"Optimale Vernetzung aller Bereiche"
Als Bindeglied zwischen Technischer Entwicklung und Produktion stellt das neue Vorseriencenter bei Audi vor allem eine produktionsgerechte Entwicklung sicher. Dazu muss Josef Habla einen Ausgleich zwischen zwei Vorstandsressorts schaffen. Eine nicht immer einfache, doch spannende Aufgabe.
Herr Habla, alle Welt spricht von produktionsgerechter Produktgestaltung. Hier im neuen Vorseriencenter von Audi könnten Sie dazu ein ganz großes Rad drehen. Wie wollen Sie vorgehen?
Lassen Sie uns zunächst einmal die aktuellen Rahmenbedingungen betrachten. Unsere Entwicklungszeiten haben sich in den vergangenen Jahren dramatisch reduziert. Gleichzeitig stieg die Komplexität deutlich an. Unser Ziel, bis 2015 das Angebot von derzeit 26 auf 40 Modelle zu erweitern, betrifft ja nicht nur Neuentwicklungen. Auch die jeweiligen Nachfolgemodelle müssen vorbereitet werden. Dies bedeutet bei einer durchschnittlichen Lebensdauer eines Autos von sieben Jahren, dass wir jährlich sechs Neuanläufe stemmen müssen. Um in einer immer schnelllebigeren Zeit Vorteile im weltweiten Wettbewerb zu generieren, bedürfen wir einer schlagkräftigen und effizienten Organisation. Die frühzeitige und enge Vernetzung von Technischer Entwicklung und Produktion leistet dazu bedeutende Beiträge.
Konkret: Welche Ansatzpunkte verfolgen Sie, um die Produktion künftiger Modelle von Audi einfacher und effizienter produzieren zu können?
Um die Vorteile unseres neuen Vorseriencenters zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Früher waren der Versuchsbau für Konzeptfahrzeuge und Prototypen, die Vorserienfertigung in unserer so genannten Pilothalle sowie die Nullserie und die spätere Serienfertigung räumlich voneinander getrennt und zwei verschiedenen Vorstandsressorts zugeordnet. Unterm Strich bedeutete dies, dass die Produktion erst relativ spät Einfluss auf die Produktentwicklung hatte. Unsere neue Organisationsform eines Vorseriencenters vernetzt nun Produktion und Technische Entwicklung und ermöglicht so eine frühzeitige Absicherung von Produkten und Prozessen. Gleichzeitig können wir so sicherstellen, dass bereits in der Prototypenphase auf produktionstechnische Belange eingegangen wird.
Was bedeutet dies in der Praxis?
Nehmen Sie als Beispiel den Montageprozess. Im früheren Versuchsbau kam es nicht auf die Minute an. Die Fahrzeuge wurden so montiert, wie eben die Teile zur Verfügung standen. Heute kommissionieren wir erst einmal komplette Warenkörbe, die dann wie am Band bereitgestellt werden. Diese werden dann exakt in der Reihenfolge wie bei der späteren Serienfertigung montiert. Das heißt, wir bemühen uns bereits ab dem ersten Konzeptfahrzeug um Vorgänge wie in der Serie.
Welche Werkzeuge, Technologien und organisatorische Vorkehrungen helfen Ihnen dabei?
Zunächst einmal ermöglichen die verkürzten Kommunikationswege eine optimale Vernetzung aller am Fahrzeugbau beteiligten Bereiche. Diese sind bereits während der Projektphasen intensiv in den Automobilbau vor Serienstart integriert. Unser neues Vorseriencenter bietet aber auch vielfältige, technische Entwicklungsmöglichkeiten. Beispielsweise kann in der so genannten "Cave" schon in der ersten Konzeptphase eines Produkts die Baubarkeit der Prototypen virtuell abgesichert werden. Parallel zum Prototypenbau entwickelt sich so der Konstruktionsstand des Automobils weiter. Durch Simulationen, lange bevor die erste Hardware entsteht, können Probleme frühzeitig erkannt und abgestellt werden. Dies erlaubt eine kontinuierliche Steigerung der Fertigungseffizienz.
Welches wird das erste Audi-Modell sein, das durch das Vorseriencenter läuft?
Zwar gibt es das Vorseriencenter als Gebäude erst seit einem viertel Jahr, aber wir haben zuvor schon 2006 eine entsprechende Organisation aufgebaut und in Pilotprojekten verfeinert. Wenn Sie so wollen, waren der Audi TT und der Q7 die ersten Fahrzeuge, die von einer intensiven Kooperation zwischen Technischer Entwicklung und Produktion geprägt waren. Der erste komplett im VSC-Gebäude entstandene Audi wird 2010 vom Band rollen.
Mit welchen Effizienzgewinnen rechnen Sie?
Das lässt sich schwer quantifizieren. Beim TT konnten wir im Vergleich zum Vorgängermodell - über alles gerechnet - eine Produktivitätssteigerung zwischen 20 und 25 Prozent erzielen. Im arbeitsteiligen Produktentstehungsprozess lassen sich die Beiträge, die die zahlreichen involvierten Fachabteilungen dazu geleistet haben, jedoch nicht herunterbrechen. Auch die Leistungen unseres Vorseriencenters waren dazu nur ein Beitrag von vielen.
Abgesehen von Technik und Werkzeugen: Inwieweit sind Hierarchie und im Zweifel sogar Weisungsbefugnis notwendig, um zwischen den widerstreitenden Interessen von Produktentwicklern und Produktionern nicht aufgerieben zu werden?
Als Leiter des Vorseriencenters diene ich zwar zwei Herren, ich fühle mich jedoch nicht "zwischen zwei Stühlen". Das hat mehrere Gründe. So setzt sich bei den Konstrukteuren zunehmend die Erkenntnis durch, dass sie durch unsere neuen Prozesse im Serienanlauf mit deutlich weniger Problemen konfrontiert werden. Da die Konstrukteure nach SOP nicht aus der Pflicht sind, machen wir ihnen, wenn Sie so wollen, den Rücken frei für neue Aufgaben. Deshalb sind sie sehr offen für Kooperationen. Dennoch ist es manchmal recht anstrengend, in einer bereichsübergreifenden Organisation die Fahnen hochzuhalten, um nicht in alte Strukturen zurückzufallen. Ein solcher Umdenkprozess ist eine kontinuierliche Aufgabe. Nicht zuletzt deshalb, weil manche Mitarbeiter Prozesse und Standards als bürokratische Monster betrachten. In Wirklichkeit machen wir durch systematisches Arbeiten die Abläufe nicht langsamer, sondern schneller. So gibt es Beispiele, bei denen wir die Durchlaufzeiten halbieren konnten.
Lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Wie sehen für Sie aus der Sicht Ihrer aktuellen Aufgabe das ideale Auto und die optimalen Prozesse aus?
Unser übergeordnetes Ziel muss lauten, die Prozesse der Produktentwicklung und der Fertigung so zu vernetzen, dass sie eine Einheit bilden. Gleichzeitig gilt es, eine möglichst breite Palette an Kunden anzusprechen und gleichzeitig die Komplexität für uns überschaubar zu halten.
Herr Habla, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Autor(en): Stefan Schlott