start
INTERVIEW

"Qualität muss man konstruieren"

In der Automobilbranche vergeht kaum eine Woche ohne Rückrufaktion. Der Wettbewerbsdruck auf Zulieferer und Autobauer, von denen höchste Qualität mit Nullfehlerquote zu niedrigsten Preisen gefordert wird, wächst. Damit gewinnt das Thema Qualitätsmanagement an Bedeutung. ATZproduktion sprach mit Joachim Rothenpieler, Leiter der Qualitätssicherung des Volkswagen-Konzerns, über seine Ansprüche an die Produktion bei Volkswagen, die Bedeutung stabiler Fertigungsprozesse und internationale Qualitätsstandards.

Herr Rothenpieler, Sie sind seit 1. Mai 2007 Leiter der Qualitätssicherung des Volkswagen-Konzerns. Wo ordnen Sie sich im Vergleich zum Wettbewerb ein?

20 Jahre lang habe ich Fahrzeuge bei Skoda, Bentley und Volkswagen entwickelt, die es in der Fachpresse bei Vergleichstests meist auf die ersten drei Plätze geschafft haben. Dieses Ziel habe ich bei der Qualität auch. Mit einigen Modellen sind wir im Vergleich zu Toyota auf der Überholspur. Im Durchschnitt sind wir aber, speziell was die Kundenzufriedenheit betrifft, noch nicht da, wo wir hin wollen.

In welchem Zeitfenster wollen Sie dieses Ziel erreichen?
Das Ziel von Volkswagen ist, bis 2018 unter die ersten drei zu kommen. Aber so viel Zeit möchte ich mir gar nicht nehmen.

Können Sie sagen, welche Modelle die besten sind und bei welchen Sie noch nicht bei dem Zufriedenheitslevel sind, den Sie anstreben?
Den höchsten Entwicklungsgrad und Qualitätsstand erreichen wir in der Golf-Klasse. Prinzipiell aber sehen wir uns über die gesamte Modellpalette in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess.

Wie organisieren und setzen Sie Qualitätssicherung um? Gab es organisatorische Veränderungen, die Sie angestoßen haben?
Wir bauen zurzeit zum einen ein Analysezentrum auf, in dem wir verschiedene Analysekompetenzen zusammenfassen. Das Spektrum reicht von Materialprüfungen über Bauteil- und Systemanalysen bis zur Untersuchung ganzer Fahrzeuge. Wir wollen hier Fehler früher und schneller finden und den Fehlerabstellprozess beschleunigen. Ein zweiter Punkt ist, dass wir den technischen Service vom Vertrieb in die Qualitätssicherung übernommen haben. Damit findet die technische Kommunikation zum Händler allein durch die Qualitätssicherung statt. Ziel dabei ist, dem Kunden eine schnelle und kompetente Fehlerbeseitigung zu bieten. Indem wir unsere Kunden rasch zufriedenstellen, zeigen wir ihnen auch, dass wir sie wertschätzen.

Qualität muss "einkonstruiert" sein. Was wird getan, um von vorneherein ein Produkt zu entwickeln, das sich qualitativ auf höchstem Niveau herstellen lässt?
Als Entwickler fordere ich Qualitätssicherung bereits in der Konzeptphase. Die Qualitätssicherung hat das meiste Wissen vom Kunden und seinen Ansprüchen an das Fahrzeug. Dieses Wissen muss im Konzept berücksichtigt werden. Dieser Prozess ist nicht neu, aber wir intensivieren ihn nun.

Welche Maßnahmen sind vorgesehen, damit die Qualität garantiert werden kann, die von einem Wagen der Volkswagen-Gruppe erwartet wird?
Die Prozesssicherheit ist ein ganz wichtiges Thema. Deshalb werden wir uns mit den Lieferanten die Fertigungsprozesse anschauen, vom Zeitpunkt der Vergabe an bis zum ersten gelieferten Teil. Präventives Prozesssichern gilt aber nicht nur für den Lieferanten, sondern auch für unsere eigenen Werke. Zu oft werden Prozessfehler erst bemerkt, wenn schon eine ganze Reihe fehlerhafte Teile produziert worden ist. Abweichungen sollten aber gleich beim ersten Teil festgestellt werden.

Ein Kunde hat wahrscheinlich andere Ansprüche an einen Audi als an einen Seat - oder werden Qualitätsstandards markenübergreifend definiert?
Rothenpieler Es gelten für alle die gleichen Standards für Zuverlässigkeit und Langzeitqualität. Die Wertigkeit der Oberfläche, der Materialien und die Ausstattungsmerkmale differenzieren einen Seat, einen Audi, einen Skoda oder einen Volkswagen. Aber bei dem Anspruch, dass wir unseren Kunden ein zuverlässiges Auto anbieten, gibt es keinen Unterschied.

Können Sie eine Zahl nennen, zu welchem Prozentsatz bei Volkswagen Zulieferkomponenten aus Europa und aus Asien eingesetzt werden?
Rothenpieler Ein modernes, für die Weltmärkte entwickeltes Automobil wie beispielsweise der VW Golf besteht aus rund 6000 einzelnen Teilen und Komponenten. Da wir 34 Baureihen weltweit, davon 18 in Europa allein bei der Marke Volkswagen anbieten und es für viele Modelle mehr als einen Produktionsstandort gibt, lässt sich Ihre Frage nach der Herkunft der Zulieferkomponenten nur schwer auf eine einfache Prozentzahl herunterbrechen. In Asien liegen wir derzeit noch im einstelligen Prozentbereich unseres gesamten Beschaffungsvolumens. Unser Ziel ist es aber, spätestens zum Start unserer Fertigung in Indien 2009 die Lokalisierung in Asien deutlich zu verstärken. Für Volkswagen als weltweit agierendes Unternehmen sind solche Einzelwerte aber auch nicht relevant. Entscheidend ist es für uns, dort vertreten zu sein, wo unsere Kunden sind - ob in Deutschland oder in anderen Ländern.

Eine Studie der Boston Consulting Group sieht die Ursache für hohe Fehlerquoten im asiatischen Markt in mangelnder Qualitätskontrolle. Worin sehen Sie Unterschiede im Qualitätsmanagement in Europa und in Fernost?
Rothenpieler Betrachtet man unseren größten Wettbewerber Toyota, so denke ich nicht, dass es eine mangelnde Qualitätssicherung gibt. Ich vermute, das Unternehmen wurde von der Vielzahl der Projekte, der Standorte und der steigenden Komplexität überrascht. Das kann auch eine große Gefahr für uns sein, denn wir werden in den nächsten Jahren wachsen, zusätzliche Standorte und bis zu 20 neue Fahrzeuge haben. Ich glaube, es gibt keinen Grund in Fernost schlechtere Qualität zu erwarten. Qualität muss man konstruieren - und dann mit sicheren Prozessen produzieren. Beides ist im Vorfeld beeinflussbar, wenn wir uns auf die neuen Standorte in Fernost, Indien, Südafrika oder Mittelamerika vorbereiten.

Qualitätssicherung ist personalintensiv. Wie stehen Sie zum Thema Automation der Qualitätssicherung im Volkswagen-Konzern?
Rothenpieler Vieles ist automatisiert, zum Beispiel der so genannte EKOS-Test, in dem alle elektrischen Funktionen automatisch geprüft werden. An den Montagelinien soll und wird der Anteil der automatischen Prüfungen steigen. Darüber hinaus werden in der Entwicklung viele virtuelle Methoden entwickelt. Messsysteme, die man in der Entwicklung nutzt, können weitergeführt und auch in der Qualitätssicherung eingesetzt werden, um präzise Aussagen zur Qualität des Fahrzeuges zu bekommen. Wichtig aber waren, sind und bleiben die Menschen und deren Qualifikation und Kompetenzen - besonders bei der Bewertung eines Fahrzeuges dahingehend, ob es den Kunden zufriedenstellen wird.

Herr Rothenpieler, vielen Dank für das Gespräch.


Autor(en): Roland Schedel
send print AddThis Feed Button
start
MEHR ZUM THEMA
Rückrufaktion   Qualität   Qualitätssicherung   Volkswagen  
start
WEITERE INTERVIEWS
» "Wir wollen den elektrischen Stromverbrauch halbieren"
Wird mehr elektrische Leistung gefordert, steigt der Kraftstoffverbrauch. Elmar Frickenstein muss trotz der wachsenden Anzahl von elektrischen Verbrauchern und Funktionen im Auto für mehr Effizienz im Energiehaushalt sorgen. ATZelektronik diskutierte mit dem Bereichsleiter Elektrik/Elektronik und Fahrerlebnisplatz der BMW Group über zahlreiche Maßnahmen, die zur Halbierung des elektrischen Energieverbrauchs führen sollen. » mehr...
» "Elektrofahrzeuge erfordern zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen"
In ihrem aktuellen Weißbuch will die Europäische Union bis 2020 die Zahl der Unfallopfer erneut halbieren. Die damit verbundenen Aufgabenstellungen an Industrie und Politik bedürfen eines abgestimmten Vorgehens, dessen Kernpunkte in der "Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit" zusammengefasst wurden. Im ATZ-Interview erläutert Prof. Dr. rer. nat. Volker Schindler von der TU Berlin die Hintergründe und Ziele. » mehr...
» "Elektrogeräusche können zum Statussymbol werden"
Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs stellt auch die Akustikentwicklung vor zahlreiche neue Fragen. Gleichzeitig gehen die klassischen Aufgaben zur Akustikoptimierung weiter. Für mehr Schlagkraft in der Akustikentwicklung fordert Prof. Dr. techn. Hartmut Bathelt, Geschäftsführer der Akustikzentrum GmbH in Lenting, eine bessere Verzahnung von Test und Simulation. » mehr...
 
start
PREMIUM PARTNER
start
LOGIN FACHARTIKEL-ARCHIV
 
start
NEUES THEMENDOSSIER ONLINE
Effizienz - elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen

ThemendossierMit den Online-Themendossiers für automobile Ingenieure greift ATZonline Titelstrecken der Fachmagazine der ATZ-Familie auf und erweitert sie um aktuelle Nachrichten, Fachbeiträge und Interviews aus Wissenschaft, Forschung und Entwicklung beim Hersteller & Zulieferer zum Thema Auto und Technik.

Aktuell: Effizienz elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen
start
ATZonline @ FACEBOOK + TWITTER
ATZonline ist jetzt auch im Social-Web. Informieren Sie sich bei Facebook oder twitter über aktuelle Nachrichten, Themendossiers, Interviews und Fachbeiträge auf ATZonline.

ATZonline on twitterTwitterATZonline auf FacebookFacebook
start
LESEPROBE KOSTENLOS ONLINE BLÄTTERN

Lesen Sie hochaktuelle Beiträge zu den Themen Auto & Technik auf technisch wissenschaftlichem Niveau aus Wissenschaft, Forschung, Entwicklung und Produktion der Automobilindustrie.

» ATZ: Seit 1898 in der Automobilindustrie die Zeitschrift für Auto & Technik

» MTZ: In der Auto-Motor-Entwicklung die Zeitschrift für Ingenieure

» ATZelektronik: Die Auto-Zeitschrift für Elektronik & Elektrotechnik

» ATZproduktion: Die Technik-Zeitschrift für die Automobilindustrie-Produktion
start
AUTOMOTIVE AGENDA IST NOMINIERT
Automotive Agenda ist mehrfach nominiert:

Innovationspreis 2011Design Preis
start
NEWSLETTER
Mit dem Newsletter erhalten Sie zwei Mal in der Woche aktuelle News, Berichte, Events und Interviews aus der Automobiltechnik und Automobilentwicklung. Natürlich kostenlos!

Exklusiv für Newsletter-Abonnenten:
regelmäßig kostenlose Fachartikel

  
start
BUSINESS PARTNER
BorgWarnerTE Connectivity
start
LEXIKON
GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON ONLINE
Das Wissen der Experten:
Qualitätsgeprüft. 25.000 Stichwörter. Kostenlos.

» Definition kostenlos im Lexikon suchen
start
KOOPERATIONEN
eCarTecElektro-Mobil Kongress
 
RSS Home Springer Automotive Media Mediadaten AGB/Datenschutz Impressum Kontakt

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012