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INTERVIEW

"Von Patenten halte ich nicht sehr viel"

Abgassysteme moderner Pkw müssen heute über die Schalldämpfung hinaus vielseitige Anforderungen erfüllen. Besonderes Augenmerk liegt im Hinblick auf immer strengere europäische Grenzwerte auf der komplexen Abgasreinigung bei Verbrennungsmotoren. Rolf Geisel, Geschäftsführer des Abgassystem-Spezialisten Boysen in Altensteig, stand all4engineers Rede und Antwort bei Themen wie der Wettbewerbssituation als Mittelständler und der speziellen Rolle von Forschung&Entwicklung, der Diskussion über Dieselpartikelfilter und Innovationen im Allgemeinen.

Herr Geisel, wie kann sich ein mittelständisches Familienunternehmen gegen die großen Abgassystem-Spezialisten im Markt behaupten?
Das ist eigentlich ganz einfach: Indem wir versuchen, besser zu sein als die anderen. Ein Mittelständler hat nur eine Chance, gegen diese weltweite Konkurrenz anzukämpfen, wenn es ihm beim Thema Innovationen gelingt, einen Vorsprung zu erarbeiten. Er muss dem Kunden Flexibilität und einen optimalen Service bieten, den die Großen vielleicht in dieser Art nicht abbilden können. Die Automobilhersteller haben sehr wohl erkannt, dass sie eine Strategie brauchen, in der die Großen der Branche und hoch flexible mittelständische Zulieferer gleichermaßen eine Rolle spielen. So haben wir in den letzten zehn Jahren versucht, Preis/Leistung, Innovation, Flexibilität und Qualität in den Vordergrund zu stellen, weil genau hier die Stärken des Mittelstandes liegen. Besonders die Branche Abgastechnik gilt als sehr investitionsstark. Um hier Innovationen voranzutreiben, zum einen von der Entwicklungsvorleistung, zum anderen von der Prozessseite, können wir dies nur in einer gewissen Größenordnung gestalten. Wir mussten also Umsatzpotenzial dazugewinnen. Auf einer Umsatzstruktur, wie wir sie Anfang der 90er-Jahre hatten, wären wir sicherlich ohne Überlebenschance gewesen, weil wir die Anforderungen der Automobilindustrie mit Sicherheit nicht hätten erfüllen können. Und der Erfolg unserer Arbeit in den 90er-Jahren auf Basis von massiven Investitionen im Entwicklungs- und Produktionsbereich hat uns in diesem harten Wettbewerb ganz sicher einen entscheidenden Schritt vorwärts gebracht.

Boysen ist vornehmlich auf maßgeschneiderte Abgasanlagen für Fahrzeuge der Premiumklasse spezialisiert. Ist der Volumenmarkt mit seinen deutlich höheren Stückzahlen aber auch härterem Preiskampf für Sie unattraktiv?
Nein, dieser Markt ist für uns nicht unattraktiv. Es ist eine Entwicklung der letzten 15 Jahre, dass das Unternehmen Stück für Stück in den Premiumbereich abgewandert ist. Aber nicht durch Aktionen in unserem Haus, sondern weil uns die Kunden durch die Innovationsstärke und Flexibilität von Boysen in Richtung Premiumsegment gebracht haben. Dort gab es in den vergangenen zehn Jahren auch ein extremes Wachstum zu verzeichnen. Hier sind die Zuwachsraten gerade im Exportbereich erzielt worden. In der Vergangenheit war unser Haus demzufolge im Premiumbereich voll beschäftigt. Aber eine Beschränkung auf den Premiummarkt kann kein Thema für unsere Zukunft sein. Denn je mehr wir in diesen Bereich abwandern, desto kritischer wird es für unser Unternehmen. Wir brauchen eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Premiumfahrzeugen, der Mittelklasse und Volumenmodellen. Nur dann kann unsere Wirtschaftlichkeit auch langfristig gegeben sein.

Ist dieses Thema für Sie nicht auch eine Frage der Produktionskapazität?
Die Produktionskapazität spielt dabei im Abgasbereich überhaupt keine Rolle. Das ist eine reine Investitionsfrage. Da es jedoch bereits vorhandene Ressourcen gibt, herrscht hier ein harter Preiskampf. Für alle in Europa produzierten Fahrzeuge gibt es Kapazitäten, um Abgastechnik zu produzieren. Alles andere ist ein reiner Verdrängungsmarkt. In Europa gibt es nur noch minimale Wachstumsraten - das wird sich auch in Zukunft nicht ändern - und die werden durch den ständigen Wertschöpfungsverlust aufgefressen. Das heißt, jedes Abgassystem der Folgegeneration wird immer wieder kostengünstiger. Wir müssen, obwohl die Technik immer aufwändiger und die Qualität immer besser wird, einen Wertschöpfungszerfall beobachten.

Als nicht börsennotiertes Unternehmen können Sie unbelastet in den Bereich Forschung&Entwicklung investieren. Welche strategischen Pläne verfolgen Sie in diesem Zusammenhang mit der Errichtung Ihres neuen Versuchsgebäudes in Altensteig?
Wir wollen damit in erster Linie den Kundenservice verbessern und innovativ auf der Entwicklungsseite einen Schritt vor unserer Konkurrenz sein. Dort sind nicht nur weitere Kapazitäten aufgebaut worden, sondern, was besonders wichtig für uns ist, dort haben auch wieder neue Versuchstechniken Einzug gehalten. Wir können unseren Kunden wieder etwas bieten, was andere in dieser Art noch nicht bieten können. Wir haben hier Prüfstandstechnik aufgebaut, die uns erneut voranbringt. Stichwort "motorunabhängige Erprobung". Wir können heute mit Hilfe von leistungsstarken Heißgaserzeugern sehr realitätsnah eine Erprobung darstellen, ohne dass wir den zugehörigen Motor haben. Die Philosophie dahinter war, mit einem Heißgaserzeuger zu arbeiten, der über einen großen Leistungsbereich verfügt und wie ein moderner Motor gesteuert werden kann.

Hat Boysen beim Thema Dieselpartikelfilter einen wichtigen Zug verpasst?
Diese Situation hat ihre Wurzeln in einer anderen Thematik. Die Firma Boysen hat es vielleicht schon vor zehn Jahren verpasst, aggressiv im Dieselbereich zu arbeiten. Das hat gar nichts mit dem Partikelfilter zu tun, sondern, da wir seit jeher sehr wenig Marktanteile bei Dieselfahrzeugen hatten, sind wir auch automatisch zu spät oder nicht in dieser Dimension beim Dieselpartikelfilter dabei. Davon abgesehen ist heute der Markt für Partikelfilter genauso hart umkämpft wie für andere Komponenten. Die Situation mit der Einführung des Katalysators Anfang der 80er-Jahre, in der viele Hersteller von Abgasanlagen noch gute Renditen erarbeiten konnten, gibt es heute bei der Einführung der Dieselpartikelfilter nicht mehr. Der Konkurrenzkampf hat hier nämlich dazu geführt, dass die Preise ganz unten angekommen sind. Denn jeder wollte dieses Aushängeschild: "Wir machen auch Dieselpartikelfilter." Für uns gibt es keinen Unterschied, ob es sich um Otto- oder Dieselmotorensysteme handelt. Entscheidend in der Summe ist der Marktanteil. Früher hat sich für ein Traditionsunternehmen wie Boysen die Welt um Ottomotoren gedreht. Und ähnlich wie andere Automobilhersteller teilweise den "Dieselzug" verpasst haben, so hat ihn auch Boysen verpasst. Gott sei Dank haben wir mittlerweile zusammen mit Audi und BMW im Dieselbereich Fuß gefasst. Und jetzt gilt es, das Ganze weiterzuentwickeln, einfach weil uns die aktuelle Entwicklung, wie der Dieselanteil in Europa derzeit wächst, im Bereich Ottomotoren wehtut.

Bei der Reinigung von Dieselabgasen, speziell der Regeneration des Partikelfilters, spielt die Motorsteuerung eine zentrale Rolle. Wie viel Know-how liegt diesbezüglich bei Boysen und wie groß ist der Anteil der Entwicklungspartner?
Die gesamte Steuerungstechnik kommt nach wie vor von den Automobilherstellern. Das ist nichts anderes als beim Katalysator, bei dem die Steuerungstechnik auch durch den Hersteller gestaltet wird. Unser Kerngeschäft ist nach wie vor das optimale Canning dieser Systeme in unterschiedlichen Fahrdynamiken und Temperaturbereichen. Wir haben im Hinblick auf eine bestmögliche Funktionalität für Dinge wie Anspringverhalten und optimale Unterbringung im Fahrzeug mit bester Langzeitqualität zu sorgen. Es gab Ansätze, da haben sich manche in der Steuer- und Regeltechnik versucht, und alle haben sich die Finger verbrannt. Das ist einfach Kerngeschäft der OEMs oder anderer, spezieller Zulieferer.

Die Technik der Abgasreinigung bei Dieselmotoren ist recht komplex - Thema Nacheinspritzung, Entfernung von Katalysator oder Filter vom Motor. Finden Sie alles, was Sie für eine Neuentwicklung benötigen, detailliert in den Lastenheften Ihrer Auftraggeber?
Nein, wir beschäftigen uns von der Berechnungs- und Simulationsseite natürlich sehr tief mit diesen Thematiken. Wir bekommen Daten von den Automobilherstellern und beginnen damit über eigene Berechnungen das System zu optimieren; unter anderem was den Ort der Unterbringung angeht, Vor- und Nachteile von motornah oder motorfern. Hierzu werden bei uns beispielsweise massiv Partikelsimulationen durchgeführt. Es ist schon unsere Aufgabe, einen optimalen Kompromiss für dieses vorgegebene Umfeld zu gestalten.

Welche Vorteile bringt das Konzept des luftspaltisolierten, so genannten LSI-Krümmers, auf das Boysen setzt, im Vergleich zu dem kostengünstigeren Gusskrümmer?
Der Nachteil von Guss ist die Bauteilmasse bedingt durch die Dicke, die sich einerseits durch die Herstellung ergibt und auf der anderen Seite auch festigkeitsbedingt ist. Der Hauptvorteil des LSI-Krümmers ist der, dass das Außengehäuse die tragende Funktion übernimmt und der Temperaturabfall vom gasführenden Innenrohr zum Außenrohr etwa 300 °C beträgt. Dadurch ist die tragende Funktion trotz der relativ kleinen Wanddicke immer noch gewährleistet. Der große Vorteil ist darüber hinaus, dass das gasführende Teil recht dünnwandig im Bereich von 0,8 bis 1,0 Millimetern ist und damit in der Startphase einfach weniger Masse aufgeheizt werden muss. Katalysatorsysteme mit den heutigen verschärften Grenzwerten leben in erster Linie davon, dass das Anspringverhalten im Gesamtzyklus ganz entscheidend ist. Wenn sie die für das optimale Anspringverhalten erforderliche Temperatur nicht innerhalb weniger Sekunden schaffen, werden sie die Gesamtziele nicht mehr erreichen.

Wie funktioniert das Prinzip der Abgasklappe und wo liegt nach Ihrem Dafürhalten das Hauptpotenzial für künftige Einsätze?
Wir bei Boysen verbauen seit 2001 pneumatisch gesteuerte Abgasklappen im Bereich der Schalldämpferanlage, um flexibel auf unterschiedliche Anforderungsprofile reagieren zu können: Einmal steht der Komfort im Vordergrund, ein andermal die maximale Motorleistung. Im unteren Drehzahlbereich erzielen wir bei geschlossener Klappe eine wirksame Schalldämpfung, bei höheren Drehzahlen und unter Last verringern wir durch das Öffnen der Klappe den Abgasgegendruck. Nach unserer Überzeugung werden sich in der Abgastechnik immer stärker Systeme durchsetzen, die flexibel auf die Anforderungen bei verschiedenen Betriebszuständen reagieren können und die sich mit geringem Aufwand an die Motorenpalette einer Fahrzeugplattform anpassen lassen. Im Sinne der Plattformstrategie eignen sich Schalldämpfer mit Klappe zum Beispiel für den Einsatz im Bereich der Topmotorisierung bei Klein- und Mittelklassefahrzeugen, bei denen das Schalldämpfervolumen ursprünglich auf die stückzahlenträchtigen - sprich: schwächeren - Motorisierungen ausgelegt wurde. Die Abgasklappe bietet dem Automobilhersteller die Möglichkeit, auf höhere Anforderungen in Bezug auf Leistung und Akustik zu reagieren, ohne das Package verändern zu müssen.

Wann ist für Sie eine neue Entwicklung eine Innovation?
Ich könnte mir die Antwort sehr leicht machen und sagen: Eine Innovation ist für mich, wenn aus einer Neuentwicklung ein Patent resultiert. Aber genau genommen halte ich von Patenten nicht sonderlich viel (lacht). Nein, Scherz beiseite. Innovation heißt für mich, wenn wir im Vergleich zur Vorgängergeneration zu dem Ergebnis kommen, dass wir mit dem neuen System dem Kunden einen Mehrwert geschaffen haben. Dazu gehören bei uns Zielsetzungen wie zum Beispiel Preis/Leistung, Qualität, Gewicht, Langlebigkeit und Leistungsoptimierung. Diese Parameter sind teilweise schon vom Hersteller vorgegeben. Wir messen uns jedenfalls immer an der Vorgängerversion. Die nächste Generation muss immer besser werden. Unser Ziel ist es, Entwicklungsleistung anzubieten, um damit Produktionsaufträge zu erlangen. Daher muss versucht werden, eine Innovation auch zur Serienreife zu bringen. Eine Entwicklung, die nicht produziert wird, bedeutet für uns mit wenigen Ausnahmen verschenkte Entwicklungsleistung.

Welches Profil muss ein junger Bewerber, der sich bei Ihnen vorstellt, mitbringen, um bei Boysen Karriere zu machen?
Unsere Leute im Entwicklungsbereich sollten schon aus den Fachrichtungen Maschinenbau, Luft- und Raumfahrttechnik oder Verbrennungsmotoren kommen. Solch ein Ingenieur muss dann bereit sein, bei einem mittelständischen Zulieferer etwas gestalten zu wollen, mit der nötigen Portion Ehrgeiz, teilweise in einem für Mittelständler eigenen Umfeld unter erhöhtem Leistungsdruck versuchen, sich weiterzuentwickeln. Dann kann er bei uns ein ganz Großer werden.


Vielen Dank, Herr Geisel, für das Gespräch.

Zur Person:
Rolf Geisel (49) ist ein "Eigengewächs" des Hauses Boysen mit Hauptsitz in Altensteig (Nordschwarzwald). Er trat 1972 in das Unternehmen ein und absolvierte zunächst eine Lehre als Werkzeugmacher. Später machte der Altensteiger extern eine Ausbildung zum Refa-Ingenieur. Von 1978 bis 1985 zeichnete er als Geschäftsführer der Boysen-Tochter AWM verantwortlich. Seit 1985 ist Rolf Geisel Geschäftsführer der Friedrich Boysen GmbH & Co. KG. Das mittelständische Familienunternehmen beschäftigt sich mit der Entwicklung und Fertigung von Abgassystemen. Die Boysen-Gruppe erwirtschaftete 2004 mit rund 1.250 Mitarbeitern einen Umsatz von über 400 Millionen Euro.

Autor(en): Thomas Jungmann
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