"Software und Elektronik werden Kfz-Entwicklung tiefgreifend verändern"
Die Carmeq GmbH soll den Volkswagen-Konzern nicht nur zum Innovationsführer im Bereich der In-Car-Elektronik machen, sondern auch treibende Kraft für moderne Architekturen sowie für effiziente Entwicklungsprozesse von Software-Systemen im Automobil sein. Wir sprachen darüber bei Carmeq mit Dr. Jürgen Hasenpusch (rechts), kaufmännischer Leiter, und Dipl.-Ing. Frank Peter Böhm, Director Operations.
Herr Hasenpusch, im Januar dieses Jahres ist die Carmeq GmbH operativ gestartet. Wann begannen die ersten Gedankenspiele für das neue Unternehmen, und was waren die Gründe dafür?
Hasenpusch: Die Carmeq GmbH ist das Element einer langfristigen Elektronikstrategie von Volkswagen, die bereits vor etwa vier Jahren ins Leben gerufen wurde. Das Ziel ist, künftig hauseigene Kompetenzen und Kapazitäten für den Entwicklungsbereich Fahrzeugsoftware und -elektronik als Kernkompetenz aufzubauen. Ein Element davon ist die Carmeq GmbH, die im übertragenen Sinn als Schnellboot für die Volkswagen AG fungiert und neue Projekte sowie Ansätze in den Konzern transferieren soll.
Erfolgte die Entwicklung von Software und Elektronik für Fahrzeuganwendungen bisher bereits hausintern oder ausschließlich über Zulieferunternehmen?
Böhm: Die Software und Elektronik, die im Fahrzeug selbst verbaut wird, stammt zurzeit noch vorwiegend von Zulieferunternehmen. Wir wollen diese Kompetenzen in den Konzern holen.
Was gehört beispielsweise zu diesen Kompetenzen?
Böhm: Wenn man eine neue Elektronikanwendung entwickeln will, dann reicht es nicht einfach nur aus, neue Technologien dafür einzusetzen. Man braucht dazu neue unterstützende Prozesse. Wir betrachten beide Seiten. Wir entwickeln nicht nur die jeweilige Software und die Elektronikkomponenten, sondern auch die Methoden, Arbeitsweisen und Prozesse, damit sich künftige Technologien effizient einsetzen lassen.
Können Sie bereits konkrete Projekte nennen, an denen Sie arbeiten?
Böhm: Wir sind ja Anfang dieses Jahres gestartet und waren marginal in laufende Projekte involviert. Für die neue fünfte Generation des Golf sind wir sehr spät in den Entwicklungsprozess eingestiegen. Für dieses Fahrzeug hat man uns eher die Analysefunktion für potenzielle zukünftige Technologien übertragen. Wir arbeiten zurzeit an Fahrzeuggenerationen, die bis zum Jahr 2007 auf den Markt kommen werden. Für konkrete Fahrzeugprojekte möchte ich noch keine konkreten Angaben machen.
Das ist verständlich. An welchen großen Themenbereichen arbeitet die Carmeq?
Böhm: Es ist beispielsweise relativ einfach, elektronische Einzelsysteme zu bauen. Das entscheidende Thema, mit dem wir uns intensiv beschäftigen, ist deren Integration in ein Gesamtsystem, das in zukünftigen Fahrzeuggenerationen aufgrund der zunehmenden Anzahl von Funktionen zunehmend komplex ist. Diese Aufgabe ist im Entwicklungsprozess eines Fahrzeugs künftig eine der Hauptaufgaben der OEMs.
Auf welche konkreten Entwicklungsbereiche ist die Carmeq spezialisiert?
Böhm: Wir sind im Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion sehr aktiv. Im Bereich Fahrer-Assistenzsysteme arbeiten wir beispielsweise intensiv an neuen Bildverarbeitungsmethoden oder automatischen Verzögerungssystemen. Hinzu kommen sicherheitsrelevante Technologien. Für diesen Bereich haben wir unser Mitarbeiterteam gezielt mit Spezialisten aus dem Schienenfahrzeugbau sowie mit Experten aus der Luft- und Raumfahrtechnik verstärkt. Wir glauben, dass sich gerade aus diesen Bereichen wichtige Aspekte auf künftige sicherheitsrelevante Technologien für das Auto übertragen lassen. Wenn wir vielleicht irgendwann mal automatisch fahren wollen, dann ist Know-how aus der Luft- und Raumfahrt und dem Schienenfahrzeugbau sehr wichtig. Hinzu kommen noch Mitarbeiter aus der Telekommunikation, was vor allem für künftige mulimediale Anwendungen sehr wichtig ist. Neben den Fahrzeug bezogenen Projekten und der Komponentenentwicklung übernehmen wir auch die Projektbetreuung für bestimmte Lieferanten.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für künftige Entwicklungsprozesse im Automobilbau?
Böhm: Bisher hat man im Auto die meisten Funktionen in separaten Steuergeräten abgebildet. In einem VW Phaeton sind beispielsweise rund 60 Steuergeräte verbaut. Zukünftig wird sich hierfür die komplette Systemarchitektur verändern hin zu möglichst wenigen Steuergeräten. Das wird den Entwicklungsprozess für künftige Fahrzeuge tiefgreifend verändern. Man wird weg gehen vom Teile orientierten hin zu einer Funktionen orientierten Fahrzeugentwicklung. Das bedeutet, dass man die Integration von Elektroniktechnologien in ein Gesamtsystem künftig viel früher im Entwicklungsprozess stattfinden lassen muss. Das so genannte Front-Loading, also die Verlagerung der Intensität hin zum Entwicklungsanfang, ist hier ein schönes Beispiel. Um eine Integration vernünftig vorzubereiten, muss man bereits im frühen Entwicklungsprozess Gedanken darüber machen, wie das Gesamtsystem am Entwicklungsende getestet werden soll. In etwa fünf Jahren wird es die ersten Elemente in Fahrzeugen geben, die mit neuen Prozessen entwickelt werden.
Werden neue Lieferanten am Markt auftauchen, und wird man Software oder Elektronik als Extras für ein Fahrzeug kaufen können?
Hasenpusch: In beiden Fällen ein klares Ja. In der Aufpreisliste für ein Fahrzeug könnten künftig auch Software betriebene Funktionen oder Informationstechnologie zu finden sein. Man kann sich durchaus vorstellen, dass man sich künftig ein Navigationssystem nur für die drei Wochen Urlaub mietet und sich für diesen Zeitraum gleichzeitig noch mehr Drehmoment beim Hersteller holt, damit man seinen Anhänger besser transportieren kann.
Soll die Carmeq GmbH ausschließlich für VW tätig sein oder sich langfristig auch als eigenständiger Dienstleister für andere Unternehmen etablieren?
Hasenpusch Schon heute arbeiten ja Autohersteller zusammen, um die Komplexität von elektronischen Systemen zu reduzieren. Wir sehen in diesem Mark durchaus gewisse Chancen, auch als eigenständiges Dienstleistungsunternehmen erfolgreich zu sein.
Herr Hasenpusch, Herr Böhm, vielen Dank für das Gespräch.
Zu den Personen:
Dr. Jürgen Hasenpusch studierte in Passau, Mannheim und im kanadischen Toronto Betriebswirtschaft, promovierte an der Universität Mannheim und begann seine berufliche Laufbahn im ABB-Konzern im Controlling. 2001 wechselte er zur Volkswagen Consulting. Dort war Hasenpusch als Berater im Projekt "Newco" (New Company) tätig, aus dem schließlich die Carmeq GmbH hervorging, bei der er für die kaufmännische Leitung zuständig ist.
Dipl-Ing. Frank-Peter Böhm studierte in Dresden Elektrotechnik und machte dort 1992 seinen Abschluss als Dipl.-Ing. Danach arbeitete er bei der heutigen Bombardier Transportation an verschiedenen Projekten im Bereich Fahrerassistenzsysteme und war an der Entwicklung der Fahrgastinformationssysteme im ICE2 beteiligt. Seit Mitte 2001 arbeitet Böhm bei der Volkswagen AG und bereitete dort ebenfalls die Gründung der Carmeq vor, wo er heute als Leiter Operations tätig ist.
Autor(en): Jens Büchling