24.02.2010

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Spagat zwischen Datenflut und sinnvoller Fahrerassistenz

Auf dem gestrigen Presseworkshop der Continental AG in Babenhausen zum Thema "Human Machine Interface" (HMI) überzeichnete eine Präsentationsfolie folgendes Zukunftsszenario: Bei Geschwindigkeitsüberschreitung werden die Strafpunkte im Kombiinstrument angezeigt, die in der Flensburger Kartei über ihn vermerkt sind.

Wie viel Informationen kann ein Fahrer aufnehmen, ohne vom Verkehrsgeschehen abgelenkt zu werden, welche werden als hilfreich oder welche als störend empfunden? Diese ernsthaften Fragen untersucht das Entwicklungsteam unter Helmut Matschi in Probantenstudien, die unter anderem im Babenhausener HMI-Labor im virtuellen Umfeld durchgespielt werden. Der Leiter der Division Interior und Vorstandsmitglied der Continental AG verweist auf wichtige Erkenntnisse, die immer im Wechselspiel zwischen "einem" Funktionsentwickler und "einem" Psychologen gemacht werden, der im besten Fall über Know-how in der Ergonomie verfügen sollte - so wie Guido Meier Arendt. Er verantwortet die Entwicklung und Evaluierung von Fahrerinformations- und Assistenzsystemen bei Continental und ist der Sparingspartner von Amrei Drechsler, der Leiterin Fahrassistenzsysteme in der Division Chassis & Safety des Zulieferers. "Sie ist Anwältin der Technik und Funktionen, er ist der Anwalt des Menschen, seiner Möglichkeiten und oft unterschätzten Grenzen", formuliert Continental.

Eine der Erkenntnisse der beiden Entwickler führte zur Entwicklung des Aktiven Fahrpedals AFFP, das ausschließlich haptisch wahrnehmbare Rückmeldungen an den Fahrer weiterleitet. Warum Haptik? Betrachtet man die Kommunikationskanäle zwischen Mensch und Maschine, so ist der visuelle Kanal weitgehend ausgeschöpft. Auf dem akustischen Kanal hat der Fahrer eher Kapazitäten frei, aber hörbare Rückmeldungen haben einen möglichen Nachteil: Sie sind nicht diskret, weil sie nicht ausschließlich für den Fahrer wahrnehmbar sind. Haptische Rückmeldungen richten sich dagegen exklusiv an den Fahrer und werden sofort wahrgenommen - anders als beispielsweise optische Schaltpunktanzeigen.

In Zahlen gesprochen: Die Zeit zwischen einem sensorischen Reiz und einer motorischen Reaktion beträt bei einer visuellen Darstellung einer Information oder gar Warnung 200 bis 400 ms, bei audiovisueller Information 100 bis 150 ms und bei einer ausschließlich haptischen Rückmeldung lediglich 30 ms. AFFP kann mehr: Es warnt in Verbindung mit dem ACC-Systemen, indem der Pedaldruck erhöht beziehungsweise das Pedal aktiv dem Fuß entgegen gedrückt wird. Die detailgenaue Beschreibung von AFFP lesen Sie in der Aprilausgabe der ATZ. Nachdem das aktive Fahrpedal nun mehrmals vorgestellt wurde, bleiben die Fragen nach dem ersten Serieneinsatz und dem zu erwartenden Aufpreis offen. Letztere lässt sich laut Matschi nicht beantworten. Das erste Fahrzeug mit aktivem Fahrpedal heißt Infiniti und wird auf Japans Straßen fahren.

Revolutionäres und Neues offenbarte der Continental-Workshop nicht: Es bleibt bei den kleinen, von Vorsicht geprägten evolutionären Schritten, die meist auch von Zurückhaltung und Konservatismus seitens einiger OEMs geprägt sind. Alle weiteren, derzeit kommunizierbaren HMI-Vorschläge seitens Continental sind bekannt: Simplify your Drive - auf Knopfdruck individuell einstellbare Fahrzeugcharakteristiken, die in einem künftig frei konfigurierbaren Display viele sinnvolle und unterstützende Spielarten ermöglichen. Desweiteren: Die sensible Steuerung und Einbettung von Systemen wie Abstandsassistenten (ACC) und Spurhalteassistenten sind gesetzt; ebenfalls TFT-Displays mit haptischer und akustischer Rückmeldung, wenn auch noch nicht in Serie. Bereits im Vorfeld der diesjährigen Cebit wurde die Kooperation mit der Deutschen Telekom bekannt gegeben - mit dem Ziel, gemeinsam das Internet ins Auto zu bringen, Online-Applikationen und webbasierte Dienste anzubieten. Einzige Zusatzinformation in Babenhausen: "Wir präsentieren in Hannover erstmals die Vielzahl der Technologien in einem Prototypenfahrzeug."

Warum wagt der Zulieferer in Anbetracht der wenigen Neuigkeiten dennoch die Einladung von über 50 Journalisten? Continental will sensibilisieren. Die technischen Möglichkeiten und die Reife innovativer Fahrerassistenzsysteme und HMIs seien heute vorhanden. Es ginge beispielsweise nicht mehr darum, das Internet ins Auto zu bringen, sondern im Vordergrund stehe, wie man es tut. Dabei muss nicht immer das große Rad gedreht und spektakuläre Applikationen verwirklicht werden, so ein Tenor. "Technischer Fortschritt allein reicht nicht", meint Matschi. "Der Mensch und seine teilweise eingeschränkten Fähigkeiten aber auch seine individuellen Wünsche müssen mehr Beachtung finden" - eine große Herausforderung, denn das Internet öffnet die Schleusen für eine Flut von Daten.
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Autor(en): Markus Schöttle
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