start
INTERVIEW

"Das technisch Mögliche mehr nutzen"

Dr. Herbert Hanselmann zählt zu den Pionieren der Hardware-in-the-Loop(HiL)-Simulation und des Rapid-Control-Prototyping. ATZ sprach mit dem Gründer und Geschäftsführer der dSpace GmbH über den Status und die Perspektiven der automatischen Codegenerierung, der automatisierten Tests von Software für Steuergeräte und über mechatronische Regelungen.

Zählt der Programmierer zur aussterbenden Zunft?
Sicher gibt es noch den Programmierer, der Basissoftware entwickelt. In der Automobilbranche geht es aber um Funktionsentwicklung - und hier hat sich das Berufsbild seit der Einführung der automatischen Codegenerierung im Jahr 1999 geändert: Ein Programmierer muss sich heute als Softwaredesigner verstehen, der künftig auch noch enger mit Funktionsentwicklern zusammenarbeiten muss. Das gelingt in vielen Unternehmen bereits.

Ihre automatische Testtechnologie könnte ein Exportschlager sein. Wie etabliert ist die Umsetzung in der Fahrzeugindustrie?
Automatisches Testen ist in Europa etabliert. Simulatoren laufen seit Jahren rund um die Uhr. Dies ist in den USA noch nicht ganz so ausgeprägt, Japan hat hier eine noch kürzere Historie, jedenfalls was das Testen von vernetzten Steuergeräten angeht. Wir liefern zwar Simulatoren schon seit einigen Jahren, aber deren Nutzung beginnt dort erst in der Breite.

Zählen die komplexen Funktionalitäten in Fahrzeugen zu den entscheidenden Treibern des automatisierten Testens - ein Argument, an dem die Japaner nun jetzt auch nicht mehr vorbeikommen?
Die Komplexität ist der Haupttreiber, mit dem europäische Unternehmen früher zu kämpfen hatten als japanische - und dies nicht nur, weil diese sich bei der Einführung neuer Funktionalitäten zurückhielten. In Europa gilt es immer noch, deutlich mehr Zulieferer mit ihren unterschiedlichen Systemen, Datenbussen und Gateways in ein Gesamtsystem zu integrieren. Allein deswegen steigt heute noch die Anzahl der Fehler bei Serienentwicklungen wenige Monate vor SOP - was man dank der Tests dann noch vor der Fahrzeugauslieferung korrigieren kann. Diese heterogene Zuliefer- und Systemlandschaft gibt es in Japan nicht, beziehungsweise einzusetzende Systeme werden vom OEM diktiert. Dennoch: Spätestens mit den bei ihnen nun auch eingeführten Bussystemen benötigen japanische OEMs das automatisierte Testen jetzt in der Breite. Sie haben sich allerdings etwas von Europa abgeschaut und rauschen nicht - wie anfangs manche europäische OEMs - unvorbereitet in die Falle der Vielfalt.

Wo liegen die Grenzen des Testens mit Simulatoren?

In realen Feldtests werden immer noch wichtige Erfahrungen gesammelt und insbesondere in Fahrversuchen wichtige Abstimmungen vorgenommen. Die Grenzen verschieben sich allerdings in Richtung der Automatisierung. Denn die Vielfalt der nicht mehr übersehbaren Wechselwirkungen lässt sich real nicht mehr durchtesten. An entscheidende Grenzen stoßen Unternehmen da, wo man bei der Funktions- und Testspezifikation nicht alles berücksichtigte, und dann doch noch Unerwartetes durchgehen kann.

Ist denn von den Qualitäts- und Standardisierungstools, an denen die Branche mit Hochdruck arbeitet, etwas zu spüren?
Bei aller Kritik, mit der man Asam und AUTOSAR heute noch begegnen kann, sind die Fortschritte schon beachtlich - vor allem was die Serienentwicklung mit AUTOSAR ohne Backup betrifft. Für ein Unternehmen, das heute mit AUTOSAR beginnt, steigt die Komplexität zunächst, reduziert sich aber mit der Zeit. Die Wiederverwendung in künftigen Fahrzeuggenerationen stellt dabei die wichtigste Perspektive dar. Die automatische Codegenerierung hat durch den Drang zur Wiederverwendung einen regelrechten Boost erfahren.

Neben dem automatischen Testen etablierte sich auch die automatische Codegenerierung. Wie viel Prozent der Codes eines heute neu anlaufenden Fahrzeugs deckt derzeit die automatisierte Generierung ab?
Im Chassis-Bereich sind 100 Prozent der Applikationscodes schon seit Jahren die Regel. Bei Motor- und Getriebesteuerungsentwicklungen rechnen wir mit etwas kleineren Prozentwerten, weil hier Unternehmen mehr auf etablierte ausprogrammierte Funktionsbibliotheken zurückgreifen können. Bei komplett neuen Projekten, bei denen man von Null aus startet, bietet sich die konsequente automatische Codegenerierung an. Selbst in sicherheitskritischen Bereichen, wie bei Bremsensteuerungen, arbeiten unsere Kunden seit Jahren mit automatischer Codegenerierung.

Hinkt der Bereich Infotainment beim automatisierten Testen und der Codegenerierung hinterher?
Dort gibt es beim Testen sehr spezielle Anforderungen, und da ist noch Einiges im Fluss. Wir haben Testsysteme gebaut, die Infotainment mit abdecken - allerdings beschränkt auf die Kontrolllogik. Bei der Codegenerierung haben wir Serienfälle, etwa bei einer Head Unit, aber das ist noch nicht in der Breite etabliert.

Seit der Gründung vor 20 Jahren hat dSpace immer wieder für Überraschungen gesorgt. Welche werden Sie in den kommenden 20 Jahren präsentieren?
Ganz neue, disruptive Innovationen wie das Rapid-Control-Prototyping, die HiL-Simulation oder auch die Codegenerierung sind nach heutigem Stand nicht mehr zu erwarten. Ich sehe einen evolutionären Prozess. Weniger die einzelnen technischen Highlights und Innovationen als die Optimierung der Prozesse sind gefragt - also die Mittel, um das heute bereits technisch Mögliche auch in der Breite nutzen zu können.

Mindestens ein Langzeitprojekt werden Sie doch in der Pipeline haben?

Langfristig werden wir zur virtuellen HiL-Simulation kommen und damit auch sehr hardwarenah die Simulation offline durchführen. Microcontroller lassen sich dann samt ihrer Peripherie nicht nur modellieren, sondern auch simulieren. Das sehe ich allerdings nicht in den kommenden zehn Jahren als große Konkurreunz für die Hardware-in-the-Loop-Systeme. Für die irgendwann zu erwartende, teilweise Kannibalisierung unserer HiL-Testanlagen wollen wir aber gerüstet sein.

Herr Dr. Hanselmann, wir bedanken uns für das Gespräch.


Autor(en): Markus Schöttle und Johannes Winterhagen
send print AddThis Feed Button
start
MEHR ZUM THEMA
HiL   Simulation   Rapid-Control-Prototyping   dSpace   Codegenerierung   mechatronische Regelung   Programmierer   Basissoftware  
start
WEITERE INTERVIEWS
» "Wir wollen den elektrischen Stromverbrauch halbieren"
Wird mehr elektrische Leistung gefordert, steigt der Kraftstoffverbrauch. Elmar Frickenstein muss trotz der wachsenden Anzahl von elektrischen Verbrauchern und Funktionen im Auto für mehr Effizienz im Energiehaushalt sorgen. ATZelektronik diskutierte mit dem Bereichsleiter Elektrik/Elektronik und Fahrerlebnisplatz der BMW Group über zahlreiche Maßnahmen, die zur Halbierung des elektrischen Energieverbrauchs führen sollen. » mehr...
» "Elektrofahrzeuge erfordern zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen"
In ihrem aktuellen Weißbuch will die Europäische Union bis 2020 die Zahl der Unfallopfer erneut halbieren. Die damit verbundenen Aufgabenstellungen an Industrie und Politik bedürfen eines abgestimmten Vorgehens, dessen Kernpunkte in der "Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit" zusammengefasst wurden. Im ATZ-Interview erläutert Prof. Dr. rer. nat. Volker Schindler von der TU Berlin die Hintergründe und Ziele. » mehr...
» "Elektrogeräusche können zum Statussymbol werden"
Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs stellt auch die Akustikentwicklung vor zahlreiche neue Fragen. Gleichzeitig gehen die klassischen Aufgaben zur Akustikoptimierung weiter. Für mehr Schlagkraft in der Akustikentwicklung fordert Prof. Dr. techn. Hartmut Bathelt, Geschäftsführer der Akustikzentrum GmbH in Lenting, eine bessere Verzahnung von Test und Simulation. » mehr...
 
start
PREMIUM PARTNER
start
LOGIN FACHARTIKEL-ARCHIV
 
start
NEUES THEMENDOSSIER ONLINE
Effizienz - elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen

ThemendossierMit den Online-Themendossiers für automobile Ingenieure greift ATZonline Titelstrecken der Fachmagazine der ATZ-Familie auf und erweitert sie um aktuelle Nachrichten, Fachbeiträge und Interviews aus Wissenschaft, Forschung und Entwicklung beim Hersteller & Zulieferer zum Thema Auto und Technik.

Aktuell: Effizienz elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen
start
ATZonline @ FACEBOOK + TWITTER
ATZonline ist jetzt auch im Social-Web. Informieren Sie sich bei Facebook oder twitter über aktuelle Nachrichten, Themendossiers, Interviews und Fachbeiträge auf ATZonline.

ATZonline on twitterTwitterATZonline auf FacebookFacebook
start
LESEPROBE KOSTENLOS ONLINE BLÄTTERN

Lesen Sie hochaktuelle Beiträge zu den Themen Auto & Technik auf technisch wissenschaftlichem Niveau aus Wissenschaft, Forschung, Entwicklung und Produktion der Automobilindustrie.

» ATZ: Seit 1898 in der Automobilindustrie die Zeitschrift für Auto & Technik

» MTZ: In der Auto-Motor-Entwicklung die Zeitschrift für Ingenieure

» ATZelektronik: Die Auto-Zeitschrift für Elektronik & Elektrotechnik

» ATZproduktion: Die Technik-Zeitschrift für die Automobilindustrie-Produktion
start
AUTOMOTIVE AGENDA IST NOMINIERT
Automotive Agenda ist mehrfach nominiert:

Innovationspreis 2011Design Preis
start
NEWSLETTER
Mit dem Newsletter erhalten Sie zwei Mal in der Woche aktuelle News, Berichte, Events und Interviews aus der Automobiltechnik und Automobilentwicklung. Natürlich kostenlos!

Exklusiv für Newsletter-Abonnenten:
regelmäßig kostenlose Fachartikel

  
start
BUSINESS PARTNER
BorgWarnerTE Connectivity
start
LEXIKON
GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON ONLINE
Das Wissen der Experten:
Qualitätsgeprüft. 25.000 Stichwörter. Kostenlos.

» Definition kostenlos im Lexikon suchen
start
KOOPERATIONEN
eCarTecElektro-Mobil Kongress
 
RSS Home Springer Automotive Media Mediadaten AGB/Datenschutz Impressum Kontakt

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012