"Wir befinden uns in einem radikalen Umbruch"
Audi möchte bei innovativen Elektroniksystemen weiter die Nase vorn haben. Der OEM baut Deswegen seine Systemkompetenz noch tiefgreifender als bisher aus, bis auf die Chip-Ebene. Im Interview mit Elektronikchef Ricky Hudi streift ATZelektronik die Auswirkungen des Paradigmenwechsels, der durch die vielschichtige Vernetzung des Automobils mit seinem Umfeld jetzt auch den Alltag der Autoentwickler erreicht hat.
Audi zählt Studien zufolge bisher zu den Automobilmarken, die junge Fahrer und Fahrerinnen sehr erfolgreich anspricht. Doch deren Wünsche ändern sich derzeit rasant. Sehen Sie sich von der in iPhone-Apps-denkenden Generation unter Druck gesetzt, etwas Ähnliches auch für das Auto anzubieten?
Ich sehe uns nicht unter Druck, sondern in einer Phase, in der Audi konsequent und proaktiv die Themen der integrierten Vernetzung des Fahrzeugs mit seiner Umwelt anpackt sowie Mehrwert durch Serviceapplikationen schafft. Connectivity begreife ich hier als Chance, die junge Generation für das Auto auch weiterhin zu begeistern. Die nahtlose Verbindung hat mit dem Internet im Auto bereits begonnen, mit allen künftig vorstellbaren Diensten und Applikationen wie bargeldlosem Zahlungsverkehr und intelligenter Mobilitäts- und Freizeitplanung. Ich bin wirklich begeistert, mit welcher Kreativität wir daran gehen und wie uns die jüngsten Entwicklungen, beispielsweise in der mobilen Kommunikation, beflügeln.
Aber bitte mit der coolen Bedienoberfläche von heutigen Smartphones. Steht damit das bisher markendifferenzierende HMI des Automobilherstellers zur Disposition?
Nein, sicher nicht. Denn unsere Aufgabe ist es weiterhin, die Bedienkonzepte automobiltauglich zu gestalten, mit dem Spaßfaktor, der junge Fahrer anspricht. Mit der Art und Weise, wie heute moderne Endgeräte bedient werden, sind wir auf der Höhe der Zeit. Ein Beispiel ist unserer
Touchpad.
Ist das Touchpad der Weisheit letzter Schluss?
Die Bedienlogik und Anwendung werden wir künftig noch weiter deutlich ausbauen. Beim Touchpad wird die Tranferleistung, die wir von der Bedienung eines Endgeräts auf die sichere Benutzung im Auto erbringen, sehr deutlich: Im Auto benötigen Sie gut sichtbare und große Anzeigen. Da, wo ich aber optimal sehe, kann ich nicht optimal greifen - und da, wo ich optimal greifen kann, sehe ich nicht ausreichend. Es sei denn, man wendet den Blick beim Fahren von der Straße, was es ja zu vermeiden gilt. Diesen Konflikt löst das Touchpad, das intuitiv bedient werden kann.
Noch intuitiver funktioniert es mit Sprachsteuerung, wenn sie denn funktioniert.
Sprachsteuerung und Touchpad ergänzen sich. Alle wichtigen Funktionen bei Audi sind sicher und schnell durch Sprachbefehle bedienbar - sogar die POI-Suche. Das Augenmerk für die nächsten Entwicklungsschritte richten wir auf einen noch intuitiveren Sprachdialog in Richtung Natürlichsprachlichkeit. Zudem gilt es, eine noch zuverlässigere Filterung und Unterdrückung von Störgeräuschen und Nebengesprächen zu realisieren. Mit unserem langjährigen Entwicklungspartner,
der Firma Nuance, wird uns das gelingen.
Und wieder kommt eine Innovation aus der Mobilfunk-Ecke. Das neue iPhone 4s setzt mit Siri bezüglich der Bedienung per Sprachsteuerung neue Maßstäbe.
Vor wenigen Wochen haben wir Siri in unserem Forschungszentrum in Silicon Valley begutachtet, um herausfinden, wie sich Siri optimal in unser HMI-Konzept integrieren lässt. Nicht nur Spracherkennung gilt es zu verbessern, sondern die Integration von Sprachsteuerungssystemen in das Bedien- und Anzeigekonzept ist ein sehr wichtiges Thema. Hier forschen wir gemeinsam mit Universitäten.
Die Geschwindigkeit der Innovationen auf dem Endgeräte-Markt, die durch neue Dimensionen von Rechenleistung möglich werden, ist enorm. Wie flexibel und schnell kann Audi hier reagieren?
Wir trennen die langsamere Fahrzeugwelt von der schnelllebigen Endgerätewelt. Bestes und jüngstes Beispiel ist unser Radio Communication Center RCC. Die klassischen Lieferanten wie Harman Becker übernehmen Radio, Diagnose, Sound und Energiemanagement. Das ist die langsame Welt. Die schnelle Hightech-Welt bilden wir mit unserer neuen Multimedia-Extension-Einheit ab, ein Systemon-Chip-Ansatz, der modular und jederzeit erweiterbar ist. Das gab es im Auto bisher noch nie. Der derzeit verbaute Tegra-20-Chip von Nvidia ist in den besten aktuellen Computern der Welt verbaut. Das wir hier zeitlich gleich auf sind, ist eine Sensation. Bisher hinken die Autohersteller rund fünf Jahre der Endgerätetechnik hinterher. Der Chip erzeugt extrem hochauflösende Darstellungen mit begeisternder Dynamik und niedrigem Energiebedarf.
Durch die Partnerschaft mit dem Chiphersteller Nvidia überspringen Sie die Zuliefererkette, vorbei am klassischen MMI -Lieferanten. Hat der nun ausgedient?
Nein. Wir haben allerdings das Lieferanten-Portfolio komplett und zwar radikal geändert. Audi verlässt sich nicht mehr auf Black-box-Lösungen eines Tier-1-Lieferanten. Wir bauen eigenes Know-how auf, nicht nur in der Chiptechnik. Es kommen neue Firmen ins Spiel. Die Navigation über Google Earth beziehen wir bereits heute in Teilen über die Cloud. Die besten Displays kaufen wir in Asien, Sprachbedienung kommt von Nuance, Software in der Telefonie von Parrot, die besten Prozessoren beziehen wir direkt aus dem Silicon Valley.
Für den Paradigmenwechsel benötigen Sie neue Partner, aber auch junge und IT-begeisterte Mitarbeiter, die mit den neuen Technologien aufwachsen sind.
Einer dieser Mitarbeiter sitzt vor Ihnen. Meine Teams und ich zählen zu den Entwicklern, die mit Computer groß geworden sind. Wir sind regelrecht infiziert und begeistert, die neue Welt mitzugestalten.
Mehr Dynamik lässt sich erzielen, indem man in einem großen Konzern kleinere und autarke Geschäftseinheiten installiert. Hat die Audi-Electronic-Venture Schule gemacht?
Ja. Der Projekthaus-Charakter von Audi-Electronic-Venture bewährt sich nun im zehnten Jahr. Mit neuen und schlanken Arbeitsformen agieren wir schneller am Markt und erweitern mit Joint-Ventures unsere Kernkompetenzen. Unsere Softwarekompetenz stärken wir mit der eSolution GmbH, einem Joint-Venture mit Elektrobit. Die EFS steht für Elektronische Fahrwerksysteme, ein Gemeinschaftsunternehmen mit Gigatronik. Die Astec GmbH entwickelt Sicherheitselektronik-Systeme. Jüngstes Beispiel ist unser Projekthaus Car-to-X. Entwickelt werden unter anderem die Funktionen drahtloses Bezahlen beim Parken und Tanken, ein Kreuzungsassistent, ein Ampelphasen-Assistent und lokale Gefahrenwarnung.
Car-to-X-Themen beherrschen derzeit unzählige Diskussionen im automobilen Umfeld. Das erinnert an den einen oder anderen Hype.
Das Jahrzehnt der Vernetzung im Automobil ist erfolgreich abgeschlossen. Das Jahrzehnt der Vernetzung des Autos mit seinem Umfeld hat begonnen, und das wird uns sehr nachhaltig und langfristig beschäftigen. Die Thematik ist ja auch sehr facettenreich, so facettenreich wie die vielen Kundenanforderungen, die heute schon gestellt werden.
Die Vernetzung im Auto haben Sie im Griff. Im Fahrzeugumfeld betreten OEM aber Neuland, und sie sind von branchenfremden Partnern und Technologien abhängig. Die Datensicherheit ist nicht gegeben. Gleichzeitig bieten Sie Breitseite und öffnen die bisher geschlossene Welt der eingebetteten Systeme.
Noch öffnen wir die Systeme nicht. Und Infotainment ist hardwareseitig mehrfach über Firewalls absichert. Eine Verbindung zu allen fahrsicherheitsrelevanten Systemen ist de facto nicht vorhanden.
Dennoch, verfolgt man Ihre Ideen einer konsequenten Vernetzung von Auto und Umfeld, kommen auch Sie an den Punkt, an dem Security kriegsentscheidend ist.
Sie sprechen zu Recht ein sensibles Thema an. Ich kann Ihnen sagen, dass wir bei Sicherheitsanforderungen nicht einen Kompromiss eingehen werden. Und alle Beteiligten arbeiten mit Hochdruck daran. Wir reden hier ja auch über lange Zeiträume, in denen wir alles Notwendige
abarbeiten können.
Mit anderen Automobilherstellern arbeitet Audi im Rahmen der CE4A-Initiative an standardisierten Schnittstellen zu Endgeräten. Was funktioniert trotz guter Fortschritte Ihrer Meinung nach noch nicht so gut?
Die Zusammenarbeit ist wirklich gut. Daran scheitert es nicht. Allerdings wünschen sich alle involvierten Entwickler eine flächendeckendere Infrastruktur bei den Mobilfunknetzen. Wir können nicht damit leben, das wir regional von UMTS plötzlich auf die zweite Generation der Funknetze zurückzufallen. Bei LTE wünsche ich mir eine zügige Einführung, so wie es angekündigt und versprochen wurde.
Die Vision des nahtlos vernetzten Automobils hat auch den Charme, kein eigenes Auto mehr zu besitzen, sondern jederzeit und überall in eines nach Wunsch einzusteigen. Wie bewegt sich Ricky Hudi in 2030?
Wir als Automobilhersteller werden auch in Zukunft emotionale Fahrzeuge verkaufen. Als Ergänzung dazu erarbeiten wir bereits heute Ansätze, um zukünftig unseren Kunden ganzheitliche Mobilitätskonzepte zur Verfügung zu stellen, mit allen erdenklichen Serviceleistungen. Ich selbst freue mich schon sehr darauf, alle diese neuen Möglichkeiten der ganzheitlichen Mobilität zu gestalten und auch nutzen zu dürfen.
Herr Hudi, ich bedanke mich für das spannende Gespräch.
Autor(en): Markus Schöttle