das heute in Indien dominierende Zweirad, auf dem vierköpfige Familien fahren.

Wie groß ist denn der Technikrückstand Ihrer Einschätzung nach?
Man sollte uns nicht unterschätzen. Das Team, das den Nano und den neuen Indica entwickelt hat, wird mit der nächsten Fahrzeuggeneration beweisen, dass es noch viel größeres Potenzial hat.

Eine Herausforderung ist sicher, die immer strenger werdenden Abgasgrenzwerte in Indien einzuhalten, ohne die Kosten in die Höhe zu treiben.
Wir sind in Indien nur eine Generation hinter Europa zurück, also ungefähr vier Jahre. Wenn wir heute Motoren entwickeln, werden diese so ausgelegt, dass sie für den Export nach Europa kurzfristig auf Euro 4 und in wenigen Jahren auch auf Euro 5 umgestellt werden können.

Sie haben jetzt ja die Gelegenheit, eine ganz neue Motorenfamilie zu konstruieren - wie sieht denn dafür die Strategie aus?
Mit dieser neuen Familie müssen wir Euro 6 erreichen können und neue Techniken einführen, ohne unseren Kostenvorteil preiszugeben - umgekehrt lautet die Herausforderung für die Europäer, dass sie unser Kostenniveau erreichen müssen, ohne ihren technischen Vorsprung preiszugeben. Unsere Aufgabe ist leichter, glaube ich.

Ist der Zweizylindermotor im Nano schon Teil der neuen Motorenbaureihe?
Der Nano-Motor ist ein Einzelprodukt, das in Zusammenarbeit mit einem deutschen Partner entwickelt wurde. Später könnte er auch in anderen Fahrzeugen Verwendung finden.

Welche Motorentechnik eignet sich, um bei einem "Low cost"-Ansatz den Kraftstoffverbrauch zu senken?

Man sollte sich die Direkteinspritzung der ersten Generation und variable Ventiltriebe ansehen, in einfachen Ausführungen, mit denen sich beispielsweise eine Zylinderabschaltung realisieren lässt. Um die CO2-Emissionen zu reduzieren, sind außerdem elektrische Nebenaggregate ein geeigneter Weg.

Zum Schluss eine persönliche Frage. Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie sich persönlich für Tata entschieden haben?
Schon in der Zeit, als ich für einen Ingenieur-Dienstleister tätig war, habe ich für Tata Motors gearbeitet. Es ist das einzige Unternehmen in der Branche, das auf wirklich langfristigen Erfolg hinarbeitet. Diese Haltung erinnert mich an Europa, wie es vor 20 Jahren war. Während Europa eher erstarrt, ist Indien sehr aufregend - die Menschen wollen beweisen, dass Sie es können.

Herr Hickman, vielen Dank für das Gespräch.


Autor(en): Johannes Winterhagen
send print AddThis Feed Button
start
MEHR ZUM THEMA
Tata   Nano   Indien   EuroNCAP   Toyota   Jaguar   Landrover   
start
WEITERE INTERVIEWS
» "Wir wollen den elektrischen Stromverbrauch halbieren"
Wird mehr elektrische Leistung gefordert, steigt der Kraftstoffverbrauch. Elmar Frickenstein muss trotz der wachsenden Anzahl von elektrischen Verbrauchern und Funktionen im Auto für mehr Effizienz im Energiehaushalt sorgen. ATZelektronik diskutierte mit dem Bereichsleiter Elektrik/Elektronik und Fahrerlebnisplatz der BMW Group über zahlreiche Maßnahmen, die zur Halbierung des elektrischen Energieverbrauchs führen sollen. » mehr...
» "Elektrofahrzeuge erfordern zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen"
In ihrem aktuellen Weißbuch will die Europäische Union bis 2020 die Zahl der Unfallopfer erneut halbieren. Die damit verbundenen Aufgabenstellungen an Industrie und Politik bedürfen eines abgestimmten Vorgehens, dessen Kernpunkte in der "Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit" zusammengefasst wurden. Im ATZ-Interview erläutert Prof. Dr. rer. nat. Volker Schindler von der TU Berlin die Hintergründe und Ziele. » mehr...
» "Elektrogeräusche können zum Statussymbol werden"
Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs stellt auch die Akustikentwicklung vor zahlreiche neue Fragen. Gleichzeitig gehen die klassischen Aufgaben zur Akustikoptimierung weiter. Für mehr Schlagkraft in der Akustikentwicklung fordert Prof. Dr. techn. Hartmut Bathelt, Geschäftsführer der Akustikzentrum GmbH in Lenting, eine bessere Verzahnung von Test und Simulation. » mehr...
 
start
PREMIUM PARTNER
start
LOGIN FACHARTIKEL-ARCHIV
 
start
NEUES THEMENDOSSIER ONLINE
Effizienz - elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen

ThemendossierMit den Online-Themendossiers für automobile Ingenieure greift ATZonline Titelstrecken der Fachmagazine der ATZ-Familie auf und erweitert sie um aktuelle Nachrichten, Fachbeiträge und Interviews aus Wissenschaft, Forschung und Entwicklung beim Hersteller & Zulieferer zum Thema Auto und Technik.

Aktuell: Effizienz elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen
start
ATZonline @ FACEBOOK + TWITTER
ATZonline ist jetzt auch im Social-Web. Informieren Sie sich bei Facebook oder twitter über aktuelle Nachrichten, Themendossiers, Interviews und Fachbeiträge auf ATZonline.

ATZonline on twitterTwitterATZonline auf FacebookFacebook
start
LESEPROBE KOSTENLOS ONLINE BLÄTTERN

Lesen Sie hochaktuelle Beiträge zu den Themen Auto & Technik auf technisch wissenschaftlichem Niveau aus Wissenschaft, Forschung, Entwicklung und Produktion der Automobilindustrie.

» ATZ: Seit 1898 in der Automobilindustrie die Zeitschrift für Auto & Technik

» MTZ: In der Auto-Motor-Entwicklung die Zeitschrift für Ingenieure

» ATZelektronik: Die Auto-Zeitschrift für Elektronik & Elektrotechnik

» ATZproduktion: Die Technik-Zeitschrift für die Automobilindustrie-Produktion
start
AUTOMOTIVE AGENDA IST NOMINIERT
Automotive Agenda ist mehrfach nominiert:

Innovationspreis 2011Design Preis
start
NEWSLETTER
Mit dem Newsletter erhalten Sie zwei Mal in der Woche aktuelle News, Berichte, Events und Interviews aus der Automobiltechnik und Automobilentwicklung. Natürlich kostenlos!

Exklusiv für Newsletter-Abonnenten:
regelmäßig kostenlose Fachartikel

  
start
BUSINESS PARTNER
BorgWarnerTE Connectivity
start
LEXIKON
GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON ONLINE
Das Wissen der Experten:
Qualitätsgeprüft. 25.000 Stichwörter. Kostenlos.

» Definition kostenlos im Lexikon suchen
start
KOOPERATIONEN
eCarTecElektro-Mobil Kongress
 
RSS Home Springer Automotive Media Mediadaten AGB/Datenschutz Impressum Kontakt

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012