"Wir müssen die Maschine dem Menschen anpassen"
Das Design eines Fahrzeugs besitzt als Verkaufsargument einen sehr hohen Stellenwert. Oft aber werden ältere Menschen als zunehmend wichtige Käufergruppe mit ihren spezifischen Bedürfnissen von den Entwicklern übersehen. ATZ sprach mit Dr. Werner Koch, dem Technical Expert HMI im Ford Forschungszentrum Aachen, über Möglichkeiten, wie Autos künftig auch Älteren gerechter werden können, ohne für junge Leute unattraktiv zu werden.
Herr Dr. Koch, die Demographie lässt keinen Zweifel daran, dass ältere Menschen künftig ein wichtiges Käuferpotenzial stellen. Hat die Automobilwirtschaft die Entwicklung mit Blick auf den jungen, dynamischen Käufer zu lange verdrängt?
Wir bei Ford haben das Thema schon sehr früh aufgegriffen und deshalb 1993/94 in Zusammenarbeit mit der Universität Loughborough in England den Altersanzug entwickelt.
Und was wollen Sie damit erreichen?
Der Anzug soll unseren jüngeren Entwicklern veranschaulichen, mit welchen Problemen ältere Menschen beim Autofahren konfrontiert sind. Oft sind die Ingenieure in den 30ern und haben zumeist keine Vorstellung davon, wie es ist, wenn man altersbedingte Einschränkungen der Körperfunktionen hat. Der Anzug soll aber nicht den älteren Testprobanden ersetzen, um speziell Autos für Senioren zu bauen. Wir machen darüber hinaus natürlich auch Befragungen bei Älteren. Der Ingenieur soll mit dem Anzug nur verstehen, warum bestimmte Dinge so und nicht anders gemacht werden müssen.
Welche Erkenntnisse haben denn jetzt die Entwickler bei Ford?
Die erfahren am eigenen Körper, wie es ist, mit Bewegungs-, Hör- oder Sichteinschränkungen zu leben, und können sich auf diese erschwerten Bedingungen einstellen. Sie wissen zum Beispiel, wie das ist, wenn man beim Einparken den Kopf nicht mehr so richtig drehen kann. Grundsätzlich muss auch einmal festgehalten werden, dass Altern keine Krankheit ist, sondern ein ganz natürlicher Prozess, der uns alle früher oder später betrifft. So einfach dies auch klingen mag, so wird es doch sehr oft vergessen.
Wie groß sind die Unterschiede in den Ergebnissen zwischen den "künstlich gealterten" Entwicklern im Anzug und den befragten Senioren? Oder anders: Ist der Anzug aussagekräftig genug, um darauf hin zu entwickeln?
Die Ergebnisse sind durchaus vergleichbar.
Und wie werden die in Ihren Produkten berücksichtigt?
Die Generierung von Erkenntnissen ist ein fortlaufender Prozess, der auch fortlaufend in die Fahrzeugentwicklung integriert ist. Beispiel Displays: Wir wissen, dass man eine bestimmte Schriftgröße nicht unterschreiten sollte, dass man bestimmte Kontraste vermeiden oder andere bevorzugen sollte oder dass bestimmte Farben besser zu sehen sind als andere. Das alles ist im Prinzip nicht neu, aber ein mahnender Hinweis darauf, dass man sich wieder hin "back to the basics" besinnen sollte. Es geht um die klare Frage, welche Bedürfnisse es eigentlich gibt. Die Antwort muss dann im Produkt umgesetzt werden.
Was meinen Sie damit konkret?
Momentan wird vieles noch falsch gemacht. Ingenieure entwickeln oft immer noch abgehobene Dinge, die für den Menschen überhaupt nicht geeignet sind, weil sie seinem Naturell und seinen Anlagen, mit denen er geboren wird, gar nicht entsprechen. Wir werden es aber garantiert nicht schaffen, den Menschen evolutiv an die Maschine anzupassen, sondern wir müssen die Maschine dem Menschen anpassen.
Haben Sie ein Beispiel?
Da fällt mir ein blaues Display ein, bei dem das Auge eher ermüdet. Das beste Hellempfinden bei farbigen Anzeigen liegt im mittleren Spektralbereich, also zwischen Gelb und Grün und nicht im rechten, langwelligen oder linken, kurzwelligen Bereich. Oder: Nicht jeder ist mit Microsoft groß geworden; deshalb ist es wenig sinnvoll, eine Funktion wie den Lüfter im vierten Untermenü zu verstecken. Was im Showroom gut aussieht, ist im täglichen Gebrauch nicht immer angebracht. Allerdings siegt dennoch oft das Design über die Vernunft.
Sie sprechen damit das Thema Bedienung an.
Ja. Wir haben zum Beispiel mit unserem Audio MMI-System "Convers+" eine ganz gute Lösung. Das System bietet eine individuelle, multiple Möglichkeit der Eingabe. Das heißt, man kann Funktionen per Sprache, Drehknopf oder Lenkrad-Schaltknöpfe oder per Touchscreen anwählen. Menschen sind unterschiedlich und haben persönliche Präferenzen, deshalb ist auch die Multimodalität gut und sinnvoll, bei der sich jeder Mensch für jeden Bedienfall eine bestimmte, individuelle Bedienlogik einprägen kann, die ihn am wenigsten ablenkt.
Wie müsste also ein altersgerechtes Auto aussehen?
Neben dem bereits Erwähnten sind die Sitzposition und der Kniewinkel sehr wichtig. Er darf auf keinen Fall unter 90 Grad sein, weil dann von der Mechanik her für Ältere die Muskelkraft nicht ausreicht, um einfach wieder aus dem Fahrzeug aussteigen zu können. Das ist ähnlich wie beim Treppensteigen: Wenn die Stufen zu hoch sind, kommen die Leute aus dem Winkel nicht hoch. Ein hoher Sitz ermöglicht zudem ein leichteres Reinschwenken. Das ist zum Beispiel beim C-Max so. Man kommt leichter in den Sitz rein und raus. Fahrzeuge, die etwas höher bauen, sind im Vorteil, weil sie eine andere Kinematik erlauben als niedrige. Anderes Beispiel Handbremse: Ein trainierter 40-Jähriger kann mit 300 Newton am Hebel ziehen. Eine untrainierte 65-jährige Frau könnte diese Bremse aber nicht mehr lösen. Hier bietet sich eine elektrische Parkbremse an.
Hat man zu lange auf den jungen Käufer reflektiert?
Ich glaube schon. Heute sind alle überrascht, wenn das Thema Altern auf den Tisch kommt, dabei ist die Entwicklung doch schon seit gut 30 Jahren erkennbar gewesen. In diesem Prozess werden wir uns natürlich anderen Lösungen annähern müssen, weil es der Markt einfach stärker fordert.
Was sollte man dann ändern?
Das Credo bei uns lautet, dass das, was dem älteren Menschen dient, dem jüngeren nicht schadet. Wenn man sich an der menschlichen Physiologie orientiert und eine Umgebung schafft, die einem älteren Menschen Orientierung ermöglicht, dann gelingt das einem jüngeren umso besser.
Sollte es auch Modelle speziell für Senioren geben?
Nein. Nicht nur, dass dadurch enorme Entwicklungskosten anfielen, es wird vom Seniorenmarkt auch gar nicht gewünscht. Das ist auch ein Ergebnis der Untersuchungen, es will keiner in einem gekennzeichneten Auto unterwegs sein und damit stigmatisiert werden. Die Alten möchten nicht wegen ihres Alters diskriminiert, sondern als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft behandelt werden. Und das steht ihnen auch zu. Es sollten vielmehr Fahrzeuge entwickelt werden, die sowohl für die eine als auch die andere Gruppe interessant sind.
Wie bringt man denn dann die Botschaft rüber, dass ein Auto auch für Ältere interessant ist?
Man darf die Altersgerechtigkeit beim Marketing nicht explizit ansprechen. Wir gestalten unsere Fahrzeuge so, dass sie unter altersgerechten Gesichtspunkten funktionieren, aber wir benennen das nicht so, sondern stellen den Nutzen für alle möglichen Käufergruppen heraus.
Wird es zumindest Features geben, die nur für ältere bestellbar werden?
Das wäre durchaus denkbar.
Welche könnten das sein?
Die bereits erwähnte elektronische Handbremse, veränderbare Farben im Display oder auch andere Sitze. Mehr möchte ich nicht verraten.
Herr Dr. Koch, herzlichen Dank für das Gespräch.
Autor(en): Ulrich Knorra