"Entwicklungsbegleitende Forschung auf höchstem Niveau"
Nach Einschätzung von Experten liegen die technischen Entwicklungslinien der nächsten Jahre auf der weiteren Schadstoffreduzierung, der Erweiterung der Bedien- und Kontrollelektronik und auf der integrierten Sicherheit. Mit Typprüfung, Homologation und der Beratung und Prüfung bei der Einführung neuer Modelle will die Stuttgarter DEKRA Automobil GmbH die Automobilindustrie dabei unterstützen. all4engineers sprach mit Prof. Dr.-Ing. Kurt Rößner, Geschäftsführer Prüfwesen und Personal.
Herr Professor Rößner, bitte skizzieren Sie kurz die künftigen DEKRA-Aktivitäten im neuen DEKRA Automobil Test Center am EuroSpeedway Lausitz.
Ziel des neuen Forschungs- und Entwicklungszentrums ist es vor allem, technologisch anspruchsvolle Dienstleistungen für die Automobilhersteller und ihre Systemlieferanten zu erfüllen oder neu zu entwickeln und neue Märkte zu erschließen. Seine Ausstattung orientiert sich daher an den aktuellsten Erfordernissen der Fahrzeug- und Motorentechnik. Darüber hinaus sind bereits die heute bekannten Entwicklungen der Zukunft berücksichtigt. Schwerpunkt dieser Investition ist der Erhalt unserer Akkreditierung als Technischer Dienst beim Kraftfahrt-Bundesamt. Typprüfung, Homologation und insbesondere die Beratung und Prüfung bei der Einführung neuer Fahrzeugmodelle sowie lebenslange Begleitung (Conformity Of Production - COP) gewinnen deshalb bei unserer entwicklungsbegleitenden Tätigkeit immer mehr an Bedeutung. Schließlich ist Eigenforschung zur Weiterentwicklung der Prüftechnik und zum Aufbau der notwendigen Kompetenz für unsere anspruchsvollen Dienstleistungen erforderlich.
In welcher Situation befindet sich ein Dienstleistungsunternehmen wie DEKRA im Hinblick auf technische Entwicklungen und den Wettbewerb in der Automobilindustrie?
DEKRA hat den Auftrag zur Durchführung der amtlichen Hauptuntersuchung nach §29 sowie der Sicherheitsprüfung. Um diesen Auftrag kompetent ausführen zu können, müssen die DEKRA Ingenieure sowohl den neuesten Stand als auch zukünftige Entwicklungen der Automobiltechnik kennen. So können sie zum Beispiel Prüfmethoden und Geräte der Entwicklung anpassen und eigene Vorschläge anstoßen und erproben. Tiefgehende technische Detailkenntnisse sind auch für die entwicklungsbegleitende Beratungstätigkeit bei DEKRA zwingend erforderlich. Wir streben gerade wegen des Wettbewerbs in der Automobilindustrie eine gute Zusammenarbeit mit allen Fahrzeugherstellern und Zulieferern an.
Was machte den Bau des neuen DEKRA Automobil Test Center am EuroSpeedway erforderlich?
Aus Gründen der Neutralität und Unabhängigkeit bei Prüfungen, Begutachtungen und Entwicklungsbegleitung benötigt DEKRA in allen Tätigkeitsfeldern eigene Kompetenz und Kapazitäten zur Wahrnehmung seiner vielfältigen Aufgaben. Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten im eigenen Haus bieten dafür beste Voraussetzungen. Wir sind auf dem Gebiet der §29 StVZO-Untersuchung (Hauptuntersuchung) Marktführer. Die bisherigen Kapazitäten waren ausgeschöpft und den neuen Herausforderungen nicht mehr gewachsen. Wir mußten eine neue Basis für zukünftige Wachstumsmöglichkeiten und neue Märkte schaffen.
Worin sehen Sie die Hauptgeschäftsidee des DEKRA Automobil Test Center und was macht nach Ihrem Dafürhalten seine Besonderheit aus?
Unsere Stärke und unser Kerngeschäft liegen im Automobilbereich bei allen Fahrzeugarten. Wir wollen innovativ sein und in neue Aktivitäten investieren, um in Zukunft mit umfassenden Dienstleistungen weiter wachsen zu können. Dabei denken wir insbesondere an entwicklungsbegleitende Forschung und Entwicklung auf höchstem Niveau. Unsere technische Ausrüstung entspricht neuesten Standards. Wir können unseren Kunden beispielsweise einen Allrad-Abgasrollenprüfstand in einer Klimakammer anbieten, der schon mit der zukünftig erforderlichen Abgasanalysetechnik ausgerüstet ist. Leistungsprüfstände für Krafträder, Personenkraftwagen und Lastkraftwagen stehen zur Verfügung. Komplettfahrzeuge untersuchen wir ebenso wie Fahrzeugteile. Für Festigkeitsuntersuchungen gibt es ein eigenes Labor. Einzigartig ist unser Teststreckenangebot: Auf mehreren Prüf- und Messstrecken sowie der neuen Rennstrecke am Lausitzring können Hochgeschwindigkeitsfahrten, Bremsversuche mit und ohne ABS, Fahrdynamikversuche, Geräusch- und Schwingungsmessungen durchgeführt werden.
Wer nimmt die DEKRA-Dienstleistungen in Anspruch, wie setzt sich Ihre Kundschaft zusammen?
Die DEKRA-Dienstleistungen werden je nach Art von Privat- und Geschäftskunden in Anspruch genommen. Zur Kundschaft des DEKRA Automobil Test Center gehören Fahrzeughersteller und Zulieferer, Teilehersteller, Hochschulen und Behörden. Nicht vergessen darf man auch den eigenen Bedarf für die Produktentwicklung.
In den letzten 20 Jahren ist die Modellvielfalt im Automobilbereich stark gestiegen. Muss oder darf DEKRA daraus entstandene Kapazitätsengpässe der Fahrzeughersteller auffangen?
DEKRA kann aufgrund seiner tiefgehenden Kenntnisse der Kraftfahrzeugtechnik und des Unfallgeschehens einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der aktiven und passiven Sicherheit des Kraftfahrzeugs leisten. Deshalb kann DEKRA die Automobilindustrie bei Kapazitätsengpässen entlasten. Da eine strikte Trennung zwischen unseren Beratern und unseren gesetzlichen Prüfern besteht, gibt es keine Konflikte. Vielmehr entsteht daraus ein Vorteil: Umfassende Dienstleistungen "aus einer Hand".
Mit welchen Partnern arbeitet das DEKRA Automobil Test Center in den unterschiedlichen Bereichen zusammen?
Zunächst schöpfen wir die konzerninternen Möglichkeiten der Zusammenarbeit voll aus. Insbesondere ergänzen die DEKRA Unfallforschung in Stuttgart und das DEKRA Crash-Zentrum in Neumünster unsere Angebotspalette auf dem Gebiet der Crashdurchführung mit Komplettfahrzeugen. Im externen Bereich arbeiten wir ebenfalls mit führenden Experten zusammen, zum Beispiel in der Abgasanalysetechnik mit AVL in Linz.
Wie schätzen Sie die Entwicklung des Automobils unter technischen und gesetzlichen Gesichtspunkten ein und worin sehen Sie in Anlehnung daran die Hauptaufgabe des Unternehmens, um auch in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben?
Technische Entwicklungslinien sind weitere Schadstoffreduzierung, Erweiterung der Bedien- und Kontollelektronik sowie die integrierte Sicherheit, bei der die Elemente der passiven und aktiven Sicherheit in einen engeren Zusammenhang gebracht werden. Im gesetzlichen Sektor werden die Vorschriften an den Fortschritt der Technik angepasst werden müssen. Die Entwicklung des Automobils wird auf jeden Fall weitergehen. Unsere Aufgabe wird es auch in Zukunft sein, die Entwicklungen zu begleiten, neue Impulse zu geben, damit die Sicherheit gesteigert und unsere Mobilität erhalten werden kann.
Zur Person:
Professor Dr.-Ing. habil. Kurt Rößner wurde am 21. Juni 1944 in Döbern, Sachsen-Anhalt, geboren. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Von 1964 bis 1970 studierte er an der TU Dresden die Fachrichtung Landtechnik. Von 1970 bis 1974 war er technischer Leiter eines landwirtschaftlichen Betriebes in Bannewitz/Goppeln bei Dresden, von 1974 bis 1980 wissenschaftlicher Oberassistent an der TU Dresden, Sektion Kraftfahrzeug-, Land- und Fördertechnik.
1979 absolvierte der die Promotion zum Dr.-Ing. an der TU Dresden und war von 1980 bis 1986 Hochschuldozent Landtechnik (Instandhaltung) an der TU Dresden. 1985 erfolgte die Habilitation zum Dr.-Ing. habil., ebenfalls an der TU Dresden. 1986 bis 1990 Direktor des Wissenschaftlich-Technischen Zentrums Landtechnik Dresden und Honorardozent Landtechnik an der TU Dresden, 1989 Honorarprofessor für Zuverlässigkeit und Instandhaltung an der Ingenieurhochschule Berlin-Wartenberg.
Im Jahre 1990 trat Prof. Rößner in das Haus DEKRA ein und wurde 1991 Leiter der Niederlassung Dresden der DEKRA AG. 1992 bis 1995 war er Leiter des Direktionsbereiches Produktbetreuung Fahrzeugprüfungen der DEKRA AG, Dresden, bevor er 1995 zum Vorstand Prüfwesen und Finanzen der DEKRA AG, Stuttgart aufstieg. Von 1996 bis 1997 war er Vorstand Prüfwesen der DEKRA AG, Stuttgart sowie von 1997 bis 2000 Vorstand Prüfwesen und Personal und Arbeitsdirektor der DEKRA Automobil AG, Stuttgart. Seit 2000 ist Prof. Rößner Geschäftsführer Prüfwesen und Personal und Arbeitsdirektor der DEKRA Automobil GmbH.
Autor(en): Thomas Jungmann