"Wir alle durchqueren die Wüste"
Zulieferer von Motorteilen hatten es in der Krise besonders schwer. Sie mussten nicht nur erhebliche Absatzrückgänge ertragen, sondern auch ihr Geschäftsmodell hinterfragen - zumindest wenn der Traum vom Elektroauto schnell Realität würde. José Maria Alapont, der selbstbewusste Vorstandsvorsitzende von Federal Mogul, liebt solche Herausforderungen.
Wir nähern uns dem Ende der Krise. Wird die Restrukturierungswelle in der Zulieferindustrie damit auch enden?
Sehen Sie, seit mehr als 100 Jahren sorgt unsere Branche dafür, dass Menschen und Güter transportiert werden. In dieser Geschichte haben wir es geschafft, Fahrzeuge immer besser, sicherer, umweltfreundlicher zu machen - und meistens waren wir dabei profitabel. Denn fraglos hat nicht die Autoindustrie die Rezession verursacht. Wir alle durchqueren die Wüste, einige werden nicht am anderen Ende ankommen. Wem das aber gelingt, der wird stärker sein denn je zuvor.
War es denn wirklich eine besondere Krise?
In den 35 Jahren meiner Berufstätigkeit habe ich einige Krisen erlebt. Aber die ersten Monate waren beispiellos: Nie zuvor waren die Zahlen, makro- wie mikroökonomisch, so schlecht, die Volumenrückgänge so drastisch.
Wie schnell wird sich die Autoindustrie wieder richtig erholen?
Hat die Autoindustrie eine Zukunft? Ja klar! Alle Ideen, die sich an reiner Transporteffizienz orientieren, haben sich geschichtlich nicht bewährt. Sogar in Städten wollen die Bürger sich individuell von A nach B bewegen. Wir sollten unsere Perspektive aber nicht von Europa oder den USA dominieren lassen. Die übrige Welt bringt das Wachstum in unserer Branche. Mehr als 50 Pro¬zent des künftigen Wachstums stammt aus den "BRIC"-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China.
Werden in diesen Märkten die gleichen Fahrzeug- und Antriebskonzepte dominieren wie bei uns?
Wahrscheinlich nicht - aber das ändert nichts daran, dass das Automobil eine Zukunft hat. Wir haben mehr technologische Umbrüche bewältigt als jede andere Branche. Für die neuen Märkte gilt es, mit sehr niedrigen Preisen die grundlegenden Ansprüche an ein Auto zu erfüllen. Auf solche Autos warten viele Millionen Menschen.
Als Sie vor fast fünf Jahren den Vorstandsvorsitz bei Federal Mogul übernommen haben, war das Unternehmen insolvent. Wie haben Sie es denn geschafft, diese Krise zu meistern?
Ich möchte den Eindruck vermeiden, dass wir immer nur in der Krise leben. Im Juli 2008 haben wir das beste Quartalsergebnis, hinsichtlich Umsatz und Finanzergebnis, in unserer 110-jährigen Geschichte publiziert.
Sie wollen Hoffnung wecken?
Als ich mein Amt antrat, habe ich innerhalb der ersten 30 Tage alle Führungskräfte zusammengerufen und gesagt: Wir entwickeln ein Top-Unternehmen, basierend auf nachhaltigem, weltweiten und profitablem Wachstum. Um das Insolvenzverfahren kümmere ich mich gemeinsam mit dem Finanzvorstand und der Rechtsabteilung, während wir alle zusammen daran arbeiten, ein Weltklasse-Unternehmen zu werden. Nur weil wir in der Krise sind, und das gilt auch heute, sollten wir nicht nur handeln, als seien wir in der Krise. Wir müssen das gegenwärtige Tal durchschreiten, dürfen aber nichts tun, dass den Kern unserer Strategie gefährden könnte. Wir müssen gleichzeitig technisch innovativ und bei den Kosten wettbewerbsfähig sein. Es gibt Interessanteres in der Krise, als nur die Krise zu meistern, näm-lich gleichzeitig Zukunft zu gestalten.
Was erwarten Sie für 2010?
Natürlich ist es so, dass die Abwrackprämien in verschiedenen Märkten zu vorgezogenen Käufen geführt haben und dass wir daher von 2010 nicht zu viel erwarten sollten. Wir werden noch nicht das Niveau von vor der Krise erreichen. Es wird nochmal ein sehr herausforderndes Jahr.
Lassen Sie uns etwas weiter in die Zukunft blicken, ins Jahr 2020. Sie erwähnten das zu erwartende Wachstum in den Schwellenländern. Wird die Automobilindustrie - wie zuvor die Textilindustrie - ihren Schwerpunkt völlig in diese Regionen verlagern?
Der Unterschied zwischen den Branchen liegt in der Logistikkette. Textilien quer über die Welt vom Produktionsort in einen Absatzmarkt zu transportieren, ist schlicht einfacher und kostengünstiger, als dies mit Fahrzeugen zu tun. Ich glaube nicht, dass wir eines Morgens aufwachen und die gesamte Automobilproduktion in den Schwellenländern finden und wir nur noch Konsumenten sind. Aber bereits 2015 werden die Schwellenländer mehr Klein- und Mittelklassefahrzeuge produzieren als wir.
Zulieferteile, Zylinderkopfdichtungen aus Ihrer Produktion beispielweise, lassen sich aber doch deutlich einfacher verschiffen.
Die Realität ist komplexer als die Schlagzeilen, die Journalisten gern produzieren. Wie wollen Sie die Montage eines Fahrzeugs an einem Standort wie Deutschland oder den USA absichern, wenn Sie alle Komponenten Tausende von Kilometern entfernt produzieren? Ein solches Vorgehen muss ausgewogen und effizient sein. Es geht darum, eine ausbalancierte Produktionsstruktur aufzubauen. Allein die Kapazität zu schaffen, um die stark wachsenden Märkte in den Schwellenländern vor Ort bedienen und gleichzeitig exportieren zu können, ist eine ziemliche Herausforderung.
Ihr Portfolio ist stark von Komponenten für den klassischen Verbrennungsmotor geprägt. Wie passen Sie sich an den Trend zu elektrischen Antrieben an?
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Ölindustrie. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der alternativen Energien, wobei sich einige Märkte, abhängig von politischen Entscheidungen, früher in diese Richtung entwickeln werden. Die Prognosen unterscheiden sich allerdings stark, und jeder hat eine andere Meinung. Der Verbrennungsmotor, ob mit Benzin, Diesel oder CNG betrieben, wird noch viele, viele Jahre dominieren, denn er ist kosteneffizient und wird immer besser, was seine Emissionen betrifft. Die Elektrifizierung ist trotzdem Teil der Entwicklung, und wir passen uns der Entwicklung an.
Sie glauben also nicht an einen schnellen Durchbruch des Elektroautos?
Das Wachstum wird progressiv sein, für einige Zeit aber einstellige Prozentwerte nicht übersteigen. Technik muss die Wünsche der Mehrzahl der Kunden erfüllen, und Elektroantriebe haben noch viele Einschränkungen, zum Beispiel bei der Reichweite. Federal Mogul ist sehr stark beim Verbrennungsmotor und beim Hybridantrieb. Sobald Elektrofahrzeuge nennenswerte Marktanteile erreichen, werden wir auch in diese Technologie investieren.
Etwas genauer bitte: Wie sieht Ihr Technologie-Fahrplan aus?
Bei Komponenten für Verbrennungsmotoren sind wir - gemeinsam mit einigen wenigen anderen - bereits Marktführer. Wir konzentrieren uns heute auf zwei Dinge: Wir sind einer der wenigen Zulieferer mit guter Liquidität. Wie schon publiziert, halten wir Ausschau nach möglichen Akquisitionen. Es gibt derzeit viele gute Möglichkeiten, unser Technologieportfolio durch Akquisitionen zu erweitern. Außerdem machen wir derzeit 10 % unseres Umsatzes mit Nicht-Autokomponenten, das sind 700 Millionen Dollar. Einige unserer Kernkompetenzen, etwa hochleistungsfähige Reibbeläge, lassen sich gut auf andere Anwendungen wie Windkraftanlagen übertragen.
Sie sprechen sieben Sprachen, haben bereits an vielen Orten auf der Welt gearbeitet und sehen die Globalisierung als Chance. Wo sind Sie zuhause?
Seit 25 Jahren nehme ich an der wirtschaftliche Entwicklung in China, Indien, Russland teil. Ich bin zutiefst überzeugt, dass sich eine wirklich globale Kultur herausbildet. Also bin ich Weltreisender, US-Bürger und immer noch verliebt in meine Heimat Spanien und Europa.
Herr Alapont, vielen Dank für das Gespräch.
Autor(en): Johannes Winterhagen