"Die Innovationen liegen entlang der Prozessketten"
Die geografische Verlagerung der Automobil- und Zulieferindustrie stellt auch den Maschinenbau vor neue Herausforderungen. ATZproduktion sprach mit Carl Martin Welcker, Präsident des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabrikanten (VDW), über sich ändernde Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zu weiteren Energieeinsparungen in der Produktion.
Herr Welcker, deutsche Werkzeugmaschinenhersteller sind Exportweltmeister und Technologieführer. Doch die Kundenbranchen orientieren sich immer häufiger in Richtung Standorte, an denen die Ausbildung der Mitarbeiter deutlich hinter den Fähigkeiten deutscher Facharbeiter zurück bleibt. Droht Ihrer Branche eine Hightech-Falle?
Nein, das glaube ich aus zwei Gründen nicht. Zum einen lassen sich bestimmte Aufgaben nur durch Hightech lösen. Und zwar an jedem Standort der Welt. Denken Sie in diesem Zusammenhang nur an die Produktion von Einspritzsystemen. Dazu kommt, dass in der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie in den vergangenen Jahren ein erhebliches Umdenken stattgefunden hat. Wir sprechen heute von modularen Bausätzen. Technologien also, die sich wie Bausteine addieren oder auch entfeinern lassen. Ganz wie der Kunde dies wünscht.
Bedeutet Entfeinern jedoch nicht auch, auf Umsätze und Deckungsbeiträge zu verzichten?
Durch Entfeinerungen geht in der Tat Umsatz verloren, aber auch Komplexität, die erst einmal bewältigt werden müsste. Nicht ohne Grund bemüht sich die Branche um Skaleneffekte bei den Grundmaschinen, um unseren Technologievorsprung beispielsweise hinsichtlich Genauigkeit oder Achskonfiguration auch ökonomisch zu flankieren.
Wie wollen Sie den Spagat zwischen deutscher Hightech und schlecht qualifizierten Bedienern in Schwellenländern auflösen?
Dazu gibt es im Prinzip zwei Wege. Entweder ich versuche, dem Qualifikationsniveau der Kunden vor Ort zu entsprechen oder ich trage dazu bei, die Bediener zu ertüchtigen. Natürlich gibt es beispielsweise in Indien auch Teilehersteller, die sich mit indischen Maschinen eindecken. Aber damit können sie nur ein bestimmtes Segment befriedigen. Vom Grundsatz her muss und wird sich in einer globalisierten Welt auch die Technologie weltweit stärker angleichen.
Was konkret können Sie deutschen Automobilherstellern und vor allem ihren Zulieferern für ihre entstehenden Fertigungen in den so genannten "Emerging Markets" anbieten?
Eine ganze Menge! Sämtliche Werkzeugmaschinenbauer haben sich - mit unterschiedlichen Schwerpunkten - im Ausland etabliert und vernetzt. Dadurch können wir als Deutsche in allen Ländern, in denen produziert wird, eine qualifizierte Unterstützung bieten und dazu beitragen, funktionsfähige Produktionsstrukturen aufzubauen.
Die Automobilindustrie verlagert mehr und mehr Aufgabenstellungen auf ihre Zulieferer. Welche Auswirkungen technischer und wirtschaftlicher Art hat diese Wertschöpfungsverschiebung auf Sie als Fabrikausrüster?
Ich sehe da zunächst einmal keinen großen Unterschied. Allerdings sind die Automobilhersteller aufgrund ihrer Größe sehr mit ihren eigenen Regularien und Werksnormen beschäftigt. So gesehen ist unser Geschäft mit den Zulieferern etwas leichter. Dazu kommt, dass die Werkzeugmaschinenindustrie - ebenso wie ein Gutteil der Zulieferindustrie - mittelständisch organisiert ist. Dass sich die Zusammenarbeit unter Gleichen anders gestaltet als die mit Großkonzernen, die sehr viele Risiken auf ihre Lieferanten verlagern, betrachte ich als offenes Geheimnis.
Manche Werkzeugmaschinenbauer beklagen, dass im Geschäft mit den Zulieferern geringere Additionsarbeiten und mithin weniger Wertschöpfung üblich sind.
Vom Prinzip würde ich unterschreiben, dass Maschinen für Automobil- oder Flugzeughersteller hoch ausgerüstet sind und bei Zulieferern einiges weggelassen wird. Das muss aber nicht unbedingt ein Nachteil für den Werkzeugmaschinenbauer sein. Denn umso mehr Extras und Sondervorschriften wir realisieren müssen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit von Anlaufverlusten für uns.
Prof. Westkämper vom IPA Stuttgart betrachtet die räumliche Nähe zwischen Verarbeitern und ihren Anlagenlieferanten als Wettbewerbsvorteil. Im Idealfall solle sich der Ausrüster direkt im Lieferantenpark ansiedeln. Wie ist Ihre Ansicht zu dieser These und wie könnte ein entsprechendes Geschäftsmodell aussehen?
Das muss differenziert betrachtet werden. On-Site Service und Beratungsbüros und Lager sind gut vorstellbar. Völlig abwegig ist jedoch die Idee, Maschinenhersteller sollen On-Site produzieren. Mit der Vielzahl der daraus resultierenden Produktionsstätten würde unser Kampf um Losgrößen zunichte gemacht. So wichtig eine enge Zusammenarbeit bei der Auslegung und beim Engineering ist - eine Produktion der Maschinen in Kundennähe ist nicht entscheidend.
Um das Thema Betreibermodelle ist es sehr still geworden. Wissen Sie warum?
Die genauen Argumente kenne ich auch nicht. Aber letztlich ist ein Betreibermodell nur eine von 100 möglichen Varianten, die Wertschöpfung zu verteilen. Dreh- und Angelpunkt muss dabei jedoch stets ein vernünftiger Risikoausgleich sein.
Vergangenen Herbst die EMO, im Frühling die METAV, nun steht die AMB vor der Tür - die Messelandschaft Ihrer Branche ist nicht gerade übersichtlich. An welcher Veranstaltung sollen sich Fertigungsplaner und Maschineneinkäufer der Automobilindustrie orientieren?
Mit der großen Zahl aufstrebender Märkte steigt naturgemäß die Anzahl der Ausstellungen. Was Deutschland betrifft, so denke ich schon, dass die Messelandschaft nicht mehr so unübersichtlich ist wie noch vor fünf bis zehn Jahren. Ich führe das darauf zurück, dass die vom VDW unterstützten Leitmessen erfolgreich sind.
Lassen Sie uns über Technik sprechen: Welche Ansatzpunkte sehen Sie für eine weitere Steigerung der Maschineneffizienz?
Jede Menge. Zunächst einmal sind Optimierungen von Einzeltechnologien wie dynamischere Vorschübe oder schnellere Wechselzeiten ein kontinuierlicher Prozess. Wichtig ist auch die Beherrschung unterschiedlicher Disziplinen in einer einzigen Maschine. Die größten Effizienzgewinne werden wir erzielen, wenn wir unsere Werkzeugmaschinen nicht für die Lösung eines einzelnen Bearbeitungsschrittes auslegen, sondern die gesamte Fertigungskette in Angriff nehmen. Da wir in Deutschland unsere Wurzeln im Sondermaschinenbau haben, verfügen wir dazu über eine sehr hohe Kompetenz.
Wie stehen Sie zu den Plänen der EU, die Öko-Design-Richtlinien auch auf Investitionsgüter auszuweiten?
Energie zu sparen, ist vom Grundsatz eine wichtige Aufgabenstellung. Die Frage ist nur, was spart man wo. Und genau in diesem Punkt verfehlen die Regeln, wie sie derzeit in der EU-Kommission angedacht werden, ihr Ziel. Natürlich können wir einzelne Maschinen auf Energieeffizienz trimmen. Sinnvoller wäre jedoch ein ganzheitlicher Ansatz, der die komplette Prozesskette betrachtet und der Frage nachgeht, wieviel Energie für welches Resultat erforderlich ist. In einem solchen Gesamtkontext könnten die Beiträge der Werkzeugmaschinenindustrie deutlich größer ausfallen als bei einem singulären Abstellen auf den Energieverbrauch von Einzelmaschinen.
In welchen weiteren Bereichen können Ihre Kunden aus der Automobilindustrie Innovationen erwarten?
Die Innovationen liegen entlang der Prozessketten. Wir müssen deshalb mit unseren Kunden den Konsens finden, dass wir nicht eine Maschine liefern, sondern prozessverantwortliche Lösungsanbieter werden. Eine solche Positionierung voranzutreiben, würde uns und unseren Kunden gleichermaßen weiterhelfen.
Was würden Sie sich von Ihren Kunden aus der Automobilindustrie wünschen, um derlei Innovationen auch realisieren zu können?
Ansprechpartner, die eine solche Prozesskette dann auch verantwortlich betreuen können.
Herr Welcker, vielen Dank für das Gespräch.
Autor(en): Stefan Schlott