"Schwellenländer sind von besonderer Wachstumsdynamik geprägt"
Wie möchte Bosch im Segment der Low-price-Vehicles den im Vergleich geringeren Preis bei gleichzeitig hoher Qualität erreichen? Das ist nur eines der Themen, die ATZ mit Dr.-Ing. Bernd Bohr, Vorsitzender des Unternehmensbereichs Kraftfahrzeugtechnik der Bosch-Gruppe, besprochen hat. Zudem standen die neuen Märkte, Lithium-Ionen-Batterien und die Zukunftsperspektiven der verschiedenen Antriebstechnologien zur Debatte.
Wie sieht für Sie die ideale Zusammenarbeit zwischen OEM und Supplier aus?
Mit drei Worten gesagt: früh, viel, gemeinsam. Aus einer engen Vernetzung mit unseren Kunden bereits in der frühen Entwicklungsphase entstehen innovative, kostengünstige und effiziente technische Lösungen. Dabei profitiert der OEM insbesondere von unserer Erfahrung mit Automobiltechnik, aber auch von unseren Marktkenntnissen aus den verschiedenen Regionen weltweit. Gute Beispiele sind Projekte wie der Tata Nano, bei dem neben den neuen Marktanforderungen auch ein hoher Local-Content bei Entwicklung und Fertigung darzustellen war. Die Erfahrungen unserer indischen Ingenieure und ihre weltweite Vernetzung mit anderen Entwicklungszentren sind die Basis, diese Herausforderung hinsichtlich Qualität zu geringen Kosten zu meistern.
Entwickeln Sie komplett neue Produkte oder bauen Sie bestehende Konzepte für den Low-cost-Markt um?
Wir verfolgen derzeit drei verschiedene Ansätze. Erstens: Der Top-Down-Ansatz ist die schnellste und einfachste Lösung. Dabei werden Standard-Produkte zielgerichtet vereinfacht. Oft können bestimmte Komponenten und Funktionen komplett eingespart werden, die bei Low-price-Vehicles ohnehin nicht genutzt werden. Zweitens: Der Bottom-Up-Ansatz - das heißt zum Beispiel auf der Basis einer Motorsteuerung für Motorräder deren Funktions- und Systemumfang zu erweitern, bis er den Anforderungen des Autos angepasst ist. Drittens: Wir bedienen den Markt mit vollkommen neuen Komponenten, die spezifisch für Low-price-Vehicles konzipiert sind.
Wie wird der im Vergleich geringere Preis bei gleichzeitig geforderter hoher Qualität erreicht?
Keinesfalls unter Verzicht auf Qualität, sondern mit Spezifikationen, die vom OEM an die Erfordernisse des Marktes angepasst sind. Darüber hinaus schaffen wir das mit innovativen Technikkonzepten, die sich auf das unbedingt Notwendige konzentrieren. Lokale Fertigung und lokaler Einkauf sind wichtige Elemente. Hier können wir auf Standorte mit Jahrzehnten an Erfahrung in Ländern wie Indien, Brasilien oder China zurückgreifen. Und letztlich erreichen wir das mit der Aussicht auf große Stückzahlen in einem höchst interessanten Markt. Mit dieser Strategie schaffen wir es, auch im Low-price-Segment ähnliche Renditen zu erzielen wie mit Zulieferungen in etablierten Märkten.
Welche besonderen Anforderungen stellen die wachsenden Märkte in Indien und China?
Wir beschäftigen in Indien einschließlich unserer Software-Aktivitäten mehr als 18.000 Menschen. In China sind es rund 19.500. Gerade in diesen Märkten haben wir ein großes Wachstum - 2007 erzielten wir in Indien ein Umsatzplus von 15 Prozent und in China von 35 Prozent. Die schärfer werdenden Abgaslimits erfordern eine moderne Kraftfahrzeugtechnik und damit werden wir weiterhin zulegen können. Hinzu kommt, dass Automobilhersteller in diesen Märkten mehr als in etablierten Märkten von Zulieferer Bosch komplette Konzepte erwarten, nicht allein Komponenten und Applikationen. Dabei spielt auch Time-to-Market eine entscheidende Rolle, da aufstrebende Schwellenländer von einer besonderen Wachstumsdynamik geprägt sind. Die kurzen Entwicklungszeiten beherrschen wir mit entsprechenden Kapazitäten in der Region und Marktkenntnis.
Welche Rolle spielen die steigenden Rohstoffpreise für den Gewinn Ihrer Sparte?
Der rasche und hohe Anstieg der Rohstoffpreise hat wesentlichen Einfluss auf unsere Erträge. Da der 2008 schon das dritte Jahr in Folge stattfindet, sehen wir uns gezwungen, diese Mehrkosten zum großen Teil - bei manchen Zulieferungen zur Gänze - an unsere Kunden weiterzugeben. Dass diese Gespräche nicht einfach sind, versteht sich von selbst.
Ihr Joint-Venture mit Samsung produziert Lithium-Ionen-Batterien. Für welchen OEM wird der Batteriepack hergestellt?
Zum 1. September 2008 hat unser 50:50-Joint-Venture mit Samsung unter dem Namen SB Limotive die Arbeit aufgenommen. Es bündelt die Kompetenz von Samsung als einem der weltweit führenden Hersteller von Lithium-Ionen-Batterien für die Consumer-Elektronik mit den umfassenden Erfahrungen von Bosch mit Kraftfahrzeug- und Hybridtechnik. Von 2010 an planen wir, Lithium-Ionen-Zellen in Großserie zu fertigen, von 2011 an komplette Batteriepacks. Mit unseren späteren Kunden reden wir schon heute, aber über sie werden wir erst später sprechen können.
Namhafte OEMs haben angekündigt, bis 2012 Elektroautos auf den Markt zu bringen. Sie haben kommuniziert, dass eine Reichweite von 200 km bis 300 km, ohne die Batterie aufzuladen, möglich ist. Wie und bis wann wollen Sie dieses Ziel erreichen?
Unsere Prognosen zum elektrischen Fahren sind zurückhaltend. Wir erwarten für 2015 weltweit einen Markt für gut 350.000 Elektro-Fahrzeuge und Plug-in-Hybride, für 2020 rechnen wir mit 1,5 Millionen Stück. Das sind Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb oder zusätzlich mit einem Verbrennungsmotor als Range-Extender. Voraussetzungen, um diese Ziele zu erreichen, sind eine wesentlich gesteigerte Energie- und Leistungsdichte bei Lithium-Ionen-Batterien, leichte Fahrzeuge und nicht zuletzt Autokäufer, denen eine Reichweite von 200 km bis 300 km bis zum Nachladen ausreicht.
Mit Lithium-Ionen-Batterien setzen Sie auf den Elektroantrieb. Sie sind aber auch mit Mahle ins Turboladergeschäft eingestiegen. Welche Antriebstechnologie hat für Sie die größere Perspektive?
Wir sind davon überzeugt, dass auf lange Sicht der elektrische Antrieb dominieren wird. Insbesondere dann, wenn er sich des Stroms bedient, der aus regenerativen Energiequellen stammt. Bis dahin aber - und wir rechnen da in Zeiträumen über die nächsten 20 Jahre - wird insbesondere bei einer weltweiten Betrachtung der Verbrennungsmotor im Automobil dominieren. Die Motorentechnik für Benziner und Diesel hat noch erhebliches Potenzial hinsichtlich Verbrauch und Emissionen, das Bosch-Ingenieure in den nächsten Jahren in Serientechnik umsetzen werden. Bosch Mahle Turbo Systems darf damit zuversichtlich in die Zukunft blicken.
Dr. Bohr, es hat mich gefreut, mit Ihnen zu sprechen.
Autor(en): Roland Schedel