23.09.2010

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Nutzfahrzeugbranche sucht Effizienz und neue Märkte

Auf der IAA Nutzfahrzeuge, die heute für Fachbesucher in Hannover eröffnet wird, zeigen Fahrzeughersteller und Zulieferer wie Güter- und Personentransport der Zukunft effizienter werden. Standen vor zwei Jahren noch die Minderung von Abgasschadstoffen und Kohlendioxid gleichermaßen im Fokus, so gilt alle Aufmerksamkeit dieses Mal Techniken, die den Kraftstoffverbrauch absenken.

Während EU-Kommission und der europäische Herstellerverband ACEA heftig über die CO2-Grenzwerte für 2020 streiten, präsentiert Volkswagen besonders sparsame Varianten des Transporters T5 und des Caddy. Ab Frühjahr 2011 soll es eine T5-Version geben, die durch Start-Stopp-System, Rekuperation, Aerodynamikoptimierung und andere Maßnahmen nur 179 Gramm CO2 je Kilometer ausstößt. Das entspricht einem halben Liter Diesel weniger als bislang. Mit ähnlichen Maßnahmen kommt der kleinere Caddy, der einer grundlegenden Überarbeitung unterzogen wurde, auf nur 129 Gramm je Kilometer.

Während bei leichten Nutzfahrzeugen Pkw-ähnliche Maßnahmen reichen, um deutliche Fortschritte zu erreichen, ist dies für den Langstreckenverkehr deutlich schwieriger. Effizienzpotenzial steckt aber nicht nur im Antrieb, sondern auch in verbesserter Aerodynamik. Mit einer Konzeptstudie zeigt MAN wie eine Zugmaschine aussehen kann, die auf bis zu 24 Prozent geringeren Verbrauch kommt. Im Gegensatz zu ähnlichen Ansätzen der Vergangenheit könnte die Studie jedoch ohne Veränderung der zulässigen Höhe auf die Straße kommen. Anders formuliert: sie würde auch unter heutigen Autobahnbrücken durch passen. Um das gleiche Ladevolumen zu erreichen, sollte der hinten konisch zulaufende Auflieger allerdings um 1,25 Meter länger sein dürfen als heute.

Da das Optimierungspotenzial des reinen Verbrennungsmotors im Nutzfahrzeug allerdings weitgehend ausgereizt ist, sind erstmals seriennahe Hybridantriebe zu besichtigen. So zeigt MAN den Stadtlinienbus "Lion's City Hybrid", der einen Teil der Bremsenergie rekuperiert und in Ultrakondensatoren zwischenspeichert. Den Verbrauchsvorteil beziffert der Hersteller auf bis zu 30 Prozent. Eine große Herausforderung bei der Entwicklung solcher Busse besteht darin, die Klimatisierung auch dann sicherzustellen, wenn der Motor abgestellt ist. Thermomanagement-Spezialisten, wie die zur Eberspächer-Gruppe gehörende Sütrak, zeigen daher Lösungen für rein elektrische Klimaanlagen, die als Modul im Dach des Stadtbusses auch gleich die Batteriekühlung mit erledigen.

Neben dem Stadtbus scheint die Elektrifizierung für den Verteilerverkehr besonders interessant. Eine rasch zu realisierende Nachrüstlösung zeigt der Ingenieurdienstleister EDAG anhand eines Caddy. Anstelle des Benzintanks werden unter dem Fahrzeug eine auf Hinterachse wirkende E-Maschine, ein Getriebe und die Leistungselektronik untergebracht. Als Energiespeicher kommt neben einem kleineren Kraftstofftank eine Hochtemperaturbatterie zum Einsatz. Mit 22 Kilowattstunden nimmt sie recht viel Platz im Laderaum ein, der jedoch laut EDAG-Chef Jörg Ohlsen ohnehin für den Briefverteilerverkehr nicht benötigt wird. Selbst anbieten werde man das Fahrzeug nicht, man wolle aber zeigen, wie rasch man eine Flotte von 500 bis 1000 Fahrzeugen aufbauen könne, wenn man auf Änderungen der Fahrzeugarchitektur verzichte.

Eine spezielle Form der Energierückgewinnung stellt der Zulieferer Knorr-Bremse vor. Bei Beschleunigungsvorgängen wird Druckluft aus dem Bremssystem in die Ansauganlage des Motors geblasen. Durch diese Impulsaufladung kann der Hochschaltpunkt um bis zu 400 Umdrehungen heruntergesetzt werden. In der Folge ergibt sich ein gemessener Verbrauchsvorteil von bis zu 4,5 Prozent ohne Leistungsverlust.

So sehr Mercedes die "Clean Drive"-Versionen auch in den Vordergrund stellt, eine der wichtigsten Innovationen der Messe ist eine neue Generation des aktiven Bremsassistenten, die erstmals im Actros eingeführt wird. Das Assistenzsystem regelt nicht mehr nur den Abstand zu vorausfahrenden Fahrzeugen, sondern reagiert auch auf stehende Hindernisse und bremst den Lkw bis zum Stillstand ab. Da jeder fünfte schwere Unfall mit Lkw über 7,5 Tonnen ein Auffahrunfall ist, werden solche Systeme ab 2014 europaweit ohnehin vorgeschrieben. Mercedes liefert den Actros mit Bosch-Technik allerdings schon ab Herbst aus.

So sehr die Hochtechnologie-Lösungen der europäischen Branche beeindrucken, fast jedem ist klar, dass künftiges Wachstum vor allem aus den Schwellenländern stammen wird, allen voran China. ZF-Chef Hans-Georg Härter verwies darauf, dass die BRIC-Staaten auch künftig die Konjunkturlokomotive der Automobilindustrie darstellen. "Ein etwas verlangsamtes Wachstum in China begrüße ich sogar, denn das verringert die Gefahr der Überhitzung", sagte er auf der Pressekonferenz des Unternehmens.

Auch Dr. Wolfgang Schreiber, Sprecher des Markenvorstandes von VW Nutzfahrzeuge, weiß, dass er China erobern muss, wenn er sein Ziel von zehn Prozent Weltmarktanteil erreichen will. Als weiteren Zielmarkt nannte er Thailand, wo die Lokalisierung des Pick-ups Amarok geprüft werde.

Mit 1750 Ausstellern hat die IAA Nutzfahrzeuge kurz nach der schweren Rezession bereits wieder das Niveau des Jahres 2006 erreicht. Die Messe dauert noch bis zum 30. September.
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Autor(en): Johannes Winterhagen
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