start
INTERVIEW

"Autosar sorgt für einen Paukenschlag"

Der neue BMW 7er läutet ein neues Zeitalter der Bordnetzarchitektur ein. Elmar Frickenstein beschreibt im Interview mit ATZelektronik, wie die weltweit ersten in Autosar entwickelten Seriensteuergeräte in diese neuartige modulare Baukastenarchitektur eingebunden sind. Der Elektrik-/Elektronikchef der BMW Group zeigt die Möglichkeiten, die nicht nur Entwicklern, sondern auch Kunden in der Zukunft offeriert werden.

Mit Spannung ist der neue 7er-BMW erwartet worden - unter anderem weil er als erstes Auto weltweit über autosarkonforme Steuergeräte-Software verfügt. Wie viel Autosar steckt in der neuen Generation?
Noch zu wenig, wenn man bedenkt, welche enormen Fortschritte Autosar bringt. Unser Ziel ist 100 Prozent Autosar in allen Autos. Sechs Steuergeräte sind es derzeit im 7er, die in der Basissoftware und auch in der Applikation Autosar enthalten. Ich denke, das ist ein guter Anfang. Denn wir mussten ja bereits vor drei Jahren entscheiden, Autosar zu integrieren. Zu dem damaligen Zeitpunkt befand sich Autosar noch in der Spezifikationsphase. Wir haben in Summe auf Ebene der Basissoftware in fast allen Steuergeräten etwas in Richtung Autosar eingebracht: In unserem BMW-Standard-Betriebssystem haben wir bereits Softwaremodule aus Autosar implementiert. So sind vorerst Mischformen auf der Softwaremodul-Ebene entstanden.

Sechs Steuergeräte in Autosar - von insgesamt wie vielen? Und um welche Steuergeräte handelt es sich?
In der Topausstattung zählen wir zwischen 65 und 70 Steuergeräten. Die sechs autosarkonformen finden sie im Karosseriebereich. Es handelt sich um zentrale Steuergeräte für den Eintritt ins Auto - beispielsweise Schließsysteme und darüber hinaus Steuerungssysteme zur Abschaltung von Verbrauchern, Zuordnung von Energieverbrauchern und Komfortfunktionen im Interieur.

Die Entwicklung des 7er-BMW lief parallel zur stetigen Weiterentwicklung von Autosar. In wie weit konnten aktuelle Erkenntnisse in den laufenden Entwicklungsprozess Ihres Topmodells einfließen?
In vergangenen drei Jahren haben wir schrittweise Steuergerät für Steuergerät in Autosar umgesetzt. Gleichzeitig haben wir einige Systemfunktionen auf Autosar ausgerichtet. Die Erfahrungen und Erkenntnisse konnten wir als Executive Member in die Autosar-Spezifikation einfließen lassen. Umgekehrt sind die Erfahrungen von Autosar in den Entwicklungsprozess des neuen 7ers eingeflossen. Die Wiederverwendung der Software und der geringere Testaufwand sind erste positive Ergebnisse.

Wie geht es weiter? Wie viel Autosar wird beispielsweise im nun folgenden 5er-BMW zu erwarten sein?
Übernahmesteuergeräte bleiben wie sie sind. Aber jedes Steuergerät, das wir neu beauftragen, hat per Definition einen Autosar-Core. Somit sind wir in der Lage, den jeweils aktuellsten Spezifikationsstand von Autosar zu integrieren. Die Version Autosar 3.0 lässt sich heute im Karosseriebereich aber auch im Antriebs- und Fahrwerksbereich einsetzen. Auch neue Bussysteme wie Flexray bekommen wir mit 3.0. Mit Release 4.0 diskutieren wir, ob wir und was wir im Infotainment mit Autosar spezifizieren und standardisieren.

Lässt sich der Nutzen von Autosar bereits im 7er-BMW messen?
Dafür ist es noch zu früh, denn insbesondere folgende Fahrzeuggenerationen profitieren davon, dass wir auf Standard-Industrieprozesse und wieder verwendbare Software zurückgreifen können. Wir sind nun in der Lage, Funktionen auszutauschen. Wir können Softwarefunktionen quasi freischneiden. Das ist ein Gebiet, das wir bis dato noch gar nicht anfassen konnten. Einen unmittelbaren Benefit hat der BMW 7er dennoch schon heute: Er profitiert von einer deutlich höheren Qualität des Betriebssystems, die wir durch standardisierte Autosar-Schnittstellen und durchgängige Tools auf Lieferantenseite erzielten.

Zahlen Sie als Pionier hier das meiste Lehrgeld?
Wir haben das Glück, die Ersten sein zu dürfen. Aber BMW hat hier auch eine Verantwortung gegenüber der gesamten Fahrzeugindustrie. Natürlich profitiert jeder andere Autohersteller und jeder Zulieferer von den Ergebnissen, die wir heute einfahren. Dennoch bleibt genügend Wettbewerbsdifferenzierendes übrig. BMW profitiert heute schon von Autosar.

Wie kommen Autosar und Infotainment zusammen?
Infotainment hat einen besonderen Zielkonflikt, da die Autoindustrie mit branchenfremden Qualitätsstandards und Schnittstellen der schnelllebigen IT- und Konsumentenwelt operieren muss. Die interessante Frage, die sich stellt: Wie viel kann die Automobilindustrie hier künftig beeinflussen? Wir haben uns innerhalb des Autosar-Konsortiums von heute an ein weiteres Jahr Zeit gegeben, um zu entscheiden, ob und wann Infotainment in Autosar mitbehandelt wird. Diese Zeitschiene gilt aber auch deshalb, weil wir uns zunächst den größeren Bedarfen der Automobilhersteller im Bereich Karosserie und Antrieb widmen.

Hilft Autosar, Produktlebenszyklen von Software zu verkürzen?
Autosar liefert mit Standardschnittstellen und dem nun möglichen konsequenten Einsatz von Baukästen den entscheidenden Beitrag: Die Baukästen sind nun nicht mehr an bestimmte Fahrzeuge gebunden. Ein Beispiel: Wir haben in diesem Jahr unsere neue Headunit für den Infotainmentbereich vorgestellt. Diese zieht sich durch alle Modelle der BMW Group. Das heißt, mit einem Paukenschlag stehen neueste Funktionalitäten wie 3D-Navigationskarte, Telematik und Sprachsteuerung, die im Rahmen der Entwicklung des BMW 7ers entstanden sind, seit September diesen Jahres in allen BMW-Neufahrzeugen zur Verfügung.

Von welchen Produktlebenszyklen sprechen wir dann?
Wir bekommen jetzt Innovationszyklen in den oberen Systemebenen von drei Jahren und in der unteren Ebene, der Software, von neun Monaten.

Was ist offen bei Autosar?
Die noch offene Fragestellung: Wie bekommen wir Infotainment zu einem weltweit einheitlichen Standard? Alles andere ist auf dem Weg. Die Botschaft lautet: Alles Notwendige ist gemacht, lasst es uns nun so flächendeckend wie möglich umsetzen. Die größte Herausforderung, vor der wir stehen, ist die modellbasierte Entwicklung zu realisieren - über alle Steuergeräte und Funktionen hinweg. Wir benötigen hier eine durchgängige Toolkette. BMW will dies in den kommenden zehn Jahren gemeinsam mit der Industrie zum Erfolg führen. Die internen Zeitpläne bei BMW hierzu sind sehr konkret.

Autor(en): Markus Schöttle
send print AddThis Feed Button
start
MEHR ZUM THEMA
BMW   Autosar   Frickenstein   BMW 7er   Elektrik   Elektronik   Software  
start
WEITERE INTERVIEWS
» "Wir wollen den elektrischen Stromverbrauch halbieren"
Wird mehr elektrische Leistung gefordert, steigt der Kraftstoffverbrauch. Elmar Frickenstein muss trotz der wachsenden Anzahl von elektrischen Verbrauchern und Funktionen im Auto für mehr Effizienz im Energiehaushalt sorgen. ATZelektronik diskutierte mit dem Bereichsleiter Elektrik/Elektronik und Fahrerlebnisplatz der BMW Group über zahlreiche Maßnahmen, die zur Halbierung des elektrischen Energieverbrauchs führen sollen. » mehr...
» "Elektrofahrzeuge erfordern zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen"
In ihrem aktuellen Weißbuch will die Europäische Union bis 2020 die Zahl der Unfallopfer erneut halbieren. Die damit verbundenen Aufgabenstellungen an Industrie und Politik bedürfen eines abgestimmten Vorgehens, dessen Kernpunkte in der "Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit" zusammengefasst wurden. Im ATZ-Interview erläutert Prof. Dr. rer. nat. Volker Schindler von der TU Berlin die Hintergründe und Ziele. » mehr...
» "Elektrogeräusche können zum Statussymbol werden"
Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs stellt auch die Akustikentwicklung vor zahlreiche neue Fragen. Gleichzeitig gehen die klassischen Aufgaben zur Akustikoptimierung weiter. Für mehr Schlagkraft in der Akustikentwicklung fordert Prof. Dr. techn. Hartmut Bathelt, Geschäftsführer der Akustikzentrum GmbH in Lenting, eine bessere Verzahnung von Test und Simulation. » mehr...
 
start
PREMIUM PARTNER
start
LOGIN FACHARTIKEL-ARCHIV
 
start
NEUES THEMENDOSSIER ONLINE
Effizienz - elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen

ThemendossierMit den Online-Themendossiers für automobile Ingenieure greift ATZonline Titelstrecken der Fachmagazine der ATZ-Familie auf und erweitert sie um aktuelle Nachrichten, Fachbeiträge und Interviews aus Wissenschaft, Forschung und Entwicklung beim Hersteller & Zulieferer zum Thema Auto und Technik.

Aktuell: Effizienz elektrischer Systeme - Standards und Maßnahmen
start
ATZonline @ FACEBOOK + TWITTER
ATZonline ist jetzt auch im Social-Web. Informieren Sie sich bei Facebook oder twitter über aktuelle Nachrichten, Themendossiers, Interviews und Fachbeiträge auf ATZonline.

ATZonline on twitterTwitterATZonline auf FacebookFacebook
start
LESEPROBE KOSTENLOS ONLINE BLÄTTERN

Lesen Sie hochaktuelle Beiträge zu den Themen Auto & Technik auf technisch wissenschaftlichem Niveau aus Wissenschaft, Forschung, Entwicklung und Produktion der Automobilindustrie.

» ATZ: Seit 1898 in der Automobilindustrie die Zeitschrift für Auto & Technik

» MTZ: In der Auto-Motor-Entwicklung die Zeitschrift für Ingenieure

» ATZelektronik: Die Auto-Zeitschrift für Elektronik & Elektrotechnik

» ATZproduktion: Die Technik-Zeitschrift für die Automobilindustrie-Produktion
start
AUTOMOTIVE AGENDA IST NOMINIERT
Automotive Agenda ist mehrfach nominiert:

Innovationspreis 2011Design Preis
start
NEWSLETTER
Mit dem Newsletter erhalten Sie zwei Mal in der Woche aktuelle News, Berichte, Events und Interviews aus der Automobiltechnik und Automobilentwicklung. Natürlich kostenlos!

Exklusiv für Newsletter-Abonnenten:
regelmäßig kostenlose Fachartikel

  
start
BUSINESS PARTNER
BorgWarnerTE Connectivity
start
LEXIKON
GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON ONLINE
Das Wissen der Experten:
Qualitätsgeprüft. 25.000 Stichwörter. Kostenlos.

» Definition kostenlos im Lexikon suchen
start
KOOPERATIONEN
eCarTecElektro-Mobil Kongress
 
RSS Home Springer Automotive Media Mediadaten AGB/Datenschutz Impressum Kontakt

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012