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INTERVIEW

"Der Smart ist sehr wohl ein hocheffizientes Fahrzeug!"

Flink betritt Annette Winkler ihr Büro, in dem das Interview stattfinden wird. Schwung hat die Smart-Chefin, kommunikativ wirkt sie, und enthusiastisch wirbt sie für "den Kleinen". Das ist auch nötig, denn bis der nagelneue Smart auf den Markt kommt, werden noch über zwei Jahre vergehen. Was haben die Marke und Annette Winkler bis dahin zu bieten, technologisch und auch sonst?

Frau Winkler, angenommen Herr Zetsche und Herr Weber beschließen morgen, Ihnen ein paar Millionen Euro extra zukommen zu lassen - welche technischen Investitionen beim Smart würden Sie vorantreiben?
Oh wei - eine tolle Frage (denkt nach) ... Ich bin sicher, dass sich unsere Kunden immer bessere Assistenzsysteme von uns wünschen, die das Fahren in der Stadt komfortabler und sicherer machen. Natürlich ist alles rund um die Konnektivität ein ganz wichtiges Thema für den Smart, denn auch wenn die Leute in der Stadt nur kurze Strecken fahren, so sitzen sie doch lange im Auto, sie wollen unterhalten werden, arbeiten können, online sein. Spracherkennung würde ich unseren Kunden gerne zu einem erschwinglichen Preis anbieten. Und dann natürlich irgendwann das induktive Laden der Batterie für unseren elektrischen Smart.

Was werden wir denn an technologischen Innovationen auf der IAA im Smart sehen?
Wir zeigen, als Weltpremiere, die dritte Generation des smart electric drive, der 2012 auf den Markt kommt. Er wird gegenüber dem Vorgänger hinsichtlich der Fahrleistungen noch einmal zulegen. Zudem zeigen wir ein großartiges Konzeptfahrzeug, das einen Blick in die Zukunft von Energieeffizienz, Leichtbau und Thermomanagement wirft. Last but not least gibt es unser Smart ebike zu sehen, das Ende August seine Weltpremiere feiert.

Wenn bei Smart so viele Zeichen auf Elektrifizierung stehen, wer braucht ihn dann noch mit Verbrennungsmotor?
Es wird auch in Zukunft Kunden geben, die den Smart mit einem konventionellen Antrieb fahren möchten. Wir werden diese Antriebe weiter anbieten und auch ständig weiter optimieren.

Das wird auch notwendig sein, denn besonders sparsam ist der Smart, etwa mit dem 81-PS-Benziner, wohl kaum. Mehr als sechs Liter auf 100 Kilometern ist ein hoher Verbrauch für so ein kleines Auto.
Immerhin sind wir mit der Smart-Flotte CO2-Champion, was zeigt, dass der Smart sehr wohl ein hocheffizientes Fahrzeug ist. Eine seiner Stärken ist aber auch, dass es einfach unglaublich viel Spaß macht, mit ihm dynamisch durch die Stadt zu flitzen. Dann geht natürlich auch der Verbrauch nach oben. Wer aber verbrauchsoptimiert, in diesem Sinne also "vernünftig" fährt, kommt auch auf entsprechend niedrige Verbrauchswerte.

Aber will ich Smart fahren, weil es vernünftig ist?
Das muss jeder Fahrer für sich entscheiden. Der Smart kann immer beides leisten: Funktionalität und Emotion. So ist er, was Effizienz oder Parkplatzsuche angeht, unschlagbar vernünftig, aber sein großer Vorteil ist, er macht eben auch unglaublich viel Spaß.

Womit wir beim Smart Forspeed wären. Sie haben ja in Genf eine Studie mit einer glasfaserverstärkten Kunststoffkarosserie vorgestellt. Geht sie in Serie?
Nein. Der Forspeed war ein Showcar, mit dem wir unter anderem zeigen wollten, wie wir weiter Gewicht reduzieren könnten. Denn Leichtbau liegt ohnehin in den Genen des Smart. Über die Kombination Tridionzelle und Kunststoffpanels ist ja schon vor 15 Jahren nachgedacht worden. Und wie Sie wissen, ist es beim Nachdenken alleine nicht geblieben.

Wirklich ernsthaft dachte damals doch niemand über E-Mobilität nach. Heute sagen Experten: Ein wirklich dynamisches, perfekt fahrendes E-Fahrzeug muss vom Layout komplett auf E-Antrieb abgestimmt sein ...
Und genau das ist der Smart. Er war von Anfang an elektrisch konzipiert. Deswegen ist es uns ja auch so schnell möglich, die mehr als 2000 Einheiten der zweiten Generation zu produzieren, von denen ein Großteil bereits in Kundenhand ist. Und ab 2013, dem ersten Jahr der vollen Verfügbarkeit der dritten Generation des Smart electric drive, planen wir bereits mit einem fünfstelligen Absatz. Dieser Smart mit Elektroantrieb ist für mich das perfekte Auto für die Stadt.

... das fast ein Tonne wiegt. Momentan kommt es auf knapp 850 Kilogramm Leergewicht - und das als Zweisitzer. Das soll perfekt sein?
Wir haben eines der leichtesten Autos im Microcar-Segment und das ist gleichzeitig sehr robust und zuverlässig - was ja auch der letzte TÜV-Report neutral bewiesen hat. Damit haben wir ein ziemlich perfektes Verhältnis von Gewicht zu Sicherheit und Qualität. Und die Antwort gebe ja nicht nur ich, die Antwort geben unsere Kunden! Sonst hätten wir in den vergangenen Jahren nicht mehr als 1,2 Millionen Zweisitzer verkaufen können. Der Smart ist in vielen großen Städten weltweit nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. Wir zeigen gerade in China, dass das auch in neuen Märkten funktioniert.

Wirklich? Dort legen die Menschen doch Wert auf ein vollwertiges Auto, im Sinne von "mit vier Sitzplätzen". Understatement ist keine chinesische Eigenschaft.
Das war uns bewusst, als wir uns entschlossen haben, den Smart in China einzuführen. Wie überall auf der Welt haben dort viele Menschen den Smart als zusätzliches Auto - als Alternative zu ihrem "Großen". Weil er oft praktischer und flexibler zu handhaben ist. Der Smart ist bei unseren Kunden in China neben seiner praktischen Ausmaße und seiner Effizienz mittlerweile ein begehrtes Lifestyle-Produkt. Unser Team vor Ort schafft es, das Auto sehr gut zu positionieren und die Nachfrage kontinuierlich zu steigern. Wenn ich mir die Verkaufszahlen der letzten Monate ansehe, waren die oft vierstellig.

Können Sie bitte etwas genauer werden?
Im Mai dieses Jahres haben wir das Volumen des Gesamtjahres 2010 übertroffen. Und wir wachsen weiter: Im ersten Halbjahr haben sich die Verkäufe vervierfacht, wir haben über 5000 Autos ausgeliefert. Unser Ziel ist es, in China weiter so erfolgreich zu bleiben.

Und wie läuft es in den ...
... USA? Ich wünsche mir eine ähnliche Absatzentwicklung wie in China. In Amerika ist das Kleinstwagen-Segment noch nicht ausgebaut, um nicht zu sagen: Es existiert eigentlich gar nicht. Ich bin deswegen sehr zufrieden, dass jetzt auch andere mit Microcars oder mit Kompaktautos in diesen Markt wollen. Je mehr sich in diesem Segment tummeln, desto größer wird die Dynamik.

Wie weit sind Sie damit, diesen Markt neu zu schaffen? Von Ihrem alten Vertriebspartner, der Penkse Group, haben Sie sich getrennt.
Wie bisher auch verkaufen ungefähr 75 Händler den Smart in den USA. Diese Händler sind nicht einfach nur interessiert am Smart-Vertrieb, sondern wirklich motiviert und begeistert. Wir sind außerdem dabei, neue Marketing- und Verkaufskonzepte zu entwickeln. Der Smart electric drive der dritten Generation ist dabei sicherlich eine große Chance. Auch durch unser Mobilitätskonzept car2go in Austin und ab Ende des Jahres in San Diego wird der Smart sichtbarer. Carsharing entwickelt sich sehr gut in den USA. Und da wollen wir mit dabei sein.

Ähnlich wie in China ist der Smart in den USA der Zweit- oder Drittwagen, die meiste Zeit unbenutzt. Nicht zuletzt deshalb geht der Trend ja zum "Nutzen statt Besitzen", zum Carsharing. Forcieren Sie car2go deshalb?
Carsharing wird in der Tat künftig immer wichtiger werden, davon sind wir überzeugt. Deshalb waren wir mit car2go Pionier urbaner Mobilitätskonzepte. Für alle, die auf zwei Rädern elektrisch unterwegs sein wollen, haben wir zudem unser Smart ebike. Und der Smart an sich ist ja auch schon ein Stück Mobilitätskonzept, beispielsweise als ein Parkplatzfinder. Es gibt nämlich sonst kein Auto, das nur knapp 2,70 m lang ist. Das bedeutet unseren Kunden sehr viel. Gerade für die schnellen Wege. Das ist ein Stück Lebensqualität!

40 Prozent der Smarts in Deutschland werden allerdings nicht privat, sondern gewerblich benutzt.
Was doch gut ist! Der Smart ist einfach ein Auto, das auffällt - nach wie vor. Auch deshalb adressieren wir bewusst gewerbliche Kunden, die dieses Auto für ihr Geschäft als optimal erkennen - aus hunderttausend verschiedenen Gründen - und das Fahrzeug oftmals mit einer attraktiven Beklebung als hochwertigen Werbeträger nutzen.

So vielschichtig wie die Begründungen dieser Kunden ist auch das Bild des Smart: gewerblich und privat, Ökomobil und Stadtmobil, Spaß und Vernunft und dann noch car2go. Verzetteln Sie sich nicht?
Im Gegenteil: Wir haben eine große Menükarte, aus der der Kunde auswählen kann. Genau das schätzen unsere Kunden sehr! Wir haben jeweils das Richtige – insbesondere für die Mobilität in der Stadt.

Wird diese Menükarte um ein weiteres Zweirad ergänzt, um den Scooter?
Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Es ist anspruchsvoll, das hinzubekommen. Wir hätten großen Spaß daran, aber wir wollen auch mit allen Produkten Geld verdienen.

Als Mobilitätskonzept ist car2go interessant, aber ist es auch profitabel?
car2go ist zunächst als Pilot gestartet, wir sind jetzt in Hamburg erstmals in einer Millionenstadt. Das Konzept wird in weiteren großen Städten ausgerollt, und natürlich gehen wir davon aus, dass wir mit car2go auch Geld verdienen werden.

Mit dem Carsharing im engeren Sinne? Oder indem beispielsweise Studenten geködert werden, die nach Ende des Studiums doch ihr eigenes Auto kaufen, etwa einen Mercedes?
Das wäre ein schöner On-Top-Effekt. Aber unser Anspruch ist es unabhängig davon, mit jedem einzelnen Produkt - oder auch jeder Dienstleistung - Geld zu verdienen.

Wenn die Aussichten so rosig sind: Wie wird sich der Absatz entwickeln? Für dieses Jahr hatten Sie die Losung 90.000 plus X ausgegeben. Ist das nicht arg bescheiden?
Nein, überhaupt nicht. Wenn wir diese Zahl halten können, bis 2014 das neue Auto herauskommt, dann ist das gut. Danach wollen wir natürlich noch mal richtig etwas oben drauflegen.

Frau Dr. Winkler, herzlichen Dank für das Gespräch.

(Bild: Ingolf Pompe)


Autor(en): Kirsten Beckmann und Peter Gaide
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