"Fairness auch in der Krise leben"
Die deutschen Werkzeugmaschinenbauer sehen nach dem dramatischen Absturz ihrer Auftragszahlen im vergangenen Jahr wieder Licht. Dennoch steht die Branche vor großen Herausforderungen. Im Exklusivinterview mit ATZproduktion skizziert Martin Kapp, neuer Vorsitzender des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW), wie die Fabrikausrüster wieder zurück zu alter Stärke finden wollen.
Sie haben den Vorsitz des VDW unter denkbar ungünstigen Rahmenbedingungen übernommen. Was reizt Sie an ihrer neuen Aufgabe?
Von "reizen" kann man eigentlich nicht sprechen. Ich hatte meinem Vorgänger Carl Martin Welcker schon vor längerer Zeit unter Kollegen das Versprechen gegeben, als sein Nachfolger zur Verfügung zu stehen. Die Rezession war damals nicht absehbar. Da ich Verbandsarbeit für sehr wichtig halte, arbeite ich bereits seit vielen Jahren im VDW mit. Nicht zuletzt deshalb, weil ich mich für die Branche mit verantwortlich fühle.
Welche Ziele haben Sie sich für ihre Amtszeit gesetzt?
Meine Amtszeit dauert drei Jahre. Und die drei kommenden Jahre werden für den Werkzeugmaschinenbau entscheidend sein. Ich möchte, dass möglichst viele Unternehmen gesund über die Runden kommen.
Wie wollen Sie diese Ziele erreichen?
Man kann auf Mitgliedsunternehmen keinen Zwang ausüben, aber mit zielgerichteter Information sehr viel helfen. So verfügt der VDW über das beste Statistikwesen weltweit. Auch die politische Arbeit ist wichtig. Vor allem im Verbund mit großen Partnern wie dem VDMA.
Was wünschen Sie sich von der Politik?
Die Politik muss vor allem darauf drängen, dass die Finanzinstitute ihrer Pflicht nachkommen, die Wirtschaft mit Geld zu versorgen. Es darf keine Kreditklemme für die Finanzierung von Projekten und in der Vorfinanzierung von Aufträgen für den Mittelstand entstehen. Aktuell wollen die Banken selbst keinerlei Risiken eingehen und halten daher Kredite eher zurück. Vor allem Werkzeugmaschinenhersteller mit Kunden in der Automobil- und Zulieferindustrie werden pauschal schlechter eingestuft, müssen höhere Informationsanforderungen erfüllen und bekommen schlechtere Konditionen angeboten. Das führt zu einem massiven Anstieg der Finanzierungskosten, dem es entgegenzuwirken gilt.
Inwieweit bietet die aktuelle Absatzkrise nach Jahren der Überauslastung auch Chancen, beispielsweise für eine Innovationsoffensive?
Ich würde es fast schon als Tradition bezeichnen, dass unsere Branche in einer Rezessionsphase die Entwicklungsanstrengungen nicht herunter fährt. Das wird auch diesmal entscheidend dafür sein, schnell zur alten Stärke zurückzufinden, wenn die Märkte wieder anziehen. Natürlich müssen wir dazu auch wissen, wo die Trends in unseren Abnehmerbranchen hingehen. Nehmen Sie nur die aktuelle Diskussion um die Elektrifizierung des Fahrzeugantriebs. . .
Trotz der Krise steht im Werkzeugmaschinenbau "Made in Germany" nach wie vor für Technologieführerschaft. Doch ihre Kunden orientieren sich immer häufiger in Richtung Standorte, an denen die Ausbildung der Mitarbeiter deutlich hinter den Fähigkeiten deutscher Facharbeiter zurück bleibt. Droht Ihrer Branche eine Hightech-Falle?
Da sehe ich keine Gefahr, allenfalls Aufgaben, die wir zu lösen haben. Beispielsweise, dass wir Mitarbeiter ausbilden, die zur Produktionsbetreuung und für den Service direkt beim Anwender eingesetzt werden können. Das wäre übrigens auch noch ein Stichwort für meine Wunschliste an die Politik: Die Deutschen müssten bereits in den Schulen darauf vorbereitet werden, Teile ihres Berufslebens auch außerhalb von Deutschland zu verbringen. Und dies nicht nur an touristisch reizvollen Destinationen.
Sehen Sie eine Chance, für eine solche Produktionsbetreuung beim Kunden Geschäftsmodelle zu entwickeln, oder wäre das eine weitere, unentgeltliche Nebenleistung?
Dazu ein Geschäftsmodell zu entwickeln, wäre bestimmt reizvoll. Im aktuellen Umfeld befürchte ich aber, dass es sich um eine Serviceleistung handelt, die in den wenigsten Fällen honoriert wird.
Wie wollen Sie den Spagat zwischen deutscher Hightech und schlecht qualifizierten Bedienern in Schwellenländern auflösen? Ist die Entwicklung von Maschinen, die keinen Facharbeiter mehr benötigen, ein gangbarer Weg?
Solche Ansätze gibt es zwar, aber eine komplexe Werkzeugmaschine wird immer erst im Zusammenspiel mit einem herausragenden Facharbeiter ihr Optimum erreichen.
Was konkret können Sie deutschen Automobilherstellern und ihren Zulieferern für ihre entstehenden Fertigungen in den so genannten "Emerging Markets" anbieten?
Für den Einsatz an solchen Standorten halten wir Lösungen vor, die fast identisch sind mit dem, was wir hier in Europa anbieten. Unterschiede gibt es in der Automation, der Peripherie oder auch in der Messtechnik. Als USP gegenüber unserem Wettbewerb aus Asien können wir trotz solcher Entfeinerung über einen langen Zeitraum hochgenaue Fertigungsresultate gewährleisten.
Die Automobilindustrie verlagert mehr und mehr Aufgabenstellungen auf ihre Zulieferer. Welche Auswirkungen technischer und wirtschaftlicher Art hat diese Wertschöpfungsverschiebung auf Sie als Anlagenlieferant?
Auch in diesem Umfeld zahlt es sich aus, dass wir bestimmte Fertigungsprozesse in verschiedenen Automatisierungsstufen und mit unterschiedlich hoher Flexibilität anbieten können. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings bis zu 15 Prozent Wertschöpfungsunterschied zwischen der Vollversion und einer entfeinerten "Light"-Version einer Anlage. Dass sich dies nicht so dramatisch auswirkt, wie man vielleicht meinen möchte, liegt daran, dass sich die OEMs und die großen Zulieferer in den letzten Jahren fertigungstechnisch ziemlich weit angenähert haben.
Lassen Sie uns über Technik sprechen: Welche Ansatzpunkte sehen Sie für eine weitere Steigerung der Maschineneffizienz?
Zur Effizienzsteigerung in der Produktion haben wir bereits in der Vergangenheit an vielen Stellschrauben gedreht. Natürlich haben solche Optimierungsbestrebungen ihre Grenzen. So müssen wir aufpassen, dass wir nicht in Grenzbereiche vorstoßen, in denen die Zuverlässigkeit der technischen Lösungen beeinflusst wird.
Stichwort "Ecomation": Welche Vorgehensweisen favorisieren Sie zur Senkung des Energieverbrauchs in der Fertigung?
Dazu möchte ich gerne auf die Inhalte unserer "BlueCompetence"-Initiative anlässlich der diesjährigen METAV hinweisen. Übrigens: Auch in der Vergangenheit sind Energiesparpotenziale schon stark genutzt worden. Beispielsweise durch die Möglichkeit einer Energierückspeisung, die den Energieverbrauch um bis zu 20 Prozent senken hilft. Allerdings ist eine solche Technik nicht umsonst zu haben.
In welchen weiteren Bereichen können Ihre Kunden aus der Automobilindustrie Innovationen erwarten?
Ein wesentlicher Vorteil der deutschen Automobilindustrie war schon bisher, dass durch enge Kooperationen zwischen Maschinenhersteller und Betreiber Technologien für ein betriebswirtschaftliches Optimum gefunden wurden. Im Sinne weiterer Innovationen sollte dieser Verbund nicht zerstört werden. Die einstige VDMA-Initiative "Grundsätze der Fairness" ist gerade in der Krise ein wichtiges Thema.
Was würden Sie sich von ihren Kunden aus der Automobilindustrie wünschen, um derlei Innovationen auch realisieren zu können?
Schön wäre, wenn die eigentlichen Planer und Betreiber mehr Gewicht bei Investitionsentscheidungen hätten und nicht nur die Controller. Dann würde vielleicht endlich einmal die viel gepriesene Philosophie des "Total Cost of Ownership" zur Geltung kommen. Bei realen Kaufentscheidungen spielt das immer noch eine untergeordnete Rolle. Allen Beteiligten muss darüber hinaus Folgendes klar sein: Es gibt für jedes Produkt einen Mindestpreis. Darunter leidet die Qualität. Das ist bei Wurst ebenso, wie bei Werkzeugmaschinen. Solche Mindestpreise nicht unterhöhlen zu wollen, ist ein Appell, den ich nach innen in die Branche und nach außen an die Maschineneinkäufer gleichermaßen richte.
Herr Kapp, vielen Dank für das Gespräch.
Autor(en): Stefan Schlott, Johannes Winterhagen