"Wir wachsen zusammen"
Die Entwicklung von Infotainment-Systemen soll beschleunigt und besser an die Anforderungen der schnelllebigen Endgerätewelt angepasst werden. BMW startete deswegen vor einem Jahr eine Initiative zur Entwicklung einer offenen Softwareplattform. Mit neun Gründungsmitgliedern entstand die Allianz Genivi, In-Vehicle-Infotainment. ATZelektronik sprach mit Graham Smethurst, dem Präsidenten und BMW-Repräsentanten der Non-Profit-Organisation über den ersten Prototypen und den Weg zum ersten Serieneinsatz der Softwareplattform.
Das Konkurrenzdenken in der Automobilindustrie ist sehr ausgeprägt. Das Arbeiten in Allianzen macht dies oft schwer. Entwickelt sich Ihre Initiative mit Genivi dennoch zur Erfolgsgeschichte?
Genivi wird erfolgreich sein, denn das Interesse und die Beteiligung sind sehr groß. Wir starteten vor einem Jahr mit neun Gründungsmitgliedern. Bis heute haben sich weitere 58 Partner der Industriegemeinschaft angeschlossen, darunter mit Hyundai, Renault und Nissan auch neue OEMs. In Kürze kommen weitere japanische und auch chinesische Automobilhersteller hinzu. Damit wird Genivi auf der internationalen Bühne schlagkräftiger und ist in allen wichtigen Regionen repräsentiert. Die Allianz deckt durch die große Bandbreite an Tier-One-Zulieferern, Software- und Betriebssystemanbietern sowie Halbleiterherstellern alle relevanten Bereiche für die erfolgreiche Entwicklung der offenen Softwareplattform ab.
Zum Beispiel?
ARM ist zur direkten Zusammenarbeit mit deren Lizenznehmern beigetreten, um die Anwendbarkeit des Genivi-Stack in verschiedenen Mikroprozessor-Architekturen zu gewährleisten. Die wichtigsten Halbleiterhersteller zählen jetzt zu unseren Mitgliedern. Genauso wie Pionieer und Mobilfunkanbieter Nokia, ein fast schon symbolischer Brückenschlag zwischen der Automobilindustrie und der Endgerätewelt.
Wie verhindern Sie ein Konkurrenzdenken unter den OEM-Partnern?
Basis ist die Middleware, die wir bauen, skalierbar, modular und standardisiert. Das ist Genevi, mit Linux-basierten Diensten und offenen Applikationsschnittstellen. Auf dieser Softwareplattform kann jeder OEM nun seine wettbewerbsdifferenzierenden Applikationen nach seinem Gusto aufsetzen und ausbauen. Diese Middleware hat uns Hersteller übrigens in der Vergangenheit eine Menge Arbeit und Zeit gekostet und Geld verschlungen. Das sparen wir uns in Zukunft.
Sie betonen die Offenheit der Genivi-Plattform. Dennoch ist man bei der System- und Komponentenauswahl auf ihre Partner angewiesen.
Genivi wächst und entwickelt sich zu einer demokratischen Plattform, zu einem Marktplatz mit vielen Produktauswahlmöglichkeiten. Auf der Ebene der Betriebssysteme gilt dies genauso: Hier haben wir Firmen wie Windriver, Mentor Graphics, Montavista und weitere, die ebenfalls gewährleisten, dass man unter dem Dach von Genivi auf eine größere Auswahl von Anbietern trifft.
Im Januar diesen Jahres stellten Sie den ersten Prototyp ihrer Infotainment-Plattform vor. Können Sie die nächsten Schritte beschreiben?
Die Genivi-Allianz wird jährlich zwei Releases der Softwareplattform veröffentlichen. Das nächste ist für Oktober 2010 geplant. Dieses wird zahlreiche Verbesserungen und Ergänzungen zum ersten Release vom Januar enthalten. Parallel laufen bereits die Aktivitäten für das darauffolgende Release im April 2011. Wir befinden uns diesbezüglich gerade in der Spezifikationsphase, die im August abgeschlossen sein wird.
Wie bündeln Sie das Know-how der vielen Mitglieder und die Interessenslagen der vielen Anbieter?
Unsere Plattform entsteht in einem Top-Down-Prozess. Insbesondere die OEMs müssen die Spezifikationen und Standards erarbeiten, an denen sich alle Lieferanten orientieren können. Wichtig ist, dass die Automobilhersteller definieren, was sie von künftigen Infotainmentsystemen erwarten. Das Interesse der Partnerfirmen ist, zunächst einmal dabei zu sein, in Workshops mitzuarbeiten und zu sehen, was entsteht. Und ebenfalls wichtig ist, dass OEMs sehen, was im Pool der Anbieter alles möglich ist.
Wird Genivi und die Art und Weise, wie die Industrieplattform funktionieren kann, von allen Mitgliedern verstanden?
Das Ziel und die Motivation wird von allen gleichermaßen getragen. Wir spüren allerdings, dass der Weg dorthin erklärungsbedürftig ist. Zu den kommunikativen Aufgaben zählt beispielsweise, Begrifflichkeiten zu definieren und nicht zuletzt die Erwartungen unserer Partner sowie potenzieller neuer Mitglieder zu erfragen. Deswegen hat beispielsweise die Mitgliederversammlung im Oktober eine große Bedeutung. Wir befinden uns in diesem Jahr auf der erweiterten Basis der jungen Mitglieder noch im Aufklärungsprozess. Das gemeinsame Verständnis gilt es noch zu finden.
Autosar deckt den Bereich Infotainment nicht ab. Tritt Genivi in Konkurrenz zum Standardisierungskonsortium?
Keinesfalls. Es ist soviel zu tun, dass es irrsinnig wäre, eine Konkurrenzsituation entstehen zu lassen. Genivi ergänzt und nutzt den Autosar-Standard da, wo es Sinn macht. Die Automobilindustrie hat nicht den Einfluss, Infotainment zu standardisieren, da andere Industrien den Ton angeben, zumindest haben die Endgerätehersteller ein gewichtiges Wort mitzureden. Deswegen hat Autosar hier keine Macht. Genivi hingegen bietet den anderen Industrien einen Mehrwert.
Sie persönlich und BMW sind Initiatoren von Genivi. Haben Sie damit gegenüber anderen ein Vorrecht auf das erste Serienfahrzeug mit Genivi-Code?
Nein. Wir sehen das ganz entspannt. Einzig wichtig ist, dass wir gemeinsam eine kritische Masse an Produkten und Firmen finden, die die Plattform nutzen.
In welchem Serienfahrzeug wird die Softwareplattform zum Einsatz kommen? Und wann ist damit zu rechnen?
Die Details der OEM-Produktplanungen unterliegen natürlich der Geheimhaltung. Aber mehrere Mitglieder haben angedeutet, dass sie bereits aktiv an einem Serieneinsatz der Software in einem Produkt arbeiten. Daher wird es wahrscheinlich mehrere OEMs geben, die im Zeithorizont 2012/2013 Fahrzeuge mit Genivi-Softwareplattform ausliefern. Fast 30 Prozent unserer Mitglieder stammen aus der Region Asia/Pacific. Ich gehe daher davon aus, dass sie zu den ersten gehören, welche die Plattform einsetzen.
Die Intensität der herstellerübergreifenden Zusammenarbeit dürfte vielleicht doch für den ein oder anderen OEM befremdlich sein. Was meinen Sie?
Ich spüre eine neue Kultur der Kooperation im Entwicklungsprozess. Und das ist gut so. Die Geheimniskrämerei, die in manchen Bereichen sicher noch berechtigt ist, können wir uns bei den aktuellen Herausforderungen im Infotainment und der Vernetzung des Autos mit dem Umfeld und anderen Industrien nicht leisten. Der eine Entwickler öffnet sich dafür schneller als der andere. Ich denke, dass insgesamt gesehen die Zeiten vorbei sind, in denen ein Automobilhersteller für sich beansprucht, alles selber machen zu wollen.
Herr Smethurst, ich bedanke mich für das Gespräch.
(Foto: Matthias Haslauer)
Autor(en): Markus Schöttle