"Schwachstellen beseitigen, nicht pflegen"
Die Instandhaltung von Maschinen und Anlagen steht seit jeher im Spannungsfeld widerstreitender Interessen, die durch den zunehmenden Effizienz- und Kostendruck verschärft werden. Patentrezepte dafür gibt es nicht. Professor Axel Kuhn (Foto, links) und Gerhard Bandow vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik verrieten im Gespräch mit ATZproduktion Ansatzpunkte für eine "gute" Instandhaltung.
Herr Prof. Kuhn, Herr Dr. Bandow, die Vermeidung unproduktiver Nebenzeiten zählt zu den wichtigen Voraussetzungen für eine effiziente Produktion in der Automobilindustrie. Welchen Stellenwert hat dabei die Instandhaltung von Maschinen und Anlagen?
Kuhn Die Bedeutung der Instandhaltung für die Produktivität wird in vielen Unternehmen noch immer unterschätzt. In der Automobilindustrie trifft dies insbesondere auf kleine und mittlere Unter¬nehmen zu. Bei den unproduktiven Nebenzeiten verantwortet die Instandhaltung zwar nur einen kleinen Anteil an der Gesamtanzahl der Nebenzeiten. Diese Nebenzeiten können jedoch aufgrund organisatorischer oder technischer Unzulänglichkeiten bei den Abläufen zu großen unproduktiven Nebenzeiten werden. Abhilfe schafft hier eine optimale Planung und Vorbereitung aller planmäßigen Aktivitäten, aber auch die Flexibilität, ursprünglich nicht vorgesehene Stillstandzeiten der Maschinen und Anlagen optimal nutzen zu können.
Instandhaltungsmaßnahmen sind einerseits erforderlich, um die Produktivität von Maschinen und Anlagen aufrecht zu erhalten. Auf der anderen Seite sind Instandhaltungsmaßnahmen oft mit Maschinenausfällen oder Anlagenstillständen verbunden. Wie können OEMs und Zulieferer auf der einen und die Maschinenlieferanten auf der anderen Seite diesen Spagat bewältigen?
Kuhn Dieser Spagat gelingt dann, wenn OEMs und Zulieferer bei der Instandhaltung nicht immer zuerst an die Preisschraube denken und sich überlegen, wie die Instandhaltungskosten gesenkt werden könnten. Im Mittelpunkt sollte vielmehr das Gesamtoptimum stehen, das durch die Produktivität von Produktion und Instandhaltung bestimmt wird. Dabei kann es sehr wohl sinnvoll sein, höhere Kosten für die Instandhaltung zu akzeptieren, wenn dadurch die Gesamtkosten sinken und die Deckungsbeitragsverluste durch Anlagenausfall und resultierende Lieferverzögerungen vermieden werden. Hierzu gehört auch, erkannte Schwachstellen der Maschinen zu beseitigen und nicht zu "pflegen". Solange jedoch die Produktion auf die Feuerwehr-Mentalität setzt und die Instandhaltung für die schnelle Behebung von Störungen statt deren Vermeidung belohnt, wird die Instandhaltung anstatt mit Laufzeiten mit Stillständen in Verbindung gebracht und daran gemessen, wie lange diese dauern. Instandhaltung ist jedoch als Investition in den Unternehmenserfolg zu betrachten und nicht als Kostensenkungspotenzial.
Was macht für Sie eine "gute" Instandhaltung aus?
Kuhn Eine gute Instandhaltung ist - wie ich unlängst im Rahmen der Summit Maintenance erläutert habe - pro-aktiv und flexibel und sorgt dafür, dass die Maschinen und Anlagen stets den Anforde¬rungen der Produktion entsprechen und dadurch die Wertschöpfung sichergestellt wird. Die Instandhaltung richtet hierbei ihre Aktivitäten auf den Lebenszyklus der Maschinen und Anlagen aus und beseitigt Ausfälle und Fehler auf Dauer, sofern dies wirtschaftlich realisierbar ist.
Welche Fortschritte beobachten Sie bei der instandhaltungsgerechten Konstruktion und Auslegung von Maschinen und Anlagen?
Bandow Geben Sie doch einmal den Begriff "instandhaltungsgerechte Konstruktion" in einer Suchmaschine ein. Ich habe dies vor kurzem getan und weniger als 400 Treffer erhalten. Davon sind einige Treffer Hinweise auf Literatur aus den späten 80er und frühen 90er Jahren. Andere verweisen auf Vorlesungen zu Konstruktionsthemen, in denen auf die schnelle Austauschbarkeit von Komponenten fokussiert wird. Das ist jedoch nur ein Aspekt von vielen. Kurzum: Diese Suchergebnisse dokumentieren Nachholbedarf.
Wie sollten sich Instandhaltungsaufgaben zwischen den Betreibern sowie den Maschinen- und Anlagenlieferanten idealerweise verteilen?
Kuhn Aufgaben, die eine permanente Präsenz vor Ort erfordern, sollten durch den Betreiber oder einen spezialisierten Dienstleister durchgeführt werden. Der Hersteller kann das Personal vor Ort dabei durch Teleservice-Leistungen aus der Ferne unterstützen. Alle Aufgaben, die vornehmlich aus der Ferne durchgeführt werden können oder nur teilweise den vor Ort Einsatz erfordern, können durch den Hersteller zentral erbracht werden. Hinzu kommen Aufgaben zur Planung und Durchführung von Modifikations- und Modernisierungsmaßnahmen oder auch Revisionsmaßnahmen, die Hersteller und Betreiber gemeinsam durchführen können.
Welche Rolle spielen computer- und netzbasierte Methoden zur Früherkennung von Verschleißzuständen heute und in Zukunft?
Bandow Heute sind zwar die technologischen Möglichkeiten verfügbar, sie werden jedoch noch unzureichend von den Kunden angenommen, da Bedenken wegen der Sicherheit bestehen. Diese Me¬thoden werden aber künftig immer mehr an Einfluss gewinnen. Getrieben wird diese Entwicklung durch die sinkenden Preise für entsprechende Überwachungstechnologien und die weiter steigende Integration von Informations- und Kommunikationstechnik in die Maschinen und Anlagen und damit die Verfügbarkeit von Daten und Informationen, die im Hinblick auf eine Früherkennung ausgewertet werden können.
Das Thema Instandhaltung wird oftmals im Zusammenhang mit TCO-Konzepten (Total cost of ownership) genannt. Welche Möglichkeiten haben die Maschinen- und Anlagenlieferanten vor dem Hintergrund dieser thematischen Koppelung, eigene Geschäftsmodelle für die Dienstleistung Instandhaltung zu entwickeln?
Kuhn Die Automobilindustrie gehört beim Thema TCO zu den Vorreitern. Die TCO sind - wie die Erfahrungen zeigen - prädestiniert, um eigene Geschäftsmodelle für die Dienstleistung Instandhaltung zu entwickeln. Dabei muss es darum gehen, lebenszyklusorientiert ein optimales Bündel von Leistungen zu schnüren. Dieses kann im Bereich der Anlagennutzung bis zum Full Service und Betreibermodellen gehen. Umsetzen lassen sich solche Ansätze jedoch nur, wenn der Hersteller eine entsprechende Organisation aufbaut, in der Vertrieb und Service Hand in Hand arbeiten.
Sehen Sie einen weiteren Aspekt, der das Thema Instandhaltung derzeit beeinflusst?
Kuhn Ein wichtiger Aspekt, wenn nicht sogar der wesentliche Aspekt, ist das Personal. Instandhaltung ist ohne entsprechend qualifiziertes Personal undenkbar. Allerdings gibt es bis heute kein Berufsbild für Instandhalter. Instandhalter wird man durch "Training on the job" und durch Weiterbildungsmaßnahmen. Hier besteht ein erheblicher Änderungsbedarf. Deshalb unterstützen wir mehrere Initiativen für eine praxisgerechte Ausbildung.
Autor(en): Stefan Schlott