19.05.2010

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Weltneuheit: Crash-Test mit Bremseingriff ermöglicht Prüfung von Pre-Crash-Funktionen

Nach einer Weiterentwicklung der Steuerungstechnik ist es nun auf der Indoor-Crash-Anlage im Dekra-Crash-Test-Center in Neumünster möglich, die Leistungsfähigkeit von vorausschauenden Sicherheitssystemen moderner Automobile realitätsnah in Crash-Versuchen zu überprüfen. Die Unfallforscher stellten die nach eigenen Angaben bisher weltweit einzigartige Testmöglichkeit beim 2222 Crash-Versuch seit 1991 der Öffentlichkeit vor. Der Demonstrationsversuch wurde gemeinsam mit BMW erarbeitet.

Eine BMW 5er Limousine aus dem Modelljahr 2010 bestritt den Jubiläumscrash. In Kombination mit einer aktiven Geschwindigkeitsregelung verfügt sie über eine Auffahrwarnung mit Anbremsfunktion, die ein zweistufiges Alarmszenario auslöst. Bei einer potenziellen Kollisionsgefahr mit einem vorausfahrenden Fahrzeug leuchtet als Vorwarnung für den Fahrer ein rotes Fahrzeugsymbol in der Instrumententafel und im Head-Up Display auf. Die Bremsanlage wird vorbefüllt, die Auslöseschwellen des hydraulischen Bremsassistenten werden abgesenkt. Im Notfall wird so bei Betätigung der Bremse der Bremsdruck schneller aufgebaut und der Bremsweg verkürzt sich.

Bei akuter Kollisionsgefahr wird die zweite Stufe der Auffahrwarnung optisch und akustisch aktiviert. Reagiert der Fahrer nicht auf die Bremsaufforderung, wird automatisch ein zeitlich begrenzter Verzögerungsvorgang eingeleitet. 1,2 Sekunden lang bremst das Fahrzeug mit einer Verzögerung von drei Metern pro Quadratsekunde. Somit kann bereits Geschwindigkeit abgebaut werden, bevor der Fahrer eigenständig reagiert und die bereits vorgespannte Bremse betätigt.

Über die Serienausstattung hinaus verfügt das Versuchsfahrzeug über ein prototypisches Frontschutzsystem. Auf Basis der Informationen des Radarsensors der aktiven Geschwindigkeitsregelung (ACC Stop & Go) wird erkannt, wann eine Kollision durch eine eigenständige Fahrerreaktion nicht mehr vermeidbar ist. In diesem Fall sorgt eine automatisch eingeleitete Notbremsung dafür, dass die Aufprallgeschwindigkeit trotzdem deutlich reduziert wird.

Heute erfolgen Crash-Tests immer in ungebremstem Zustand. Die Abbremsung des Fahrzeugs hat jedoch einen Einfluss auf den Verlauf der Kollision. So kommt es aufgrund der Vollbremsung zu Lageänderungen des Fahrzeugs und eventuell zur Vorverlagerung der Insassen.

Die Wirkung vorausschauender Insassenschutzsysteme ließ sich mit der bisher eingesetzten Prüfstandtechnik nicht in Crash-Versuchen überprüfen. Die Innovationen der Aktiven Sicherheit erfordern jedoch zukünftig Prüfmethoden, mit denen die Wirksamkeit von Pre-Crash-Funktionen reproduzierbar getestet werden können. Dazu ist es auch erforderlich, in aktuell gültige Standards für Crash-Versuche die neuen technischen Möglichkeiten der aktiven Fahrzeugsicherheit zu implementieren.

Der in Neumünster gezeigte Test entspricht im Prinzip dem EuroNCAP-Frontal-Crash. Das Testfahrzeug fährt dabei mit 64 Kilometern pro Stunde um 40 Prozent versetzt gegen eine deformierbare Barriere. Im Test erkennt das Fahrzeug die drohende Kollision, leitet nach erfolgtem Alarmszenario selbstständig eine Notbremsung ein und prallt mit einer um zirka 24 Kilometer pro Stunde reduzierten Geschwindigkeit gegen das Hindernis.

Die Testingenieure und Anlagenbauer mussten die Steuerung der Crash-Anlage so modifizieren, dass sie bei Einsetzen der Anbremsfunktion im Fahrzeug intelligent reagiert und die Zugkraft des Beschleunigungstrolleys kontinuierlich an die sinkende Fahrzeuggeschwindigkeit anpasst. Gleichzeitig muss die seitliche Führung des Fahrzeuges bis zum Anprall gewährleistet sein, denn der Treffpunkt muss mit einer Toleranz von +/- 20 Millimeter eingehalten werden. Dies wird dadurch erreicht, dass der neu entwickelte Zugtrolley und die umprogrammierte Anlagensteuerung ständig Daten austauschen. Ergebnis ist eine "mitdenkende" Crash-Anlage, die den aktuellen Entwicklungen der passiven und aktiven Sicherheit Rechnung trägt.
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Autor(en): Jürgen Grandel
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