06.10.2009

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Wunibald Kamm in der Automotive Hall of Fame

Einem der ersten Kraftfahrzeug-Aerodynamiker, Wunibald Kamm, wird am 6. Oktober 2009 die hohe Ehre zuteil, in die US-amerikanische Gedenkhalle "Automotive Hall of Fame" aufgenommen zu werden. Kamm wurde am 26. April 1893 in Basel geboren; er starb am 11. Oktober 1966 in Stuttgart. Aus dem vielseitigen Lebenswerk von Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E. h. Wunibald Kamm haben die Direktoren der Automotive Hall of Fame, Dearborn, Michigan (USA) unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Jeffrey K. Leetsma die Pionierleistungen Kamms auf dem Gebiet der Aerodynamik des Kraftfahrzeugs als besonders würdigungsträchtig herausgestellt.

Kamm wurde 1930 an die Technische Hochschule Stuttgart auf den Lehrstuhl für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren berufen. Er hatte sich schon 1924/25 mit der Entwicklung des so genannten SHW-Wagens (in den Schwäbischen Hüttenwerken gebaut), in dem zahlreiche Innovationen zusammengeführt wurden und der heute im Deutschen Museum München steht, einen Namen gemacht. Durch Entwicklung von Hochleistungsmotoren bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft Stuttgart-Untertürkheim (DMG) und beim Aufbau und Leitung der Motorenabteilung der Deutschen Gesellschaft für Luftfahrt Berlin-Adlershof (DVL) konnte er zahlreiche Erfahrungen in der Automobiltechnik sammeln. Im selben Jahr (1930) wurde ihm die Leitung des auf seine Initiative gegründeten Forschungsinstituts für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren an der TH Stuttgart (FKFS) übertragen, einer Stiftung des Bürgerlichen Rechts, das innerhalb von zehn Jahren durch bedeutende Grundlagenforschung und Entwicklungsarbeiten sowie durch den Ausbau mit zum Teil selbst entwickelten, innovativen Versuchsanlagen zu einem der weltweit führenden Institute auf dem Gebiet des Kraftfahrwesens geworden ist. Bis zum Jahr 1939 war die Belegschaft auf etwa 400, bis Kriegsende auf etwa 600 Mitarbeiter angestiegen.

Die wissenschaftlichen Leistungen des von Kamm geführten Instituts in den Jahren von 1930 bis 1945 fanden in mehr als 300 Publikationen, 30 Dissertationen und 500 FKFS-Berichten ihren Niederschlag. Für lange Zeit waren Kamms Bücher "Das Kraftfahrzeug" (Springer-Verlag, 1936) und das mit C. Schmid gemeinsam verfasste "Versuchs- und Messwesen auf dem Gebiet des Kraftfahrzeugs" (Springer-Verlag, 1938) für den Automobilingenieur unverzichtbare Standardwerke.

Den Erfolg seines Instituts erreichte Kamm durch weitsichtige Forschungsplanung, zweckdienliche Organisationsstruktur - insbesondere durch Anleitung und Motivation seiner Mitarbeiter zu eigenen Leistungen. Kennzeichnend für Kamm war die Universalität seines Denkens. Er betrachtete das Kraftfahrzeug als Komponente im System "Straßenverkehr" mit der Zielsetzung erhöhter Fahrsicherheit, Fahrleistung, Fahrannehmlichkeit und Wirtschaftlichkeit. Das wichtigste Erbe, das Kamm der Automobil-Fachwelt hinterlassen hat, ist darin zu sehen, dass er mit seinen Mitarbeitern schon vor 70 Jahren grundlegende Gesetze der Fahrmechanik entwickelt, durch Versuche an Fahrzeugmodellen und an wirklichen Fahrzeugen verifiziert und Wege zum Bau von fahrsicheren Kraftfahrzeugen gewiesen hat. Mit dem von Kamm in mehreren Varianten geschaffenen K-Wagen konnte er Beispiel geben, durch strömungsgünstige und zugleich gebrauchstüchtige Form den Luftwiderstand zu senken und damit die Fahrleistung zu erhöhen beziehungsweise den Kraftstoffverbrauch zu reduzieren und durch geeignete Auslegung die Richtungshaltung zu verbessern - durch zusätzliche Stabilisierungsflossen am Heck auch bei heftigem Seitenwind. Die Grundidee des so genannten K-Hecks bestimmt heute die Bauform vieler moderner Pkw-Bauarten. Wichtig waren auch seine Erkenntnisse auf dem Gebiet des Reifen-Fahrbahn-Kontaktes, zum Beispiel der nach ihm benannte Kammscher Kreis.

Auf der motorischen Seite dienten die Arbeiten dem Ziel hoher Leistung bei kleinen Abmessungen und kleinem Gewicht sowie niedrigem Kraftstoffverbrauch. Spätestens seit 1939 verdrängten fremdbestimmte kriegswichtige Arbeiten, wie zum Beispiel Prüfstandsuntersuchungen von U-Boot-Kreislauf-Antrieben sowie von Höhenflugmotoren, ferner die Entwicklung von Großflugmotoren mit bis zu 48 Zylindern und daraus abgeleiteten Panzermotoren die eigenen Forschungsvorhaben.

Nach Kriegsende gehörte Professor Kamm zu den deutschen Wissenschaftlern, die von der US-amerikanischen Besatzungsmacht in die USA verbracht wurden. Dort wirkte er zunächst im Wright Field, Dayton, Ohio (USA), an der Entwicklung von Kolben-Flugtriebwerken mit. Bei Beendigung dieser Entwicklungsrichtung wechselte er 1952 zum Stevens Institute of Technology, Hoboken, New Jersey (USA), wo er als Research Professor und Senior Scientist an seine früheren Untersuchungen an hochaufgeladenen Dieselmotoren nach dem Rieseler-Verfahren anknüpfte und sich mit Fragen der Geländegängigkeit befasste.

Im Jahr 1952 kam Kamm nach Deutschland zurück und übernahm bei dem kurz zuvor in Frankfurt am Main gegründeten Battelle-Institut die Leitung der Abteilung Maschinenbau, die er mit einem Schwerpunkt auf Fahrzeugtechnik aufbaute. 1958 trat er zum Ständigen Wissenschaftlichen Beirat des Instituts über, dem er bis zu seinem Lebensende angehörte.

Nach mehrjähriger schwerer Krankheit starb Wunibald Kamm, hoch geehrt, 1966 im Alter von 73 Jahren in Stuttgart. In seinem Nachruf bezeichnete Professor Robert Eberan von Eberhorst seinen Kollegen Kamm als den Wegbereiter des modernen, wissenschaftlich durchdrungenen Automobils. Durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse am 1. August 1958 und die Verleihung des Ehrendoktors am 26. April 1966 durfte Kamm die Würdigung seiner Lebensleistung noch selbst erfahren. Eine posthum wiederkehrende Ehrung erfährt er durch die im Jahr 2000 als Wissenschaftspreis geschaffene Kamm-Jante-Medaille, die von der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Kraftfahrzeug- und Motorentechnik (WKM, eine Standesvereinigung der Universitätsprofessoren) für herausragende Leistungen an Studenten und Nachwuchswissenschaftler verliehen wird.

Mit der Aufnahme in die "Automotive Hall of Fame" wird Kamm als eine der "weltweit herausragenden Persönlichkeiten" gewürdigt, die auf dem Gebiet des Kraftfahrwesens "durch geniale Schöpfungen, Engagement und wertvolle Erfindungen bedeutende Beiträge zum Fortschritt des Automobils" geleistet haben. Die 1939 in New York gegründete Institution "Automotive Hall of Farne" ist eine gemeinnützige Organisation und widmet sich dem Gedenken an die frühen Pioniere des Automobilbaus sowie die zeitgenössischen Persönlichkeiten der Automobilbranche. In der Gedenkhalle in Dearborn, die jährlich von rund 30.000 Interessenten besucht wird, werden das Lebenswerk der aufgenommenen Persönlichkeiten und ihre Beiträge zum Fortschritt der Technik präsentiert. Die Ehre der Aufnahme in die Automotive Hall of Fame wurde bisher weltweit etwa 200 Persönlichkeiten zuteil. Darunter befinden sich 16 Deutsche: Gottlieb Daimler, Rudolf Diesel, Carl Benz, Robert Bosch, Heinrich Nordhoff, Ferdinand Porsche, Bela Barenyi, Wilhelm Maybach, Carl Opel, Friedrich Opel, Heinrich Opel, Ludwig Opel, Ferdinand Graf Zeppelin, August Horch und Eberhard von Kuenheim - sowie seit 6. Oktober 2009 Wunibald Kamm.
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Autor(en): Prof. Dr.-Ing. Ingobert Schmid
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