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INTERVIEW

"Die Expertise in den sicherheitsrelevanten Bereichen haben die Automobilhersteller"

Herr Za, was bedeuten Car.Net und Windows CE for Automotive?
Car.Net ist ein Bestandteil von Microsoft’s weltweiter .Net-Strategie (sprich dot-Net). Ziel ist es, dass zukünftig alle Multimedia-Endgeräte die selben Services in Anspruch nehmen können. Car.Net ist also ein Teilbereich der gesamten .Net-Strategie. Es ist ein Framework, das es ermöglichen soll, Informationen von der Infrastruktur eines Unternehmens auf ein Gerät im Auto zu übertragen und auf einfache Art und Weise Interaktion zu ermöglichen. Windows CE für Automotive ist das "Frontend" im Auto. Es handelt sich dabei um eine Variante des Betriebssystems Windows CE, das zum Beispiel bei PDAs eingesetzt wird, aber auch bei Robotern, Medizintechnik, Handys oder zukünftig in so genannten Tablet-PCs. Für jeden Bereich gibt es – aufsetzend auf dem Kern des Betriebssystems – spezielle Funktionen. Im Automobilbereich kommt es zum Beispiel auf schnelle Boot-up-Zeiten an. Oder ein anderes Beispiel: Da ein Backup über Batterie im Auto nicht möglich ist, werden Einstellungen wie Navigationsdaten oder Temperatureinstellungen während des Betriebs ständig in einen nicht-flüchtigen Speicher geschrieben.
Wie genau muss man sich das Car.Net-Framework vorstellen?
Heute sind abgesehen vom Radio alle Informationen im Auto nur lokal verfügbar, beispielsweise die CD, aber auch die Daten der Navigation. Wir gehen für die Zukunft davon aus, dass Geräte, die im Auto benutzt werden, permanent vernetzt sein werden – ganz einfach aufgrund der Technologie, die das ermöglichen wird, wie zum Beispiel UMTS. Deswegen glauben wir, dass in dieser Zukunft Menschen permanent "online" sein können, auch im Auto. Ein Problem wird darin bestehen, alle Geräte im Fahrzeug untereinander zu synchronisieren. Unsere Vorstellung ist es, alle Daten wie Telefonnummern, Kalenderdaten, bevorzugte Werkstätten etc. permanent dezentral im Netz zu halten, und zwar bei dem jeweils persönlich bevorzugten Provider. Auf diese Weise können beliebige Geräte auf aktuelle und einheitliche Daten zugreifen. Darüber hinaus wollen wir fahrzeugseitig auf Daten zugreifen können, die für eine Interaktion notwendig sind, beispielsweise könnte eine Warnmeldung bei abgefahrenen Bremsbelägen in eine Nachricht an die bevorzugte Werkstatt umgesetzt werden. Die Werkstatt könnte wiederum unter Einsicht in den Kalender des Fahrers Terminvorschläge machen, unter denen der Fahrer auswählt, sodass der Termin in seinen Kalender und den der Werkstatt eingetragen wird.

Wo wurde Windows CE for Automotive bisher eingesetzt?
Eine der ersten Firmen, die Windows CE for Automotive einsetzte, war das japanische Unternehmen Clarion. Zunächst war das nicht so bekannt, da Microsoft damals neu in diesem Bereich war, und sich eher im Hintergrund gehalten hat. Wir mussten gerade in der Anfangsphase einiges dazulernen. Beispielsweise ist es im Automobilbereich unmöglich, ein Microsoft-"Look-and-feel" zu verkaufen. Hier haben die Automobilhersteller genaue Vorstellungen, die von ihrem eigenen Interieur-Designkonzept abhängen. Heute sind wir über diesen Lernprozess bei der Version 3.5 angelangt, für Ende des Jahres ist die Version 4.0 geplant.

Sie erwähnten einen Zugriff auf die Daten der Fahrzeugelektronik
– wo ist da die Grenze?

Generell sehen wir im Auto zwei Bereiche: Zum einen den sicherheitsrelevanten Bereich der Motor-elektronik, Sensorik, Steuerung, ABS etc., und zum anderen Multimedia sowie Entertainment. Wir wollen uns nur in dem zweiten Bereich bewegen, das ist unsere Expertise. Wir können uns aber durchaus einen Lesezugriff auf Fahrzeugfunktionen vorstellen, um daraus Interaktionen ableiten zu können, wie ich mit dem Beispiel der Bremsbeläge gezeigt habe. Es ist natürlich ganz klar: wenn Microsoft sagt, wir wollen ins Auto, entsteht Skepsis. Deswegen sage ich noch einmal – die Expertise in den sicherheitsrelevanten Bereichen haben die Automobilhersteller, in diesem Bereich positionieren wir uns nicht.

Ist Microsoft an Verhandlungen beteiligt, die die Standardisierung von Schnittstellen im Fahrzeug betreffen?
Wie sind in verschiedenen Konsortien, zum Beispiel dem MOST-Konsortium, wo wir als Mitglied wie alle anderen mit am Tisch sitzen, um unsere Vorschläge mit einzubringen und an den Spezifizierungen mitzuarbeiten.

Das Internet birgt heute viele Gefahren. Wie hoch schätzen Sie die Bereitschaft ein, beispielsweise Bankdaten über das Car.Net zu übertragen?
Vielleicht sind Bankdaten kein typisches Beispiel – aber unabhängig davon finden sehr intensive Gespräche mit Institutionen und Gremien statt, die für die Sicherheit verantwortlich sind. In dieser Hinsicht unterscheidet sich aber Car.Net nicht von anderen Netzen. Beispielsweise könnte eine Bank tatsächlich einen Service anbieten und hierfür Car.Net als Infrastruktur nutzen. Unsere Expertise sind in erster Linie die Backend-Infrastruktur und die Frontend-Plattformen – nicht der inhaltliche Service, den die Partner anbieten. Auch die verwendeten Sprachen wie XML oder die verwendeten Protokolle sind offene Standards, die nicht nur von Microsoft kommen. Im Backend-Bereich hat Microsoft gegenüber seinen Mitbewerbern natürlich den Vorteil, sehr breit positioniert zu sein, so dass ein Umstieg oder eine Migration auf unsere .Net-Technologie vergleichsweise einfach ist.

Was versprechen Sie sich wirtschaftlich von der Zusammenarbeit mit der Automobilbranche?
Primär geht es um ein strategisches Ziel. Wie gesagt ist Car.Net ein Teil des gesamten .Net-Konzeptes. Für uns ist es wichtig, Plattformen in allen diesen Bereichen zu beliefern. Sekundär betrachtet ist das Automobil natürlich auch ein monetäres Ziel für uns, allein wegen seiner weltweiten Verbreitung.

Mit welchen Partnern realisieren Sie konkrete Projekte?
Wir arbeiten in Europa vor allem mit Bosch Blaupunkt aber auch mit Siemens VDO zusammen. In Japan haben wir als Partner unter anderem die Firma Alpine. Wir sehen bei der Umsetzung in konkrete Produkte zwei Schritte: zunächst Projekte in der Premiumklasse, aber mit steigender Verbreitung, in etwa drei Jahren, auch das mittlere Segment und den After-Market-Bereich.

Wie gehen Sie mit vereinzelt auftretender Skepsis in der Automobilindustrie um?
Die Gespräche mit den Automobilherstellern sind in der Regel sehr konstruktiv, denn alle diese Firmen sind an Lösungen interessiert, die einfach und kostengünstig umsetzbar sind. In sofern ist man uns gegenüber aufgeschlossen und offen. Natürlich werden immer wieder Vergleiche mit dem PC-Bereich herangezogen, aber in den sechs Jahren, seit denen die Automotive Business Unit besteht, haben wir in vielen Gesprächen einiges gelernt. Um beispielsweise das Thema Sicherheit zu adressieren, gibt es bei uns pro Entwickler einen Testingenieur. Das gibt es meines Wissens sonst nirgends in der Software-industrie.

Autor(en): Gernot Goppelt
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