start
INTERVIEW

"Die Kraftstoffauswahl wird vielfältiger"

Der Markt für Kraftstoffe ist nicht erst seit dem starken Anstieg des Ölpreises in Bewegung. MTZ hat die Zukunft der Mobilität mit Jack Jacometti, Shells Vizepräsident Future Fuels und CO2 und Mitglied des FISITA Honorary Committee, diskutiert. Angesichts einer steigenden Energienachfrage, begrenzter Produktion sowie der Notwendigkeit, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, ruft Jacometti zur Forschung und Entwicklung fossiler Brennstoffe mit reduzierten Emissionen auf und einer effektiven Rahmenpolitik, die den Wandel fördert.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Kraftstoffe aus?
Seit meinem Universitätsabschluss ist die Weltbevölkerung um zwei Drittel gewachsen und die Mobilitätsansprüche sind gestiegen. Die Herausforderung besteht darin, ausreichend Energie zu bezahlbaren Konditionen zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig die Auswirkungen des Verkehrs auf Luftqualität, Klimawandel und die Gesellschaft insgesamt in Grenzen zu halten. Benzin und Diesel werden in absehbarer Zukunft die dominierenden und zweckmäßigsten Kraftstoffe bleiben. Dennoch wird die Auswahl der Kraftstoffe vielfältiger, teilweise aus Gründen der Versorgungssicherheit, aber auch aus Gesichtspunkten der Umwelt und der sich verändernden Kundenbedürfnisse. Neue Kraftstoffe wie Gas-to-Liquids (GTL) und Biokraftstoffe werden zunehmend konventionelle Kraftstoffe ergänzen; langfristig gesehen hat auch Wasserstoff das Potenzial, eine wichtige Rolle zu spielen.

Wie bewerten Sie die Rolle von Öl und Gas im weltweiten Energiemix?

Der Energie-Herausforderung zu begegnen, heißt das anzuerkennen, was wir als die "drei harten Wahrheiten" bezeichnen: Erstens braucht die Welt in den nächsten Jahrzehnten enorm große Mengen an Energie, um das wirtschaftliche Wachstum zu unterstützen. Zweitens wird die Versorgung von Öl und Erdgas aus leicht zugänglichen Ressourcen mit dieser Nachfrage kaum mithalten können. Drittens steigen als Folge davon die CO2-Emissionen, die Sorge um den Klimawandel nimmt zu. Konventionelles Öl und Gas bleiben wichtig, aber wir werden Energie effizienter nutzen müssen. Und wir werden Öl und Erdgas in unzugänglichen Gebieten fördern sowie aus unkonventionellen Vorkommen wie Ölsanden gewinnen. Alternative Energiequellen wie Wind und Sonne sowie Biokraftstoffe rücken stärker in den Vordergrund.

Wie können wir dieser Herausforderung gerecht werden, um eine nachhaltige Energiezukunft zu erreichen?
Zunächst müssen wir erkennen, dass wir nicht so weitermachen können wie bisher. Für uns bedeutet das, unsere Arbeit so effizient wie möglich darauf auszurichten, CO2-Emissionen zu reduzieren. Zweitens müssen wir mit Regierungen und Automobilherstellern zusammenarbeiten, damit kohlenstoffarme Kraftstoffe entwickelt und genutzt werden. Das schließt Biokraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen ebenso wie Wasserstoff und Wind- und Solarenergie für Elektrofahrzeuge ein. Drittens arbeiten wir an Demonstrationsprojekten, die das Ziel haben, Kohlendioxid im Untergrund der Erde einzulagern. Viertens ist mehr Forschung und Entwicklung notwendig, um fossile Kraftstoffe mit geringeren Emissionen zu produzieren. Fünftens helfen wir unseren Kunden dabei, Kraftstoffe effizienter zu nutzen. Und nicht zuletzt arbeiten wir mit Regierungen zusammen, um zu einer effektiveren CO2-Politik zu gelangen.

Glauben Sie, dass alternative Kraftstoffe Öl und Gas ersetzen, und wenn ja, wie lange wird das dauern?

Alternative Kraftstoffe werden voraussichtlich eine zunehmend wichtige Rolle spielen, um den Forderungen nach geringeren örtlichen Emissionen und reduzierten CO2-Emissionen zu entsprechen. Wir investieren in führende Biotechnologieunternehmen, um hochentwickelte Biokraftstoffe auf den Markt zu bringen, die deutliche CO2-, Kosten-und Leistungsvorteile bieten. Wir arbeiten zum Beispiel mit Iogen zusammen, um Ethanol aus Stroh zu produzieren, und entwickeln mit Choren synthetischen Biomass-to-Liquid-Kraftstoff (BTL) aus Holzrückständen. Aber diese Biokraftstoffe werden nicht die zuvor genannten "drei harten Wahrheiten" hinfällig werden lassen. Es wird noch einige Jahrzehnte dauern bis Biokraftstoffe der zweiten Generation einen Anteil von sieben bis zehn Prozent aller Kraftstoffe erreichen. Wir setzen große Hoffnungen in GTL, einen aus Erdgas gewonnen synthetischen Dieselkraftstoff, der einen Beitrag dazu leisten kann, in dicht besiedelten Städten Emissionen zu reduzieren. GTL ist ein kosteneffektiver alternativer Kraftstoff, nahezu schwefelfrei, der in bereits existierenden Motoren eingesetzt werden kann.

Glauben Sie, dass Wasserstoff eine wichtige Rolle als Kraftstoff spielen wird?
Wasserstoff ist langfristig eine Alternative. Er erfordert ein vollständig neues Verteilungsnetz und bezahlbare Brennstoffzellenfahrzeuge. Autos mit einer Brennstoffzelle könnten für Fahrten über längere Strecken ins Spiel kommen und Elektrofahrzeuge ergänzen, die eher für die städtische Kurzstreckenmobilität geeignet sind.

Auf dem European Automotive Forum in Brüssel im Januar haben Sie zum schnellen Fortschritt in Forschung und Entwicklung alternativer Kraftstoffe aufgerufen. Was sind die nächsten wichtigen Schritte, die unternommen werden müssen?
Wir wollen dazu beitragen, dass die richtigen Rahmenbedingungen für den Wandel geschaffen werden. Das bedeutet, dass wir mit politischen Entscheidungsträgern zusammenarbeiten und eine effektive CO2-Rahmenpolitik unterstützen müssen.

Sind Sie als Shell-Repräsentant an einer globalen Reduzierung des Kraftstoffverbrauches interessiert, obwohl dieser Trend die Gewinne Ihres Unternehmens reduzieren könnte?
Vor dem Hintergrund der "harten Wahrheiten", die ich zuvor erwähnt habe, wird klar, dass Energieeffizienz für die Zukunft jedes Einzelnen und den Erfolg unseres Unternehmens entscheidend ist. Wir sehen, dass besonders gewerbliche Kunden zunehmend energieeffiziente Kraft- und Schmierstoffe nachfragen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir investieren daher in Technologien, die die nächste Generation sauberer Kraftstoffe hervorbringen wird. Das ist ein wichtiger Beitrag, um Mobilität zukunftsfähig zu gestalten.

Sind Sie als FISITA-Mitglied und in Ihrer Position bei Shell in der Lage, die globale Kraftstoffpolitik zu beeinflussen?
Wir kooperieren mit den Regierungen in China, Japan, Europa und in den USA, um Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass der Verkehr weniger zur lokalen Luftverschmutzung und zum Treibhauseffekt beiträgt. Bei FISITA haben wir die Kompetenz der gesamten Industrie vereint, um gemeinsam an der Entwicklung kohlestoffarmer Kraftstoffe und sauberer, effizienter Motoren zu arbeiten.

Herr Jacometti, es hat uns gefreut, mit Ihnen zu sprechen.


Autor(en): Roland Schedel
send print AddThis Feed Button
start
MEHR ZUM THEMA
Kraftstoff   Ölpreis   Zukunft der Mobilität   Jack Jacometti   CO2   FISITA   Shell   Biokraftstoff   Wasserstoff  
start
WEITERE INTERVIEWS
» "Wir wollen den elektrischen Stromverbrauch halbieren"
Wird mehr elektrische Leistung gefordert, steigt der Kraftstoffverbrauch. Elmar Frickenstein muss trotz der wachsenden Anzahl von elektrischen Verbrauchern und Funktionen im Auto für mehr Effizienz im Energiehaushalt sorgen. ATZelektronik diskutierte mit dem Bereichsleiter Elektrik/Elektronik und Fahrerlebnisplatz der BMW Group über zahlreiche Maßnahmen, die zur Halbierung des elektrischen Energieverbrauchs führen sollen. » mehr...
» "Elektrofahrzeuge erfordern zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen"
In ihrem aktuellen Weißbuch will die Europäische Union bis 2020 die Zahl der Unfallopfer erneut halbieren. Die damit verbundenen Aufgabenstellungen an Industrie und Politik bedürfen eines abgestimmten Vorgehens, dessen Kernpunkte in der "Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit" zusammengefasst wurden. Im ATZ-Interview erläutert Prof. Dr. rer. nat. Volker Schindler von der TU Berlin die Hintergründe und Ziele. » mehr...
» "Elektrogeräusche können zum Statussymbol werden"
Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs stellt auch die Akustikentwicklung vor zahlreiche neue Fragen. Gleichzeitig gehen die klassischen Aufgaben zur Akustikoptimierung weiter. Für mehr Schlagkraft in der Akustikentwicklung fordert Prof. Dr. techn. Hartmut Bathelt, Geschäftsführer der Akustikzentrum GmbH in Lenting, eine bessere Verzahnung von Test und Simulation. » mehr...
 
start
PREMIUM PARTNER
start
LOGIN FACHARTIKEL-ARCHIV
 
start
NEUES THEMENDOSSIER ONLINE
Effizienz - elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen

ThemendossierMit den Online-Themendossiers für automobile Ingenieure greift ATZonline Titelstrecken der Fachmagazine der ATZ-Familie auf und erweitert sie um aktuelle Nachrichten, Fachbeiträge und Interviews aus Wissenschaft, Forschung und Entwicklung beim Hersteller & Zulieferer zum Thema Auto und Technik.

Aktuell: Effizienz elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen
start
ATZonline @ FACEBOOK + TWITTER
ATZonline ist jetzt auch im Social-Web. Informieren Sie sich bei Facebook oder twitter über aktuelle Nachrichten, Themendossiers, Interviews und Fachbeiträge auf ATZonline.

ATZonline on twitterTwitterATZonline auf FacebookFacebook
start
LESEPROBE KOSTENLOS ONLINE BLÄTTERN

Lesen Sie hochaktuelle Beiträge zu den Themen Auto & Technik auf technisch wissenschaftlichem Niveau aus Wissenschaft, Forschung, Entwicklung und Produktion der Automobilindustrie.

» ATZ: Seit 1898 in der Automobilindustrie die Zeitschrift für Auto & Technik

» MTZ: In der Auto-Motor-Entwicklung die Zeitschrift für Ingenieure

» ATZelektronik: Die Auto-Zeitschrift für Elektronik & Elektrotechnik

» ATZproduktion: Die Technik-Zeitschrift für die Automobilindustrie-Produktion
start
AUTOMOTIVE AGENDA IST NOMINIERT
Automotive Agenda ist mehrfach nominiert:

Innovationspreis 2011Design Preis
start
NEWSLETTER
Mit dem Newsletter erhalten Sie zwei Mal in der Woche aktuelle News, Berichte, Events und Interviews aus der Automobiltechnik und Automobilentwicklung. Natürlich kostenlos!

Exklusiv für Newsletter-Abonnenten:
regelmäßig kostenlose Fachartikel

  
start
BUSINESS PARTNER
BorgWarnerTE Connectivity
start
LEXIKON
GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON ONLINE
Das Wissen der Experten:
Qualitätsgeprüft. 25.000 Stichwörter. Kostenlos.

» Definition kostenlos im Lexikon suchen
start
KOOPERATIONEN
eCarTecElektro-Mobil Kongress
 
RSS Home Springer Automotive Media Mediadaten AGB/Datenschutz Impressum Kontakt

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012