"Die Nachfrage nach Allradantrieb und SUV ist ungebrochen"
Öko-Aktivisten nehmen immer öfter die Fahrer großer Geländefahrzeuge ins Visier. Gleichzeitig ist der Trend zum SUV (Sports Utility Vehicle) ungebrochen. Vor diesem Hintergrund diskutierte die ATZ die Zukunft des Allradantriebs mit Professor Dr.-Ing. Burkhard Göschel, Cheftechnologe des Zulieferers Magna International.
Lieber Professor Göschel, wie viel Allradantrieb können wir uns denn - vor dem Hintergrund der CO2-Diskussion - künftig noch leisten?
Erstaunlicherweise ist die Nachfrage nach SUVs trotz hoher Kraftstoffpreise ungebrochen, wenn auch mit einer erkennbaren Verschiebung zu Fahrzeugen der unteren Segmente. In Europa dominieren die Dieselmotoren das Antriebskonzept. Die Kunden wollen diese Art zu fahren und besonders die Flexibilität des Konzepts. Die hohe Sitzposition bei SUVs trägt zu einem entspannten Reisen bei, gerade auch auf langen Strecken. Der Innenraum ist vielseitig nutzbar, und zusätzlich hat der Kunde einen Allradantrieb "für alle Fälle" dabei, zum Beispiel wenn er zum Skifahren in die Berge fährt. Im Verhältnis Funktion zu Preis sind diese Fahrzeuge sehr attraktiv.
Vor mehr als zehn Jahren haben Sie die Entwicklung des BMW X5 verantwortet. Waren die Kundenbedürfnisse damals die gleichen?
Das Segment hat sich natürlich inzwischen weiterentwickelt, seit mit dem Jeep Grand Cherokee in den USA der erste richtig erfolgreiche SUV auf den Markt kam. Komfort und Fahrverhalten wie bei einer Limousine haben inzwischen Einzug gehalten. Akzente werden sicher immer markenspezifisch gesetzt. So haben wir beim X5 auf BMW-typische Sportlichkeit geachtet - etwa durch einen niedrigen Schwerpunkt. Wir haben dabei einen ersten entscheidenden Schritt getan, nämlich auf die Untersetzung verzichtet, um Motor und Getriebe tiefer setzen zu können. Gleichzeitig konnte die Wurzel der A-Säule ebenfalls tief angesetzt werden. Das hat das sportlich-dynamische Erscheinungsbild erheblich geprägt. Die Kunden haben die Untersetzung nie vermisst.
Sehen Sie einen Trend zu kompakteren SUVs?
Bei den SUVs ist klarer ein Trend hin zu kleineren Fahrzeugen, etwa im C-Segment, erkennbar. Es ist außerdem absehbar, dass es eine steigende Nachfrage nach SUVs im B-Segment geben wird. Zu erkennen ist, dass solche Konzepte primär aus Ableitungen von Produktlinien und Modulbaukästen bedient werden. Mit dem Wachstum in den C-und B-Segmenten erfolgen die Ableitungen dann vorwiegend aus Frontantriebskonfigurationen.
Die Vielfalt der Antriebskonzepte steigt also weiter. Werden sich dabei Standards herausbilden?
Bei der Gestaltung und Auslegung von Allradantrieben stehen die fahrdynamischen Aspekte im Vordergrund. Für den normalen Bedarf ist immer genügend Traktion vorhanden. Dementsprechend sind Regelsysteme zur Drehmomentverteilung in Längs- und Querrichtung im Einsatz. Mit Torque-Vectoring steht ein großer Gestaltungsraum für das fahrdynamische Verhalten zur Verfügung, allerdings mit großem Aufwand. Die aufkommende Elektrifizierung der Antriebsstränge ermöglicht eine deutlich einfachere Gestaltung der Systeme mit einer Erweiterung der Funktionalität. Die elektrische Achse wird nicht mehr so lange auf sich warten lassen.
Auf dem Genfer Salon 2008 hatten Sie mit der Studie Mila Alpin einen Modulbaukasten für kompakte SUVs gezeigt. Dabei kommt eine Art Leiterrahmen zum Einsatz - ist so etwas für große Stückzahlen geeignet?
Das Konzept ist eine flexible Basis für unterschiedliche alternative Antriebskonzepte. Es ist anwendbar für einen Verbrennungsmotor mit Wasserstoff, für den Brennstoffzellenantrieb, für Plug-in-Hybrids oder als reines Elektrofahrzeug. Der "Hut" ist weitgehend frei gestaltbar, so dass unterschiedliche OEMs diese Basis nutzen können. Die Volumina für alternative Antriebskonzepte sind für jeden einzelnen ja noch sehr begrenzt. Um das Gewicht niedrig zu halten, wurde eine Aluminium-Spaceframe-Lösung gewählt.
Ein reizvoller Gedanke - aber auch zu industrialisieren?
Das kann ich mir schon vorstellen. Beim Elektroauto stellt sich doch die Frage: Was ist OEM-spezifisch? Der Elektromotor oder der Energiespeicher? Was ist dann markenprägend? Der Antrieb möglicherweise nicht, vielleicht ist es das Energiemanagement, das heißt die Software. Dann verändert sich, auch wegen der anfangs sicher geringen Stückzahlen, das Geschäftsmodell der OEMs. Fahrzeuge werden dann vielleicht nur noch konfiguriert, eine möglicherweise interessante Entwicklung, die auch das Verhältnis OEM und Zulieferer ändern kann.
Und die Differenzierung erfolgt über die Außenhaut?
Zukünftig spielen Design, Vermarktungskonzept, Marketing und Service eine entscheidende Rolle. Man kann das Markenkonzept nicht mehr so stark an bestimmte Technologien anbinden. In der Ausprägung der Funktionalität steht aber genügend Spielraum für eine Differenzierung zur Verfügung. Die Entwicklungsprozesse müssen aber danach ausgerichtet werden.
Um zum Allradantrieb zurückzukommen: Hybridfahrzeuge sind doch prädestiniert für den Allradantrieb. Werden sich Konzepte durchsetzen, bei denen der Verbrennungsmotor auf die eine und der Elektromotor auf die andere Achse wirkt?
Gerade bei Konzepten, bei denen standardmäßig die Vorderachse von einem Verbrennungsmotor angetrieben wird, eignen sich Elektroantriebe perfekt dafür, die Hinterachse anzutreiben. Das wird der Einstieg sein. Man kann sich dann weitere Schritte vorstellen. Bis allerdings der Radnabenmotor kommt, wird es noch eine Weile dauern. Aber der komplette Antriebsstrangs wird sukzessive elektrifiziert.
Ist denn, wenn es um die Geländegängigkeit geht, die Reichweitenbeschränkung nicht problematisch? Wenn keine elektrische Energie mehr vorhanden ist, ändert sich das Fahrverhalten.
Bei einer richtigen Auslegung des Energiemanagements sollte das kein Thema sein. Die nächste Frage lautet allerdings: Wie viel Allradantrieb brauche ich denn wirklich? Reichen nicht 15 Prozent des Drehmoments auf der zweiten Achse oder sogar noch weniger, wenn ich das richtige Konzept habe? Wenn ich nicht ins Gelände will, brauche ich das zusätzliche Moment nur zum Anfahren und in bestimmten Situationen zur fahrdynamischen Stabilisierung. Natürlich wird es immer extrem geländegängige Fahrzeuge geben, aber gerade unter dem Verbrauchsaspekt werden immer öfter auch zweiradgetriebene SUVs gefragt sein:
Im Extremfall will der Kunde nur die Karosserieform.
Der Kunde will das für ihn passende Fahrzeugkonzept.
Lieber Professor Göschel, wir danken für das Gespräch
Autor(en): Wolfgang Siebenpfeiffer und Johannes Winterhagen.