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INTERVIEW

"Einer unserer Vorteile ist die gesamtheitliche Betrachtung der Elektronikentwicklung"

Breites Fachwissen und Spezialisierung sind bei Bertrandt kein Widerspruch. Dies gilt nicht nur für die Gesamtfahrzeugentwicklung, sondern auch für den Bereich der Elektronik, der bei dem Engineering-Dienstleister einen immer größeren Stellenwert einnimmt. Die ATZ elektronik sprach mit Dietmar Bichler (rechts), Vorsitzender des Vorstands, und Christian Ruland (links), Fachbereichsleiter Entwicklung Elektronik, über Besonderheiten und Trends der Elektronikentwicklung bei der Bertrandt AG.

Wie hat sich die Elektronikentwicklungbei Bertrandt entwickelt?
Bichler: Wir haben vor etwa sieben Jahren das wachsende Feld der Elektronik in den Fokus genommen. Schon damals glaubten wir, dass wir durch eine Querbetrachtung über Bertrandt hinweg einen Mehrwert schaffen können. Vor etwa zwei Jahren haben wir die Elektronik in Form einer Matrixorganisation im Unternehmen verankert, mit Kompetenzzentren an unterschiedlichen Standorten. Die OEMs haben ja durchaus unterschiedliche Wünsche an uns, auf die wir uns mit unseren dezentralen Kompetenzzentren einstellen können.

Welche Vorteile bieten diese Kompetenzzentren?
Ruland: Mit unseren Elektronik-Kompetenzzentren schaffen wir einerseits Kundennähe, gehen aber andererseits auch kundenunabhängig zu bestimmten Themen technologisch in die Tiefe. Durch die dezentrale Organisation können an verschiedenen Standorten jeweils besondere Profile und Schwerpunkte entstehen, die wir aber auch jederzeit bündeln können. Wir haben fünf große Niederlassungen, die in dieser Weise strukturiert sind, mit jeweils rund 40 bis 130 Mitarbeitern, und in weiteren Niederlassungen Satelliten, die Teamgröße haben. In Kundenprojekten haben wir die Möglichkeit, sowohl Personal von einem zum anderen Standort zu verlagern, als auch Projekte von anderen Standorten in einer spezialisierten Niederlassung zu bearbeiten. Diese Struktur macht uns sehr flexibel.

Mit welchen Bereichen der Elektronikentwicklung befasst sich Bertrandt?
Ruland: Als Teil eines Unternehmens, das sich dem Gesamtfahrzeug verschrieben hat, haben wir als Elektroniker die Aufgabe, ein sehr breites Spektrum abzudecken. Das betrifft von der Idee bis zur Serie fast alle Fahrzeugbereiche. Wir bieten also einerseits Breite, setzen aber auch bei einigen Themenfeldern bewusst auf Tiefgang. Wir decken den kompletten Entwicklungsprozess ab, wie er vom V-Modell bekannt ist, also von der Systementwicklung bis zur Produktintegration mit allen Testszenarien. In der Zusammenarbeit mit Systemlieferanten ist das zum Beispiel die klassische Steuergeräteentwicklung, auf der OEM-Seite sind es beispielsweise Aufgaben der Systemintegration.

Elektronikentwicklung ist zunehmend durch Software bestimmt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Ruland: Wir befassen uns in zwei unserer Kompetenzzentren mit der Softwareentwicklung. Dabei geht es zum einen um die Software-Simulation, also Funktionsentwicklung und modellbasierte Softwareentwicklung, und zum anderen um die Embedded-Software. Software wird zukünftig noch mehr Bedeutung bekommen, aber die Hardwareentwicklung sicherlich nicht überflüssig machen. Die Kunst besteht darin, die komplexen Software-Strukturen innerhalb der Gesamtarchitektur unterschiedlich zu strukturieren - wann nehme ich also Hardware, wann Software. Dazu kommen immer mehr sicherheitsrelevante Fragen ins Spiel, denen man sich stellen muss. In dieser Hinsicht profitieren wir auch von Know-how aus der Luftfahrt, die im Bereich der Sicherheit sehr hohe Anforderungen stellt.

Wie werden Bestrebungen nach Standardisierung die Elektronikentwicklung verändern?
Ruland: In der Elektronikentwicklung gibt es eine enorme Komplexität. Heute müssen wir standardisieren, damit das Produkt und die Kosten beherrschbar bleiben. Auf der anderen Seite werden wir zukünftig sicherlich in der Lage sein, gerade hierdurch Individualisierung für den Kunden einfacher zu machen, indem wir auf standardisierte Basisvarianten individuelle Funktionen aufsetzen. Standardisierung und Modularisierung werden in der Zukunft mehr individuelle Lösungen ermöglichen.

Kann Standardisierung unter Umständen auch zur Monopolisierung von Entwicklungstools führen?
Bichler: An eine solche Entwicklung glaube ich eher nicht. In einem gewissen Maß ist Standardisierung notwendig, aber die Interessenslage der Beteiligten lässt die marktbeherrschende Stellung eines Einzelnen nicht zu.

In wieweit unterscheidet sich die Elektronikentwicklung bei der Zusammenarbeit mit den OEMs von anderen Entwicklungsbereichen?
Bichler: Die Prozesse in der Elektronikentwicklung unterscheiden sich im Ablauf im Grunde nicht komplett von anderen Prozessen. Allerdings ist es heute noch so, dass Entwicklungsbereiche, die durch den klassischen Fahrzeugbau getrieben sind, die eigentliche Entwicklung dominieren. Insofern müssen wir die Elektronikentwicklung an diesen Master-Prozessen ausrichten.

Ruland: Eine Besonderheit gibt es insofern, als die Elektronikentwicklung bei Bertrandt innerhalb der Gesamtorganisation eine Querschnittsfunktion ist. Wir haben die gesamte Baureihe im Auge und denken gleichermaßen sowohl komponenten- als auch plattformbezogen. Daher treffen wir natürlich auch bei den OEMs auf unterschiedliche Organisationsformen, auf die wir uns einstellen müssen. Aber hier liegt ja unser Vorteil, da wir uns einerseits mit unseren Niederlassungen an diese Strukturen anpassen können. Andererseits haben wir durch unsere Matrixorganisation mehr Varianten, um uns interdisziplinär aufzustellen und Lösungsfinder für unsere Kunden zu sein.

Wie positioniert sich Bertrandt im Umfeld der Konkurrenz?
Ruland: Wir verstehen uns als Engineering-Dienstleister mit einem breiten Angebotsspektrum und Spezial-Know-how für ausgewählte Technologie-Themen. Im Bereich der Elektronikentwicklung gibt es viele reine Personaldienstleister, es gibt nach wie vor kleine Softwarehäuser, die auf bestimmte Bereiche spezialisiert sind. All das können wir auch anbieten, aber durch unsere Breite und die Struktur mit den Kompetenzzentren sind wir dazu in der Lage, auch große Entwicklungsprojekte in Form von Gewerken zu stemmen. Dies erfordert allerdings auch Mitarbeiter, die sich nicht nur als Entwicklungsingenieur verstehen, sondern auch über sehr gute Kommunikationsfähigkeiten verfügen - sowohl in Richtung Kunde, als auch intern über die Standorte hinweg.

Wo verfügt Bertrandt überAlleinstellungsmerkmale?
Bichler: Wir streben nicht nur Alleinstellungsmerkmale an, denn im Vordergrund stehen die Kundenwünsche. Wir versuchen, auftragsbezogen eine gute Performance zu bringen. Einer unserer Vorteile besteht jedoch sicherlich in der gesamtheitlichen Betrachtung der Elektronikentwicklung. Das gilt beispielsweise für komplexe Systementwicklungen wie Sonderfahrzeuge, eine Nische, in der wir unsere gesamte Kompetenz einbringen können. Dies gilt aber auch für die Serienentwicklung, wo wir aufgrund unserer Organisation verschiedene Kompetenzen bündeln können. Hier sprechen wir von mechatronischen Systemen und Modulen, wie zum Beispiel einer komplexen Sitzentwicklung. Im Vergleich zu einem reinen Elektronikentwickler haben wir sicherlich den Vorteil, dass wir Erfahrungen aus dem Gesamtfahrzeugbereich hinzufügen und damit eine höherwertige Leistung anbieten können.

Ruland: Insgesamt bieten wir einen guten Mix aus Consulting, klassischem Engineering mit Systemintegration und Produktentwicklung sowie Dienstleistungen beim Kunden vor Ort an und sind bereit, Verantwortung in komplexen Projekten zu übernehmen.

Sehen Sie für Bertrandt weiteres Wachstumspotenzial in der Elektronik-Entwicklung?
Ruland: Wir wollen besonders im Bereich Software weiter wachsen, unter anderem innerhalb der Prüfstands- und Steuergeräteentwicklung und Fahrzeugvernetzung. Dabei fokussieren wir speziell mechatronische Module und Systeme.

Bichler: Mittelfristig ist es denkbar, Elektronikkompetenz auch in andere mobilitätsorientierte Branchen zu transferieren. In der Luftfahrt profitieren wir bereits heute von den wechselseitigen Vorteilen, wie zum Beispiel Entwicklungszeit und Sicherheit. Chancen sehen wir luftfahrtseitig auch im Bereich der Informationsmedien und, aufgrund der langen Produktlebenszyklen, in der Integration neuer Technik in bestehende Strukturen. Auf Basis unseres aufgebauten Vernetzungs-Know-hows stehen uns noch einige Optionen offen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Autor(en): Gernot Goppelt.
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