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INTERVIEW

"Genau die Ingenieure brauchen wir"

Die Formula Student Germany in Hockenheim ist ein ideales Erprobungsfeld für künftige Ingenieure, aber auch Plattform für Sponsoren, mit den Studenten in Kontakt zu kommen. Die ATZ sprach mit Dr. Ulrich Dohle, Vorstandsmitglied des Sponsors Tognum und dort zuständig für das Ressort Technology and Operations, über Nachwuchsförderung und die Faszination des Rennsports.

MTU-Dieselmotoren finden sich auf Hochseeschleppern, in Hafenkränen und an Bord von Zügen. Warum engagiert sich Tognum als Hersteller von Großmotoren bei der Formula Student?
Die Komponenten und die Technik der Großmotoren findet man auch bei kleineren Verbrennungsmotoren, sozusagen in Miniaturausführung. Es geht bei beiden Motorengrößen um Effizienz: mit möglichst wenig Kraftstoffverbrauch und möglichst hoher spezifischer Leistung bei niedrigem Emissionsniveau einen Motor zu betreiben. Die Physik ist dieselbe; die Hauptsätze der Thermodynamik gelten für beide Konzepte. In der Formula Student erwerben die Studenten also durchaus die Kompetenz, um auch an Großmotoren arbeiten zu können. Die Veranstaltung ermöglicht den Industrieunternehmen, mit Studenten in Kontakt zu treten, die in hohem Maße technisch interessiert und kompetent sind, eine intensive Beziehung zum Produkt haben, und es gleichzeitig verstehen, im Team zu arbeiten. Ich war dieses Jahr selbst bei der Formula Student auf dem Hockenheimring und habe das Engagement der Studenten hautnah mitbekommen und das Leuchten in den Augen gesehen. Das ist genau die Gruppe von Jungingenieuren, die wir als erfolgreiches Unternehmen brauchen.

Was sollten Studenten mitbringen, um heute in einem Unternehmen erfolgreich zu sein?
Zum einen natürlich die fachliche Ausbildung und unbedingtes Engagement, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Zum anderen ist eine Selbstverpflichtung notwendig, um das Team voran zu bringen. Teamarbeit ist sehr wichtig. Den einen oder anderen Einzelkämpfer kann man im Team unterbringen, aber in der Regel braucht man gute Teamplayer, die mit ihren Kollegen gemeinsam nach Lösungen suchen. Studenten, die neu im Team sind, müssen natürlich auch klein anfangen. Sich auch für einfache und schmutzige Arbeiten nicht zu schade zu sein, ist übrigens eine wichtige Eigenschaft eines guten Rennsportingenieurs.

Sehen Sie besondere Ideen oder Entwicklungen bei der Formula Student, die in eine interessante Richtung weisen?
Was mich beeindruckt hat, ist der Einstieg in die Elektrifizierung. Dass eine eigene Klasse von Fahrzeugen startet, die mit Elektromotoren ausgerüstet sind, ist ein Zeichen der Zeit. Man kann bei den Pkw ja verfolgen, wie über den Hybrid die Annäherung an das reine Elektrofahrzeug erfolgt. Für die jungen Ingenieure ist es wirklich eine Leistung, mit reinen Elektrorennwagen ihre Runden zu drehen. Wie weit die Studenten mit ihren Entwicklungen schon sind, habe ich beim Wettbewerb gesehen und in den Gesprächen mit den Studenten wahrgenommen.

Dann kann die Formula Student Ideengeber für die Autoindustrie sein?
Als Vertreter eines Offhighway-Spezialisten wie Tognum kann ich natürlich nicht für die Autoindustrie sprechen. Es steckt aber sehr viel Gehirnschmalz in der Entwicklungsarbeit der Studenten. Es wird nach Lösungen gesucht, die man mit einem überschaubaren Budget auf die Straße bringen kann. Auch ein Industrieunternehmen muss sehr stark wirtschaftlich operieren, es muss gezielt und effizient nach guten Lösungen suchen. "Time to Market" ist gerade unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ein spannendes Thema. Einige Ideen aus der Formula Student können auch durchaus für uns von Interesse sein.

Kann man in diesem Zusammenhang die Entwicklungsarbeit bei den Formula-Student- Teams mit der in modernen Unternehmen vergleichen?
Die Entwicklungsarbeiten sind durchaus vergleichbar, unterschiedlich ist aber der Projektzeitraum. Während die Entwicklung eines neuen Großdieselmotors mehrere Jahre dauert, haben die Formula-Student-Teams nur ein knappes Jahr zur Verfügung. Hier ist der Know-how-Transfer von einem Jahrgang zum nächsten extrem wichtig. Innerhalb dieses Zeitrahmens und eines genau festgelegten Budgets sind aber genau wie bei modernen Industrieunternehmen bestimmte Anforderungen zu erfüllen. Das ist ein klassischer Fall von Projektmanagement und genau das, was unsere Mitarbeiter trainieren müssen. Die Ziele im Unternehmen sind natürlich um einiges härter und schärfer. Aber ich finde es immer wieder gewaltig, was die Studenten leisten. Die Fahrzeuge sind absolut leistungsstark, und die Teams müssen in einem bestimmten finanziellen Budget bleiben. Überlegungen, wie man es schafft, Kostenziele einzuhalten und in der Zeit zu bleiben, sind später in der Industrie hilfreich. Das macht die Studenten reif für ihr späteres Berufsleben.

Wie ließe sich die Idee der Formula Student als Konstruktionswettbewerb für Nachwuchsingenieure noch auf andere Technikbereiche übertragen? Wäre eine Art Formula-Student-Wettbewerb zum Beispiel im Bereich Schiffsbau denkbar?
Es ist schon spannend sich zu überlegen, wie man die Idee der Formula Student auf andere Fortbewegungsmittel übertragen könnte. Ehrlich gesagt, hat das Miniaturisieren der Formel 1 aber doch einen größeren Reiz. Die Faszination für den Rennsport und schnelle Fahrzeuge teilen vermutlich die meisten Ingenieurstudenten. Am glücklichsten sind wahrscheinlich diejenigen Teammitglieder, die hinterher das Rennen fahren durften. Einen solchen Wettbewerb auf dem Bodensee mit Booten auszutragen, könnte man sich praktisch zwar vorstellen, aber es ist doch naheliegender, das auf einem Rennparcours zu machen.

Was würden Sie angehenden Ingenieuren für ihre berufliche Laufbahn mit auf den Weg geben?
Ich würde raten, wenn sich die Gelegenheit bietet, an der Formula Student teilzunehmen, diese auch zu ergreifen. Es gibt Teams aus aller Herren Länder, die miteinander in Kontakt kommen. So kann man Offenheit für andere Perspektiven gewinnen und lernen, wie verschiedene Kulturen an Projekte herangehen. Ich habe selbst viele Jahre in den USA gelebt und erfahren, dass man da völlig anders arbeitet. Das ist eine wertvolle Erfahrung. Wenn man die schon im Studium mitbekommen kann, hat man anderen vieles voraus. Sich im internationalen Kontext mit anderen Teams auszutauschen, ist eine Bereicherung. Darüber hinaus lernen die Studenten die wesentlichen Disziplinen, die im Motorenbau eine Rolle spielen. Die Hochschulausbildung lässt oft nur wenig Zeit für die praktische Anwendung des Gelernten und für die Entwicklung von Fähigkeiten, die man nachher im Beruf braucht. Insbesondere dann, wenn man nach ein paar Jahren merkt, dass man im Management arbeiten und Personalverantwortung auf sich nehmen möchte. Dann ist die Formula Student eine sehr gute Vorbereitung. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Der klassische Motorenentwickler muss in der Industrie zunehmend umdenken und auch systemübergreifendes Verständnis entwickeln. Kann man die Flexibilität, die hier gefordert ist, auch in der Formula Student finden?
Wir werden in der Zukunft noch stärker in Systemen denken als in Einzelkomponenten. Die Kombination aus Motor, Getriebe, Automation, das heißt die Abstimmung und Integration aller Elemente, ist wichtig. Nur das Gesamtsystem kann zu einem optimalen Wirkungsgrad führen. Nichtsdestotrotz erfordern bestimmte Gebiete auch Spezialisierung, zum Beispiel im Bereich der Verbrennungsoptimierung. Die Urdisziplinen des Verbrennungsmotors werden nach wie vor gefragt sein. Sie brauchen beides: Spezialisten und Systemintegratoren. Gerade die Formula Student bietet die Möglichkeit, auch mal über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Herr Dr. Dohle, herzlichen Dank für das Gespräch.

(Bild: Robert Hack)


Autor(en): Christiane Brünglinghaus
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