"Gewinnt mein Team, gewinne ich"
Anfang 2004 ernannte Tenneco Automotive Lois Boyd zum Vice President und General Manager für den Bereich Nutzfahrzeuge und das weltweite Projektmanagement. all4engineers sprach mit der erfolgreichen Führungskraft unter anderem über Fahrwerk- und Abgassysteme, die Besonderheiten der verschiedenen Märkte, die sie nun verantwortet, und ihre Situation als Frau an der Spitze eines vermeintlich von "echten Männern" dominierten Teils der Fahrzeugindustrie.
Frau Boyd, was war Ihre erste Tat, als Sie Anfang 2004 Ihr neues Amt als Vice President und General Manager im Nutzfahrzeugbereich von Tenneco Automotive antraten?
Gerade in dieser Zeit gab es im Nutzfahrzeugmarkt viele Veränderungen. Daher mussten wir eine neue Strategie aufbauen. Besonders weil unsere Kunden bestrebt waren, ihr Geschäft durch Zukäufe, Partnerschaften oder Jointventures zu globalisieren. Meine erste Aktivität im Amt war also, ein dementsprechend globales Team auf die Beine zu stellen. Mit dieser Mannschaft fingen wir zunächst in Europa und Nordamerika an und integrierten sie in diese Märkte. Das hieß, wir mussten uns individuell je nach Standort auf die besonderen Bedürfnisse unserer Kunden einstellen. Tenneco ist ein nordamerikanisches Unternehmen. Aber diese Integration ist nicht typisch nordamerikanisch, sondern global angelegt. So haben wir versucht, allen am Team Beteiligten diese Idee zu vermitteln. Das ist sehr entscheidend für uns. Später weiteten wir diese Vorgehensweise auf Südamerika und verstärkt auf den chinesischen Markt aus.
Bitte beschreiben Sie kurz Ihre Rolle im Projekt "Genesis".
Früher bestand Tenneco Automotive aus einer Reihe kleinerer Unternehmen, die unter Tenneco Inc. zusammengefasst waren, einem Großkonzern, zu dem Firmennamen wie Monroe und Walker gehörten. Diese wurden über die Jahre hinweg gekauft, aber nie richtig zusammengebracht. Als wir uns im Jahr 1999 als eigenständiges Unternehmen abgespalten haben, mussten wir uns daher zunächst neu aufstellen, herausfinden, wo wir stehen, wohin unsere Kunden gehen, also an welchen Standorten wir schließlich präsent sein müssen. Unsere Infrastruktur war zu diesem Zeitpunkt nicht in Ordnung. Projekt "Genesis" diente uns damals, unsere Standorte weltweit zu optimieren, um besser auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen zu können. Ich war einer der Leiter dieses Projekts. Genesis war ein globales Projekt, in dem wir neben einer größeren Präsenz in China beispielsweise unser Aftermarken-Geschäft in Europa neu ausrichten mussten, weil sich dieser Markt immer noch maßgeblich verändert. Es geht in erster Linie um die anhaltenden Verschiebungen in den globalen Märkten, darum, unsere weltweiten Standorte richtig zu positionieren. Wir versuchen uns also nach Möglichkeit immer dahin zu bewegen, wo sich unsere Kunden niederlassen.
Welches sind die Hauptunterschiede in Ihrem Geschäft im Hinblick auf den Markt und neue Technologien zwischen Europa und den USA? Entwickeln Sie hierfür unterschiedliche Strategien?
Im Wesentlichen sind die Trends und die langfristigen Ziele in Europa und den USA dieselben. Betrachten Sie jedoch die Abgasemissionen – das ist, glaube ich, ein gutes Beispiel – gibt es zurzeit eine Philosophie in den Vereinigten Staaten, die sich von der europäischen unterscheidet. Aber Sie werden sehen, wenn die Vorschriften im Jahr 2010 auch außerhalb strenger werden, wird man sich aufeinander zu bewegen. Und das ist eine Veränderung, die für alle positiv zu bewerten ist. Für einen OEM beispielsweise sind Entwicklung und Produktion viel teurer, wenn er Märkte mit vollkommen unterschiedlichen Richtlinien und Vorschriften beliefern muss. Trotz aller bestehenden Unterschiede beobachten wir, dass sich die Märkte und somit auch neue Technologien immer schneller angleichen, so dass wir am Ende weltweit einheitliche Produkte haben werden.
Welcher Bereich – Fahrwerk- oder Abgassysteme – besitzt nach Ihrem Dafürhalten differenziert betrachtet in Europa und den USA das größte Potenzial?
Das kommt ganz darauf an, wie Sie Potenzial definieren. Es gibt ein großes Potenzial bei Tenneco über all unsere Produktbereiche, ohne Zweifel. Gerade was Emissionen angeht, wird sich der Markt bis 2010 enorm verändern. Sowohl technologisch als auch wirtschaftlich steckt hinter dieser Entwicklung insofern ein riesiges Potenzial, als es künftig darum gehen wird, die strengen, gesetzlich vorgegebenen Grenzwerte einzuhalten. Wenn Sie sich die Entwicklung der Produktionszahlen von Tenneco in Europa ansehen, werden Sie feststellen, dass wir hier große Fortschritte gemacht haben.
In Nordamerika entwickeln wir derzeit neue Technologien in Bereichen, in denen wir noch nie eine Präsenz in Europa hatten. Auch hier erwarten wir ein starkes Wachstum. Auf der anderen Seite sind wir beispielsweise bei Dämpfern von Fahrerkabinen die Nummer eins in Europa. In diesem speziellen Feld ist der Anteil auf dem nordamerikanischen Markt noch nicht so groß, weil unser Fokus hier ein anderer war. Für diese Produkte sehen wir also, bedingt durch die Globalisierung, ein großes Wachstumspotenzial in unserem heimischen Markt. Ein weiteres wichtiges Thema ist Asien. Dort gibt es, was die Nutzfahrzeug-Standards angeht, noch großen Nachholbedarf, wenn man die Luftverschmutzung in den Städten betrachtet. Hier stehen uns alle Türen weit offen und deshalb wird in diesen Markt derzeit auch so stark investiert. Neben den Investitionen geht es in Asien hauptsächlich darum, die richtigen Partner zu finden. Bei Abgassystemen beispielsweise ist Tenneco die Nummer eins in China. Wir haben bereits fünf Jointventures und ein eigenes Entwicklungszentrum für den chinesischen Markt steht ganz oben auf unserer To-do-Liste.
Welche Pläne verfolgt Tenneco für die Zukunft im Bezug auf Filtersysteme für Nutzfahrzeuge?
Wir planen, Filtersysteme verstärkt in Nordamerika ins Spiel zu bringen. Ferner beobachten wir, dass der Dieselpartikelfilter in Europa an Bedeutung gewinnt; es vollzieht sich bei Nutzfahrzeugen ein leichter Technologiewandel in Richtung Durchströmungsfilter. Tenneco ist in allen Märkten bereit, auf das zu reagieren, was auch immer die jeweiligen Gesetzgeber fordern. Diesbezüglich sind wir in alle relevanten Prozesse eingebunden. So hat Tenneco beispielsweise bereits im Jahr 2000 mit der ersten Serienfertigung von Dieselpartikel-Filtersystemen begonnen.
Was ist "State of the Art" bei Nutzfahrzeug-Fahrwerken, was sind hier die technischen Highlights und an welchen Projekten arbeitet Tenneco im Moment?
Im Fahrwerkbereich arbeiten wir zurzeit intensiv gemeinsam mit unseren Kunden an Stabilitätssystemen. Ferner richtet Tenneco ein Hauptaugenmerk auf Gewichtsreduzierung in diesem Bereich, zum Beispiel Leichtbau bei Drehstäben in der Radaufhängung für Schwerlastanwendungen. Neben modernen Dämpfern für Fahrerkabinen bis hin zu verstellbaren Sitzdämpfern, neben fortschrittlichen Luftfedern und robusteren Achsdämpfern stellt die Integration von Elektronik in unsere Stoßdämpfer- und Fahrwerksysteme in technologischer Hinsicht sicherlich ein Highlight bei Tenneco dar, die Systeme werden "intelligenter". Wir haben beispielsweise durch unser so genanntes passives Hydraulik-Fahrwerksystem erreicht, dass sich die Ladung eines Trucks mit Hilfe moderner Regelungstechnik gleichmäßig über das gesamte Fahrzeug verteilt. Das bringt uns zum einen durch das Plus an Stabilität in puncto Sicherheit voran und bedeutet auf der anderen Seite eine längere Lebensdauer für das Fahrwerk.
Die Fahrzeugindustrie und speziell ihr Nutzfahrzeugbereich gelten immer noch als Männerdomäne. Ist es für Sie als Frau etwas Besonderes, gerade diesen Bereich zu verantworten oder lediglich "ein Job wie jeder andere"?
Für mich war es immer schon ein interessantes Geschäft. Seit Mitte der 70er-Jahre habe ich mit der Automobilindustrie zu tun. Schon als junges Mädchen habe ich in einem Unternehmen für Hydrauliksysteme gearbeitet. Ich verkaufte Servolenkungen an Speditionen. Das war eine sehr aufregende Zeit. Der Markt hat für mich etwas Besonderes – wenn man ein Teil davon ist, klebt man förmlich daran. Heute bedeutet es als Frau manchmal Kampf und manchmal ist es ein Vorteil. Aber gleich ob Mann oder Frau – du musst immer die Kunden und das Management unterstützen. Beide achten sehr genau auf gute Leistungen. Und wenn man zeigen kann, dass man in der Lage ist, die Aufgaben, die an eine Führungsposition geknüpft sind, zu erfüllen, kann natürlich auch "Sie" im Nutzfahrzeugbereich Erfolg haben.
Ich selbst musste immer Schritt für Schritt nach vorne gehen, musste immer mehr fordern, dazulernen und durfte niemals Angst haben, irgendeine Herausforderung anzunehmen. Eine gewisse Risikobereitschaft ist sicherlich hilfreich. Meiner Meinung nach heißt es nicht: Mann gegen Frau. Es geht darum, in einem Team zu arbeiten und das Team zu unterstützen. In gewissen Ländern beispielsweise, in denen Frauen als Geschäftspartner nicht akzeptiert werden, ist eben mein Team stärker. Und gewinnt mein Team, gewinne ich. Ich denke nicht, dass, wie oft behauptet wird, eine Frau in einer Führungsposition besser sein muss als ihre männlichen Kollegen. Dieselben Fähigkeiten reichen allemal aus. Aber sie muss stark sein und manchmal ist es ohne Zweifel schwierig.
Ihre Hauptaufgabe ist die internationale Geschäftsentwicklung des Unternehmens. Wie tief und wie detailliert sind Sie in die Belange Forschung und Entwicklung eingebunden?
Ich bin in den R&D-Planungsprozess eingebunden. Bei Tenneco gehöre ich als Mitglied des Boards zu den Entscheidern im Innovationsprozess. Hier werden zukunftsweisende Technologien erarbeitet. Das entsprechende Gremium bringt zahlreiche Universitäten aus aller Welt gemeinsam mit den Hauptansprechpartnern der einzelnen Business Units an einen Tisch. Meine Aufgabe besteht darin, dieses Gremium und die damit verbundenen Aktivitäten zu leiten. Natürlich entwickle ich die innovativen Technologien nicht tatsächlich selbst. Aber ich weiß natürlich genau, was Bereich vor sich geht und wir vorankommen. Wir achten im Schwerpunkt darauf, was der Markt macht und welche Technologien schließlich erfolgversprechend sind.
Wie ist Tenneco Automotive, was Dieseltechnologie auf dem Nutzfahrzeugsektor angeht, auf den bevorstehenden Boom in Europa vorbereitet und welche Effekte erwarten Sie daraus für Ihren Bereich?
Um diesem Boom im Nutzfahrzeug-Sektor zu begegnen, bauen wir eine umfassende Infrastruktur in Europa auf. Wir errichten beispielsweise ein neues Montagewerk in Spanien und haben gerade im Zusammenhang mit der Emissionsseite unseres Geschäfts eine signifikante Investition im ostdeutschen Zwickau getätigt. Tenneco investiert hier generell in neue Technologien, wir stellen neue gute Mitarbeiter ein und arbeiten darüber hinaus auf der Basis von Partnerschaften mit zahlreichen spezialisierten Technologie-Unternehmen in Europa zusammen. Es ist jetzt wichtig zu wissen, was momentan im Markt vor sich geht. Und daher halten wir stets engen Kontakt mit Universitäten und natürlich auch mit unseren Kunden. Unter diesen Voraussetzungen entwickeln wir dann unsere verschiedenen Strategien. Diesen Boom gibt es ja nicht nur in Europa; in Nordamerika und in Asien steht uns dasselbe bevor. Und ich bin stolz darauf, in der Lage zu sein, diese Herausforderung für das Unternehmen anzunehmen. Ich denke, wir stehen im Nutzfahrzeug-Markt vor einem aufregenden Wachstum, das hoffentlich lange anhält – vielleicht sogar bis ich in Rente gehe.
Vielen Dank, Frau Boyd, für das Gespräch.
Zur Person:
Lois Boyd begann ihre Tätigkeit bei Tenneco Automotive im Jahr 1997 als Bereichsleiter für das Geschäft mit der Ford Motor Company in Nordamerika. Danach wurde sie zum Vice President für das Ford-Geschäft mit Verantwortung für alle Produktlinien und für die weltweite Belieferung des Kunden ernannt. Vor ihrem Eintritt bei Tenneco hatte sie verschiedene Positionen im Marketing und im Vertrieb bei der Vickers Inc. inne, zum Beispiel als Director im weltweiten Vertrieb, Director für den Vertrieb in Nordamerika, Director im OEM-Vertrieb und als weltweiter Manager für Marktentwicklung. Sie erhielt ihren Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre von der Oakland University und schloss ihr Aufbaustudium an der Central Michigan University ab.
Autor(en): Thomas Jungmann