"Der Sitz ist ein Hauptelement der Sicherheit im Fahrzeug"
Auf der NAIAS 2003 in Detroit hat Johnson Controls sein neuartiges Sitzsystem vorgestellt, das auf dem technischen Know-how eines Büromöbelherstellers fußt. Diese Besonderheit war für all4engineers Grund genug, Hugues Gall, zuständig für Innovationen der Produktsparte Sitze, einige Fragen über die Schnittmenge von Bürostühlen und Pkw-Sitzen, die Ergonomie fortschrittlicher Sitzsysteme, die Entwicklung des so genannten "Leap-Autositzes" von Johnson Controls und mehr zu stellen.
Herr Gall, was hat sich hinsichtlich der technischen Entwicklung von Sitzsystemen in Kraftfahrzeugen in den letzten zehn Jahren verändert?
Innerhalb von 10 Jahren ist der Autositz zu einem komplexen System geworden. In der Entwicklung hat man sich darauf konzentriert, Sicherheit und Komfort zu erhöhen und gleichzeitig den Preis und das Gewicht zu reduzieren. Ferner werden neue Technologien und Materialien verwendet, die ein flexibleres Design ermöglichen, zum Beispiel Tem 10 oder Pour in Place (am Ort geschäumt), High Strength Steele (HSS) und Magnesium. Auch im Bereich der besseren Wärmeleistung, in der Akustik und beim Craftmanship sind Fortschritte erzielt worden. Außerdem wurden bei Fahrsimulationstools im Verhältnis zur Prototyp-Hardware Verbesserungen erreicht. Autositze haben in dieser Zeit zudem eine ganze Reihe neuer Funktionen bekommen. Hierzu gehören Airbags, Anti Whiplash Systeme (AWS), Anti-Submarining-Vorrichtungen, Lüftungs- und Massagesysteme, wobei die Gesamtbreite des Autositzes nicht erhöht wird. Außerdem wurden neue Möglichkeiten entwickelt, um die Sitze variabler einsetzen zu können: Hier liegen die entscheidenden Trends unter anderem bei der flexiblen Handhabung des Sitzes statt ihn herauszunehmen und der X/Y-Bewegung.
Was macht Ihrer Ansicht nach heute einen guten Autositz aus?
Heutzutage verlangt der Konsument alles von einem Autositz. Deshalb müssen wir viele Dinge miteinander kombinieren: Komfort, Sicherheit, gutes Aussehen, leichte Anpassung und Flexibilität. Sitze müssen sowohl den Anforderungen verschiedener Fahrzeugtypen als auch verschiedenen Kundenprofilen entsprechen, ganz zu schweigen von den verschiedenen individuellen Anforderungen und Bedürfnissen. Autofahrer müssen mit ihrem Sitz zufrieden sein und sich darin wohlfühlen. Gute Autositze bieten diese Vorteile, haben dafür aber oft weniger Stauraum. Der Komfort sollte immer gleich sein, egal ob man in das Auto einsteigt oder sich auf der Straße in verschiedenen Fahrsituationen (entspannt, sportlich) befindet. Es ist entscheidend, ob ein Autositz ermöglichen kann, dass der Insasse sich wohl fühlt, da dies Auswirkungen auf die Stimmung, das Wohlbefinden und die Konzentration hat und somit ein wichtiger Faktor der passiven Sicherheit ist.
Wie wurde überhaupt die Idee geboren, das technische Know-how eines Büromöbelherstellers für die Entwicklung eines völlig neuen Sitzsystems für Pkw, des so genannten Leap-Autositzsystems, zugrunde zu legen?
Eine Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen Johnson Controls und Steelcase lag nahe, schließlich beschäftigen sich beide Partner mit der ergonomisch richtigen Sitzposition, einem Thema, das sowohl im Büro als auch im Auto von erheblicher Bedeutung ist.
Was steckt genau hinter den Bezeichnungen "Live Back", der patentierten Technologie, die erstmals im so genannten "Leap-Bürostuhl" der Firma Steelcase vorgestellt wurde, und "Natural Glide", die beide für eine gesündere Art zu sitzen stehen?
Sie stehen im Einklang mit vier Erkenntnissen im Zusammenhang mit der menschlichen Bewegung. Hierbei handelt es ich um folgende Entdeckungen:
- Jede Wirbelsäule ist einzigartig und bewegt sich nicht als Ganzes.
- Der obere und der untere Rücken müssen unterschiedlich stark und auf unterschiedliche Weise gestützt werden.
- Unsere Wirbelsäule und die Art, wie wir uns bewegen, sind so einzigartig wie wir selbst.
- Die Sitzhaltung ist dynamisch, nicht statisch.
Das Sitzsystem wird um den menschlichen Körper herum entworfen. Live Back bietet jeweils eine unabhängige Unterstützung für die obere und die untere Wirbelsäule. Live Back passt sich automatisch und mühelos an die physischen Merkmale und die Sitzhaltung jedes Insassen an. Seine einzigartige Technologie legt sich schützend um den Rücken – man sitzt tatsächlich im Sitz und nicht darauf. Das Ergebnis ist eine vollkommene Unterstützung – für jede Form und Größe bei jeder Bewegung. Natural Glide hingegen ermöglicht es Sitzlehne und Sitzkissen, sich als eine Einheit zu bewegen, somit eine optimale Verbindung zwischen dem Fahrer und dem Cockpit beizubehalten und die gesamte Bedienung des Sitzes zu vereinfachen. Andererseits ahmt der anthropometrische Drehpunkt den natürlichen menschlichen Drehpunkt nach, um in jeder Position die richtige Rückenunterstützung aufrecht erhalten zu können. Diese Verbindung hält Live Back während der Rückwärts- und Vorwärtsneigung in der korrekten biomechanischen Ausrichtung.
Welche Erkenntnisse der US-amerikanischen Spezialisten für Büromöbel sind nun hauptsächlich in die neue Leap-Autositz-Technologie eingeflossen?
Die oben erwähnten drei Elemente wurden berücksichtigt und an die Automobilwelt angepasst.
Worin bestand für Johnson Controls die größte Herausforderung, aus einem Bürostuhl einen Autositz zu entwickeln?
Bürostühle und Autositze werden für verschiedene Umgebungen entwickelt und unterliegen daher unterschiedlichen Einschränkungen. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Autositze müssen gut aussehen und bequem sein, egal ob das Auto nun steht oder auf einer holprigen Straße fährt, sogar auf Kopfsteinpflaster. Der Autositz muss den Schwingungen des Autos standhalten und sie dämpfen, er ist ein Hauptelement der Sicherheit im Fahrzeug. Die dynamische Umgebung ist anders als bei einem Bürostuhl, bei Autositzen muss man die Bewegungsfreiheit kontrollieren, sie sollen Halt geben und beim Befahren kurviger Straßen seitlich stützen.
Wie würden Sie die herausragende Eigenschaft Ihres neuen Sitzsystems beschreiben?
Als das Beste seiner Art, kurz: Komfort neu definiert. Die Sitzform ist einzigartig und schafft dadurch ein eigenes Komfortgefühl, sobald der Verbraucher Platz nimmt. Leap ist das einzige Sitzsystem, das so konzipiert ist, dass es sich automatisch und mühelos den Bedürfnissen von Menschen verschiedener Größen anpasst.
In welchen Fahrzeugklassen wird die Leap-Technologie in Zukunft voraussichtlich eingesetzt werden?
Wir wollen Leap-Autositze in Autos der Ober- bis Luxusklasse einsetzen.
Neben den Anforderungen an die Bequemlichkeit eines Sitzes in Fahrzeugen der Oberklasse sind hier auch in der Vergangenheit Aspekte der passiven Sicherheit in den Vordergrund gerückt. Wie flexibel ist das neue System von Johnson Controls im Hinblick auf Themen wie die aktive Kopfstütze oder den Anti-Submarining-Airbag?
Das Leap-Sitzkonzept trägt zur passiven Sicherheitsleistung bei, da es bequemer und leichter einzustellen ist. Es ist mit Oberklassefunktionen wie Lüftungssystemen, aktiven Kopfstützen und existierenden Anti-Submarining-Systemen kompatibel.
Wie sehen nach Ihrem Dafürhalten moderne Autositze in zehn Jahren aus, wo sind noch Verbesserungen möglich?
Neue Technologien wie Brennstoffzellen, X-by-Wire, neue Materialien und andere Smart Electronics werden das existierende Sitzkonzept sowie die Innenausstattung beeinflussen. Es liegen noch viele Herausforderungen vor uns und wir bestimmen diese Technologie der Zukunft. Ich hätte gerne einen schmalen, intuitiven, endverbraucherfreundlichen Sitz, der sich mit nur einer Handbewegung noch mehr unserem Körper anpasst.
Vielen Dank, Herr Gall, für das Gespräch.
Zur Person:
Hugues Gall begann seine Laufbahn bei Johnson Controls vor zehn Jahren. Während dieser Zeit hatte er mehrere Positionen inne, Gall begann als Kostenanalyst, wurde dann Projektmanager und Produktmanager und schließlich Lead Product Business Manager für Innovationen der Produktsparte Sitze. ER hat mit Kunden wie Renault und Volvo, DC und BMW hauptsächlich im Bereich Sitze und Innenausstattung gearbeitet. Während dieser Zeit war Hugues Gall 5 Jahre in Frankreich, 3 Jahre in den USA und 2 Jahre in Deutschland tätig.
Autor(en): Thomas Jungmann