"Forschen im Themenfeld Elektromobilität hat höchste Priorität"
Dr. Wolf-Dieter Lukas entscheidet als Ministerialdirektor beim BMBF unter anderem über die finanzielle Förderung von Forschungsprojekten wie die Innovationsallianz Automobilelektronik (E-Enova) und die Allianz für die Entwicklung von Lithium-Ionen-Batterien (LIB). ATZelektronik sprach mit dem Leiter der Abteilung Schlüsseltechnologien über derzeitige und künftige Weichenstellungen in Richtung Elektromobilität.
Mit Abwrackprämien in Millionenhöhe kurbelt die Regierung kurzfristig den Verkauf von Autos an. Sind für nachhaltige Projekte - beispielsweise Elektrifizierung des Antriebsstrangs und Batterieentwicklung - auch weitere Finanzspritzen zu erwarten?
Ja. Zusätzlich zu den bereits von uns unterstützten Forschungsprojekten stocken wir im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung die Förderung deutlich auf. Im Konjunkturpaket II diskutieren wir allein für die angewandte Forschung neuer Antriebstechnologien über zusätzliche Mittel in Höhe von 500 Millionen Euro für die kommenden Jahre. Ich bin zuversichtlich, dass wir dies im Bundeshaushalt durchsetzen, denn Forschungsprojekte im Themenfeld Elektromobilität haben höchste Priorität.
Stocken Sie auch die Förderung laufender Projekte auf - und kompensieren damit die Nöte der Firmen, die Gelder vor der Strukturkrise zusagten?
Nein. Alle beteiligten Unternehmen halten ihre Zusagen ein und stehen zu den Partnerschaften. Unsere zusätzlichen Mittel verwenden wir für neue Projekte. Allein sich auf Lithium-Ionen-Batterien - deren Entwicklung wir mit 60 Millionen Euro unterstützen und in die industrieseitig mit 360 Millionen investiert wird - zu beschränken, reicht nicht. Zu den wichtigen Themen zählen alternative Antriebstechnologien, aber im besonderen Maße der Aufbau von Kompetenz in der Batteriesystem- und Batteriezellenfertigung. Zudem müssen wir bei der gesamten Betrachtung eines aufzubauenden Wertschöpfungskreislaufes das Recycling der Batterien sicherstellen.
Kritiker sagen, dass erst die wichtigsten technischen Probleme für die ersten zehntausend Fahrzeuge gelöst werden sollten, bevor man - wie im nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität ausgewiesen - über Millionen von Fahrzeugen als mobile Energiespeicher nachdenkt.
Wir müssen jetzt Signale geben, dass es uns ernst ist - wichtige Zielmarken setzen und die Entwicklungsingenieure herausfordern. Wie die Gewichtung von verschiedenen Hybrid- und Elektroantrieben aussieht und die Fahrzeuge vom Kunden angenommen werden, wissen wir heute noch nicht. Wir müssen aber den Mut haben, frühzeitig auf den Markt zu gehen und nicht - wie so oft - mit dem Anspruch zu Perfektionismus zu lange warten. Gut in der Forschung, schlecht in der Umsetzung: Dieses Image haftet den Deutschen teilweise zurecht an. Deswegen müssen wir alles dafür tun, die Markteinführung vorzubereiten und zu beschleunigen. Dafür binden wir die maßgebenden Ministerien Umwelt, Verkehr und Wirtschaft mit ein und holen Partner wie die Energiebranche frühzeitig mit ins Boot.
Der nationale sollte sich zum internationalen Entwicklungsplan öffnen, sagen Experten, die das derzeit entscheidende Batterie-Know-how im Ausland sehen.
Es schadet nicht, auf Know-how von Außen aufzubauen, wenn man drankommt. Wir müssen aber über eigenes Wissen und Fertigkeiten verfügen, und beispielsweise Batterien und deren Zellen in Deutschland produzieren. Sonst verlieren wir die bei Energiespeichern arbeitsplatzsichernde Wertschöpfung, die für die Autoindustrie künftig von großer Bedeutung ist. Wichtig ist zudem, dass alle Beteiligten ihre Investitionen in die Zukunft der Elektromobilität unter volkswirtschaftlichen Aspekten betrachten und nicht nur unter technischen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Und hier gilt: Nicht die Produktion folgt der Forschung, sondern die Forschung der Produktion.
Wie stellt sich Ihr Ministerium den neuen Herausforderungen?
Die Hightech-Strategie hat unsere Arbeit deutlich schwieriger, aber auch bereits spürbar wirkungsvoller gemacht. Wir arbeiten vernetzter. Unter der Führung des BMBF werden die genannten Ministerien frühzeitig in Forschungsvorhaben eingebunden und in gemeinsamen Prozessen orga¬nisiert. Was früher sequenziell mit Verlusten aufeinanderfolgte, passiert heute parallel und damit mit einer höheren Erfolgsquote in der Umsetzung. Die Kommunikation, die auch auf europäischer Ebene stattfindet, bedeutet viel Mehrarbeit, die sich allerdings jetzt schon lohnt. Denn wir sind schlagkräftiger geworden.
Wie flexibel kann das BMBF angesichts des mächtigen Apparates auf neue Forschungs-Impulse reagieren?
Schneller als zuvor. Mit dem Programm KMU-Innovativ haben wir vor einem Jahr eine Art Überholspur in die Prozesse der Bewerbung und Bewilligung von förderungswürdigen Projekten eingebaut. Erfolge haben sich bereits eingestellt: 50 Prozent der Vorschläge, deren Qualität hervorragend ist, kommen von Firmen, die zum ersten Mal Anträge beim BMBF einreichen. Wir gewinnen Flexibilität und Wettbewerb, denn die Projekte, die derzeit entstehen, gehen ganz neue Wege und treten damit - was die spätere Umsetzung in den Markt betrifft - auch in Konkurrenz zu den bereits bestehenden Lösungsansätzen. Des Weiteren hat unser Ministerium es geschafft, mit KMU-Innovativ den Weg zu Innovationen mit kurzfristigen Bearbeitungszeiten zu ebnen.
Welche Erfahrungen konnten Sie mit der Innovationsallianz Automobilelektronik E-Enova gewinnen? Bietet sich eine Zusammenarbeit mit der nun startenden LIB-Allianz an?
In der E-Enova arbeiten die beteiligten Unternehmen sehr eng und partnerschaftlich zusammen. Das ist neben dem finanziellen Engagement seitens der Industrie schon ein Wert an sich. Darauf lässt sich aufbauen: Wir meinen, dass eine stärkere Themen-Fokussierung als bisher deutlich werden muss. Der Fokus Hybrid- und Elektrofahrzeuge kristallisiert sich heraus. Die Brücke zu der Lithium-Ionen-Batterie-Allianz LIB wird derzeit auf Ebene der Partner, die in beiden Allianzen vertreten sind, geschlagen.
LIB wurde 2007 initiiert, die Forschungsgelder sind aber noch nicht geflossen.
Die Gelder werden in wenigen Tagen bewilligt und fließen dann in die Projekte.
Herr Dr. Lukas, vielen Dank für das Gespräch.
Autor(en): Markus Schöttle