"Emerging Markets treiben unseren Erfolg"
Der stete Kampf gegen Reibung und Verschleiß steht im Mittelpunkt der Beschichtungslösungen von Oerlikon Balzers. Bei Werkzeugen ebenso, wie bei Automobilteilen. Dazu unterhält das Unternehmen weltweit fast 90 Beschichtungszentren, die zuletzt ein Ebit von 20 Prozent erzielten. Im Interview mit ATZproduktion erklärt CEO Dr. Hans Brändle die zugrundeliegende Strategie und wie sich ein solches Netzwerk gewinnbringend führen lässt.
Herr Dr. Brändle, Oerlikon Balzers unterhält weltweit fast 90 Beschichtungszentren. Nach welcher Strategie wurden diese Standorte gegründet?
Die Wurzeln unseres Unternehmens liegen in Liechtenstein, wo 1978 der offizielle Startschuss für die Entwicklung und Vermarktung der PVD-Beschichtung Balinit fiel. In diesem Zusammenhang wurde relativ schnell deutlich, dass die Dienstleistung des Beschichtens als Geschäftsmodell dem reinen Anlagenverkauf vorzuziehen ist. Mit dem Durchbruch unserer Technologie entstanden deshalb schon bald erste Beschichtungszentren in den etablierten Automobilmärkten. Im Zuge der intensiven Internationalisierung der Automobilindustrie sind wir dann unseren Kunden auch zu neuen Märkten gefolgt. 1994 zum Beispiel nach Indien, 1997 nach Korea und 1998 nach Brasilien. Ab 2004 folgten in kurzen Abständen China, Thailand, Argentinien und Indonesien. Letztes Jahr sind wir in Russland gestartet. Neue Länder sind bereits in Planung. Der Treiber dafür ist - vereinfacht gesprochen - die Zahl der produzierten Automobile im Umfeld der neuen Standorte. Wir sind dort, wo Motoren und Getriebe gebaut werden.
Zahlt sich ein solcher Herdentrieb aus?
Durchaus. Wir generieren zwischenzeitlich rund ein Drittel unseres Umsatzes in den Emerging Markets. Mehr noch: Rund 90 Prozent unseres Ergebniszuwachses stammt von dort. Die Emerging Markets haben sich zum Treiber unseres Erfolgs entwickelt. Das mag auch folgender Vergleich deutlich machen: Auch unsere Standorte auf den Emerging Markets sind 2008 steil in die Krise gestürzt. Dort ging es aber bereits im Januar 2009 wieder nach oben. Aktuell erreichen wir auf den etablierten Märkten wieder den Stand von vor der Krise. Auf den Emerging Markets liegen wir um 150 Prozent darüber.
Welche Rolle spielen staatliche Incentives bei Ihrer Standortwahl?
Das sehen wir nicht prioritär und eher indirekt. Unsere Kunden aus der Automobilindustrie folgen solchen Möglichkeiten. Da wir wiederum den Kunden folgen, versuchen wir natürlich, zu partizipieren. Das steht aber nicht im Vordergrund. Erfolgen Gründung und Produktionsvorbereitung
Ihrer neuen Standorte stets in Eigenregie oder nehmen Sie auch die Hilfe von auf den jeweiligen Standort spezialisierten Beratern in Anspruch?
Wir haben ein spezialisiertes Expansionsteam etabliert, dessen Aufgabe es ist, die Marktstudien zu koordinieren und an neuen Standorten die Produktion zum Laufen zu bringen. Dazu bleiben Mitarbeiter des Teams bis zu zwei Jahre vor Ort.
Welche Instrumente haben sich bei der Führung solch zahlreicher Standorte bewährt?
Da sich unsere rund 3000 Mitarbeiter auf 90 Standorte verteilen, sind die einzelnen Standorte relativ überschaubar. Zur Führung haben wir in 32 Ländern 23 lokale Managementteams etabliert. Diese handeln eigenverantwortlich und führen ein oder mehrere Zentren innerhalb von Zielvereinbarungen. Zusätzlich verfügen wir über ein Team von Technikern, das sicherstellt, dass wir weltweit mit den gleichen Standards arbeiten und Best Practices schnell an allen Standorten umsetzen können.
Was bedeutet dies für die Praxis und Ihren unternehmerischen Alltag?
Im Vordergrund steht, die Managementteams innerhalb festgelegter Leitplanken zu befähigen und zu unterstützen, ihre Aufgaben selbstständig und eigenverantwortlich zu erledigen. Dies erfordert eine sorgfältige Auswahl der Mitarbeiter, Vertrauen und die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen. Zur Führung der Managementteams reichen uns wenige Kennzahlen. Dazu zählen neben Umsatzwachstum die Profitabilität vor und nach Abschreibungen, der Personalkostenanteil sowie die Overheadeffizienz jeweils pro Beschichtungszentrum.
Haben Sie da nicht Punkte wie die Qualitätskosten oder die Kundenperformance vergessen?
Nein, denn diese Fragestellungen liegen in der jeweiligen lokalen Verantwortung.
Nicht alle Ihrer Standorte sind Eigengründungen. Was lässt sich leichter in den Unternehmensverbund integrieren, ein selbst gegründeter Standort oder ein übernommener?
Bei den meisten unserer Standorte handelt es sich um Neugründungen. Unser Erfolg zeigt, dass sich diese gut integrieren lassen. Wobei ich durchaus zugestehe, dass gerade auf neuen Märkten eine gewisse Vorlaufzeit erforderlich ist. Strategische Akquisitionen sind für uns ein relativ neuer Ansatz. Bislang betraf das in der Regel kleinere Betriebe bis maximal 50 Mitarbeiter. Auch die ließen sich reibungslos integrieren.
Lassen Sie uns über Technik sprechen: Sie sind in erster Linie Lohnbeschichter, aber auch Anlagenbauer. Sind Ihre Standorte sämtlich mit eigenen Beschichtungsanlagen ausgestattet?
Unser Ursprung ist weniger der Anlagenbau, sondern die Prozessentwicklung. Auf Basis dieser Eigenentwicklungen bauen wir Anlagen, die im weitesten Sinne mit Dünnfilmtechnik zu tun haben. 90 Prozent unseres Umsatzes resultieren aus dem Beschichtungsservice, nur 10 Prozent aus dem Anlagenverkauf. Wobei man in diesem Zusammenhang zwei Dinge wissen muss: Zum einen, dass wir unsere Anlagen nur an Kunden verkaufen, nicht jedoch an Wettbewerber, die einen eigenen Beschichtungsservice anbieten. Und zum anderen, dass die Märkte so strukturiert sind, dass ein Großteil unserer Kunden eigene Anlagen nicht effizient betreiben könnte. Was Ihre Frage angeht - ja, alle unsere Standorte sind mit proprietärer Technik ausgestattet. Dies erlaubt eine sehr homogene Bearbeitung der Märkte. Eine Ausnahme besteht nur an einem Standort, an dem wir große Umformwerkzeuge für Automobilpresswerke mit zugekaufter Technik beschichten.
Gibt es dabei Unterschiede bei den jeweils installierten Technologien und wenn ja, in welcher Hinsicht?
Nein. Wir sprechen von absolut identischen Anlagen mit unterschiedlichen Baujahren. Selbst wenn neue Beschichtungslösungen eingeführt werden, lautet eine Anforderung an die Entwicklung stets, diese auch für ältere Anlagentypen verfügbar zu machen. Damit stellen wir nicht zuletzt eine jederzeit gleichbleibend hohe Leistung und Qualität sicher.
Gibt es Unterschiede bei der Automatisierung der Peripherie?
Peripherie bedeutet in unserem Fall Teilereinigung, Vor- und Nachbehandlung. Dabei handelt es sich um sehr sensible Prozesse, die schon allein aus Qualitätsgründen höchststandardisiert ablaufen. Ansonsten müssen Sie bei diesem Thema zwischen der Werkzeug- und der Bauteilbeschichtung unterscheiden. Bei den Werkzeugen sprechen wir in der Regel von Losgrößen im einstelligen Bereich. Da verbietet sich ein automatisiertes Werkstückhandling von selbst. Ganz anders sieht es im Bereich der Automobilkomponenten wie Kolbenbolzen aus. Deren Beschichtung ist hochgradig automatisiert. Weniger wegen der Kosten als vielmehr wegen der so erreichbaren konstanten Qualität.
Welche technologischen Ansätze verfolgen Sie zur Steigerung der Flexibilität Ihrer Anlagen?
Das ist ein ganz wesentlicher, gleichzeitig aber schwieriger Punkt, da die Beschichtungen im Batch-Betrieb aufgebracht werden, was per se relativ unflexibel ist. Durch technische Verfeinerungen konnten wir jedoch deutliche Fortschritte erzielen. Waren früher zwei Maschinendurchläufe pro 24 Stunden die Regel, können wir heute bis zu acht Batches pro Tag realisieren. Dazu haben wir zum Beispiel die Umrüstzeiten auf ein Minimum reduziert. Schon alleine deshalb, weil im Gegensatz zu früher heute viel mehr verschiedene Beschichtungsprozesse zum Einsatz kommen.
Gerade in den Emerging Markets bleibt die Ausbildung der Mitarbeiter deutlich hinter den Fähigkeiten deutscher Facharbeiter zurück. Droht Ihnen dort eine Hightech-Falle?
Unsere Produktionstechnik ist so ausgelegt, dass sie nicht von Ingenieuren, sondern von Facharbeitern ausgeführt werden kann. Auch auf den Emerging Markets lassen sich dazu gute Mitarbeiter finden. Wo Fach- und Wissenslücken bestehen, greifen unsere internen Schulungsangebote.
Anlässlich der diesjährigen EM O präsentierten Sie neben einer neuen Beschichtung auch eine neue Beschichtungsanlage. Wo liegen deren Vorzüge und wie ist der Rollout auf die einzelnen Standorte geplant?
Mit der neuen Beschichtungsanlage Ingenia setzen wir neue Maßstäbe in der PVD-Beschichtung. Schnellere Batchzeiten, äußerst präzise Schichtdicken über die gesamte Beladung, hohe Flexibilität in punkto anwendbare Schichten, Technologien und Losgrößen zählen zu den wichtigsten Eigenschaften der Anlage. Die Ausstattung erster Standorte läuft bereits.
Herr Dr. Brändle, vielen Dank für das Gespräch.
Autor(en): Stefan Schlott