"Neben den Bauteilen für Kupplungen und Bremsen gehen wir mehr in Systeme"
Systempartner der Automobilhersteller wie die FTE automotive GmbH agieren oft als "Hidden Champions". Der Fahrzeugzulieferer aus Ebern produziert Brems- und Kupplungssysteme für Pkw, Lkw und Motorrad, die dank Hightech zu den Schlüsselkomponenten eines Fahrzeugs gehören, und muss sich mit seinen 3.300 Mitarbeitern in zwölf Ländern der Welt aber keinesfalls verstecken. Welche wirtschaftlichen Chancen und technischen Innovationen möglich sind, fragte all4engineers den Vorsitzenden der Geschäftsführung Dipl.-Ing. Wolfgang W. Bruns.
Wo liegen die Ursprünge von FTE, wie kam die wechselvolle Firmengeschichte zustande?
Unser heutiges Unternehmen FTE automotive GmbH entstand 1944 in Ebern nahe Bamberg als kriegsbedingte Auslagerung von Werksteilen der FAG Kugelfischer AG in Schweinfurt. Es wurden Teile für Wälzlager gefertigt. Um den Erhalt und die Auslastung des Werks in Ebern zu sichern, wurden neue Geschäftsfelder wie die Neuentwicklung von Bremshydraulikprodukten generiert. So wurden erste Bremshydraulikteile 1954 an die Firma Deutsche Perrot-Bremse in Mannheim geliefert. 1975 konnte die erste Auslieferung eines Bremskraftverstärkers in Serie an Volkswagen für den VW Golf I erfolgen.
Die Franken entwickelten 1988 als Weltneuheit und produzieren bis heute das erste ABS-Bremssystem für Motorräder. Im Jahr 1993 verkaufte FAG das Werk an das Unternehmen Echlin. Ab diesem Zeitpunkt wurde auch der Name "FTE Fahrzeug Technik Ebern" verwendet. Echlin wiederum wurde 1998 von Dana aufgekauft, wodurch wir zu einem US-amerikanischen Unternehmen gehörten. Dann verkaufte uns Dana 2002 an den britischen Investor HG Capital. Dies war auch der Zeitpunkt, zu dem ich in die Geschäftsführung des Unternehmens FTE automotive als CEO eintrat. Und nun im Januar 2006 verkaufte HG Capital uns an den französischen Investor PAI Partners.
Was stellen Sie sich an Innovationen für die Jahre bis 2010 vor? Hält der Trend bei Ihnen an, von Bauteilen zu Systemen überzugehen?
Da gilt ein sowohl als auch. Zum einen wird es von FTE automotive weiterhin Bauteile und Komponenten wie Nehmer- und Geberzylinder sowie Schläuche geben. Zum anderen gehen wir mehr in Systeme. Ein schönes Beispiel dazu ist der Hydraulik-Steuerblock für das automatisierte Schaltgetriebe, das ASG, im neuen Sportwagen BMW M5/M6. Aber auch unsere "kleineren" Bauteile bekommen durch integrierte Sensoren, Funktionen oder neue Werkstoffe - wir entwickeln uns zur Zeit weg vom Grauguss hin zu Aluminium und Kunststoff - mehr Komplexität und "Intelligenz". Daraus lassen sich dann wieder modulare Systeme aufbauen. Was aber nicht heißen soll, dass wir die Kompetenz, die wir in den Einzelteilen haben, verlieren wollen, wenn wir in Systeme gehen. Da es am Tagesende ja doch immer an den Einzelteilen hängt.
Von der Produktstrategie werden unsere Brems- und Kupplungszylinder wie gesagt "intelligenter". So lassen sich Sensorinformationen, wo der Kolben im Zylinder von der Position her steht, an das übergeordnete Steuergerät weitergeben, das dafür sorgt, dass der Kraftstoffverbrauch optimiert und minimiert wird. Wir arbeiten in Ebern bei einigen Projekten nach dem Motto "Evolution vorhandener Produkte", statt Revolution durch neue Produkte mit zweifelhaftem Nutzwert.
Wie sieht die Strategie von den Standorten her aus?
Historisch betrachtet war FTE automotive lange auf Deutschland und Europa fokussiert. Aber heute sind wir in der Welt schon gut aufgestellt, wollen uns aber in nächster Zeit an einigen Punkten noch verbessern. Mit unseren acht internationalen Fertigungsstandorten und den zahlreichen kommerziell-technischen Büros weltweit sind wir schon nah beim OEM, was besonders wichtig ist. Im Jahr 2004 haben wir in den USA einen Konkurrenten gekauft, damit wir im Nafta-Raum kundennah - der Amerikaner sagt "with local content" - also mit kurzen Wegen liefern können. Die Firma hieß Automotive Products Inc. und ist mittlerweile in die Gruppe FTE automotive integriert worden, wodurch deren und unsere Stärken gut zum Einsatz kommen. Im selben Jahr haben wir auch das Werk "FTE automotive Slovakia s.r.o." in Presov in der Slowakei ins Leben gerufen. Im Oktober 2005 gründeten wir ein Werk in Tschechien, in dem die Produktion im Herbst 2006 starten soll.
Trommelbremsen gelten als altmodisch. Wieso haben Sie diese noch im Programm?
Weit gefehlt! Die Trommelbremse macht bei Pkw an der Hinterachse technologisch durchaus noch Sinn - gerade bei kleinen Fahrzeugen. Obwohl zwar jeder Endkunde sagt, er möchte an den Hinterrädern schöne Scheibenbremsen sehen. Das ist also eher ein Design- und Marketing- als ein Sicherheitsaspekt, denn von den energetischen Anteilen her würde eine Trommelbremse völlig ausreichen. Wir sehen daher bei unseren Trommelbremsen wieder ein wachsendes Geschäft, zumal doch auch alle OEMs weltweit wieder mehr auf die Kosten schauen. Über die Produktanalyse hat diese Komponente noch ein großes technisches Verbesserungspotenzial, auch weil sie hinsichtlich Kosten und Gewicht besser als die Scheibenbremse da steht. Sie sind Hersteller für Zweirad-ABS.
Möchten Sie dieses Know-how nicht auch auf den Vierradsektor übertragen? Was tut sich bei Motorrädern?
Damals, mit dem Entstehen dieses Themas in den 70er-Jahren, haben wir uns auch mit dieser Problematik intensiv beschäftigt. Aber dann haben wir uns bewusst und strategisch entschieden, aus Marktgründen nicht in den Pkw- oder Lkw-Bereich zu investieren, weil der Pkw-Markt schon gut besetzt war. Aufgrund unseres technischen Know-hows hatten wir 1975/76 begonnen, ein Antiblockiersystem, kurz ABS, für Motorräder zu entwickeln. Inzwischen hat es wieder neue Strömungen in der Motorradsicherheit gegeben, wozu ja bekanntlich auch das ABS beiträgt.
Momentan haben wir uns sehr stark Richtung Japan orientiert, weil dort die großen Volumen produziert werden. Wir arbeiten mit zwei japanischen Herstellern seit einigen Monaten zusammen, um unser ABS technisch und preislich an den japanischen OEM anzupassen. Unser ABS ist speziell nur für das Motorrad entwickelt und nicht vom Pkw-ABS her adaptiert worden, was sich auch in einer eigenen Zweirad-Abteilung niederschlägt. Wir sprechen also die Motorradsprache, keinen adaptierten Pkw-Slang! Neben dem ABS beschäftigen wir uns auch seit einigen Jahren erfolgreich mit konventioneller Brems- und Kupplungshydraulik für Zweiräder. So sind wir in diesem Segment in Ebern sehr breit aufgestellt.
Herr Bruns, ich bedanke mich für das Gespräch.
Autor(en): Michael Reichenbach