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INTERVIEW

"Volatile Märkte flexibel bedienen"

Deutliche Produktions- und Umsatzrückgänge beherrschen die Schlagzeilen in allen Bereichen. Für die Zulieferer bedeutet dies wenig belastbare Planzahlen und die Notwendigkeit, auf extrem kurzfristige Lieferabrufe reagieren zu müssen. Für Hans-Georg Härter, Vorstandsvorsitzender der ZF Friedrichshafen AG, liegt der Schlüssel dazu in einer möglichst hohen Flexibilität von Mitarbeitern und Anlagen.

Herr Härter, in welchem Umfeld bewegt sich ZF zum Start des Jahres 2009?

Noch vor Jahresfrist sprach ich über das Sorgenpotenzial steigender Stahlpreise, explodierender Energiekosten und des Fachkräftemangels. Heute steht dagegen die Marktentwicklung im Fokus der Betrachtungen. Die Krise der Weltwirtschaft trifft auch uns. Im vergangenen Herbst mussten wir innerhalb weniger Wochen, teilweise sogar innerhalb weniger Tage, eine abrupte Trendumkehr in den Märkten feststellen. Diese überraschenden und extrem kräftigen Änderungen auf den Märkten waren für ZF eine neue Erfahrung. Dies umso mehr, als alle unsere Hauptsegmente und alle geografischen Regionen gleichzeitig betroffen sind. Das heißt im Klartext, dass ein Ausgleich derzeit weder über das Kundenportfolio, noch über die Produktpalette oder die globale Präsenz möglich ist. Insgesamt zehren die Rückgänge des vierten Quartals die Zuwächse zwischen Januar und September auf, sodass der Konzernumsatz für 2008 im Vergleich zu 2007 gleich bleiben wird.

Was erwarten Sie von 2009?
Das Geschäftsjahr 2009 ist derzeit außerordentlich schwer zu beurteilen. Unsere Kunden planen auf Sicht - also müssen wir das auch.

Was heißt das konkret?
Das volatile Marktumfeld gestattet unseren Kunden nicht, ihre eigenen Markteinschätzungen in den Griff zu bekommen. Deshalb müssen alle Beteiligten der Wertschöpfungskette im Automobilbau zum Teil mit Wochenprogrammen improvisieren, wo früher Monatsplanungen standen. Natürlich gibt es die eingeführten Vorschauen für drei und sechs Monate noch. Doch deren Halbwertzeit ist sehr kurz geworden.

Wagen Sie dennoch eine Prognose für 2009?

Sicher ist ein schlechtes erstes Quartal. Eine Erholung wird frühestens Ende 2009 eintreten - sofern vom "Autofrühling" in den sonst absatzstarken Monaten April/Mai und von der IAA im September die entsprechenden Impulse ausgehen. Wir müssen deshalb für 2009 mit einem Umsatzrückgang rechnen, den ich heute noch nicht beziffern kann. Bei aller Sorge darüber fühlen wir uns jedoch gut aufgestellt. Wir sind finanziell unabhängig, verfügen über eine hohe Liquidität und sind solide finanziert. Darüber hinaus haben wir mit der Modernisierung unserer Fabriken und der Einführung von Produktionssystemen eine gute Basis für eine effiziente Produktion geschaffen.

Wie reagiert ZF auf die Krise?
Wir nutzen flexible Instrumente, die der Konzern in den vergangenen Boomjahren aufgebaut hat und nun einsetzen kann. Dazu zählen unter anderem der Abbau von Mehrarbeit, eine Verlängerung der Betriebsruhen, zum Beispiel an Brückentagen, Qualifizierungsprogramme oder der Auslauf befristeter Arbeitsverträge.

All diese Maßnahmen zielen auf den Faktor Manpower. Wie können Sie produktionstechnisch reagieren, ohne Abstriche an Ihre Fertigungseffizienz in Kauf nehmen zu müssen?
Das ist in der Tat eine große Herausforderung, denn vom Grundsatz bechert zunächst einmal nur eine Vollauslastung der Maschinen und Anlagen eine hohe Produktivität. Zumindest solange die Auslastung nicht grenzwertig ist, weil dann das Pendel zurückschwingen kann. Aber das ist ein anderes Thema. In der aktuellen Situation sind die bereits eingeführten Produktivitätssysteme mit flexiblen Arbeitszeitgestaltungen und dem Prinzip des One-Piece-Flow sehr hilfreich zur Abfederung der schwankenden Lieferabrufe.

Wie können Sie als Zulieferer vernünftigerweise Ihre Kapazitäten an ein solches Umfeld anpassen?
Dazu ist zunächst einmal in hohem Maße ein absolut partnerschaftlicher Umgang erforderlich. Diese Grundvoraussetzung gilt über die gesamte Wertschöpfungskette vom OEM bis zum Tier-3-Lieferanten. Denn nur eine frühzeitige Ankündigung von Produktionsreduzierungen oder -pausen ermöglicht den nachfolgenden Wertschöpfungsstufen, darauf mit einem wenigstens einigermaßen hinreichenden Vorlauf zu reagieren. Weitere Grundelemente sehe ich in einem geordneten Materialfluss sowie der Installation interner Flexibilisierungsinstrumentarien wie sie in unseren Produktionssystemen enthalten sind.

Trotz Krise gibt es auch Fahrzeugmodelle mit sehr langen Lieferzeiten. Inwiefern eignen sich derlei Maßnahmen auch dazu, Unterkapazitäten kurzfristig auszugleichen?
Über die Gründe für derlei Lieferengpässe müssen Sie mit den OEMs sprechen. Wir auf erster Lieferantenebene können uns durch Nutzung der beschriebenen Flexibilisierungselemente nach oben sehr kurzfristig anpassen. Das haben wir in der Vergangenheit in hohem Maße unter Beweis gestellt.

Rächt sich in der aktuellen Situation ein hoher Automatisierungsgrad?

Je nach Produkt und Kunde reicht unsere flexible Fertigung von der kurz getakteten, hoch automatisierten Massenfertigung über abgestufte Mechanisierungsgrade bis hin zu einer erweiterten Manufaktur. Generell fällt bei einer hohen Automatisierung ein anderer Kapitaldienst an, als in einer Manufaktur. Und bei sinkenden Stückzahlen verteilt sich dieser Kapitaldienst naturgemäß auf weniger Einheiten. Insofern zeigt die aktuelle Situation, dass so genannte "Patentrezepte" in aller Regel nicht so zielführend sind, wie eine exakt auf die jeweiligen Produkte und Losgrößen abgestimmte Fertigungsstrategie.

Was würden Sie sich in der aktuellen Situation von den OEMs wünschen?

Zunächst einmal halte ich die aktuelle Berichterstattung über Elektrofahrzeuge im Pkw-Segment für überzogen. Sie führt zu einer Kaufzurückhaltung und ist deshalb kontraproduktiv. Darüber hinaus erfordert die aktuelle Entwicklung einen engen Schulterschluss zwischen allen Beteiligten und nicht, dass man sich in seiner Informationspolitik zurückhält. Schließlich wünsche ich mir, dass die OEMs konsequent auf Technologien setzen, die zur CO2-Reduzierung beitragen, weil dies neue Kunden zwangsläufig zu ZF führt.

Herr Härter, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Autor(en): Stefan Schlott
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