23.12.2010

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Zurück in die Zukunft: Mein Jahr 2010

In 2010 wurden, nach einem Jahr des Krisenmanagements, wieder Weichen für die Zukunft gestellt. Eine persönliche Bilanz des ATZ-Chefredakteurs Johannes Winterhagen. Subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit.

Januar: Meine erste Dienstreise führt mich direkt Anfang Januar zur Auto India nach Delhi. Wo vor zwei Jahren noch ein einziges Thema - der Tata Nano - dominierte, so ist dieses Mal ganz klar zu erkennen: Die Inder wollen mehr, als die billigsten Autos der Welt zu bauen. Ratan Tata, den ich für eine halbe Stunde interviewen darf, sagt klar: Tata wird sich dem Weltmarkt stellen und arbeitet an exportfähigen Fahrzeugen. Wer über die Zukunft der Welt nachdenkt, darf Indien nicht vergessen. 2050 wird es vermutlich mit 1,6 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste der Welt darstellen.

Februar: Ich bin viel im Büro. Die Krise hat uns noch voll im Griff. Ich hatte einen deutlichen Anstieg der Nachfrage im Premiumsektor für den Sommer 2010 vorhergesagt - aber würde es wirklich so kommen? Und wenn es so kommen würde, was geschieht dann mit den Themen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, die in der Krise Konjunktur hatten? Würden Sie schnell wieder vergessen? Aus heutiger Sicht lässt sich feststellen: Das Jahr 2010 war nicht nur die Wende in konjunktureller Hinsicht. Vielmehr herrscht ein überwältigender Konsens, dass es langfristig nur einen einzigen Weg gibt, eine globale Umweltkrise zu vermeiden, die zwangsläufig entsteht, wenn Milliarden Menschen in Wohlstand leben wollen. Wir müssen Energie- und Stoffkreisläufe vollständig schließen.

März: Beim Stuttgarter Symposium moderiere ich die Abschluss-Podiumsdiskussion. Unser Thema: Vielfalt oder Standardisierung - wie sieht die Zukunft des Automobils aus? Sehr schnell reden wir vor allem über Elektroautos, über Batterien. Einigkeit ist dabei nicht zu erzielen. Natürlich sind Standardisierung und Kooperation gute, ja edle Gedanken. Aber der Wettbewerb der Ideen und der Unternehmen ist die fruchtbarste Grundlage, auf der das Neue gedeihen kann. Aus diesem Grund bin ich auch nicht überrascht, dass die mit großem Tam-Tam gestartete Nationale Plattform Elektromobilität im Lauf des Jahres nicht viele Ergebnisse zeitigt. Alle an einen Tisch, das war schon immer die beste Methode, Veränderung zu verhindern.

April: Für ein Interview treffe ich meinen Ex-Chef Wolfgang Dehen wieder, der heute den gesamten Energie-Bereich im Siemens-Vorstand verantwortet. Nach mehr als einem Viertel Jahrhundert in der Autobranche hat er den Schritt von energiewandelnden Maschinen hin zu Energieerzeugung und -verteilung gemacht. "Das spannendste Thema der Welt", sagt er. Und nimmt damit in extremer Weise vorweg, was uns in der Automobil- und Motorentechnik noch zu einem guten Teil bevorsteht. Denn künftig wird jede neue Technologie, ja jedes neue Produkt, primär unter dem Aspekt der Energie- und Rohstoffeffizienz erdacht werden müssen.

Mai: Mit der zum Jahreswechsel gänzlich neu gestalteten ATZ gewinnen wir die Auszeichnung "Fachmedium des Jahres", die im Wiesbadener Kurhaus vom Branchenverband "Deutsche Fachpresse" vergeben wird. Auch wenn wir in der Zwischenzeit ganz überwiegend positive Rückmeldung unserer Leser bekommen hatten: Von der eigenen Zunft ausgezeichnet zu werden, bedeutet eine besondere Anerkennung.

Juni: Unsere erste Fahrwerktagung "chassis.tech plus", die wir in München durchführen, ist ein gelungenes Experiment. Gelungen, weil die Veranstaltung mit mehr als 400 Teilnehmern weit über unseren Erwartungen lag. Und weil innerhalb des von Professor Peter Pfeffer koordinierten Programms sehr gute Vorträge sehr intensiv diskutiert wurden. Wir werden diese Veranstaltung, die aus vier einzelnen Tagungen entstanden ist, künftig jährlich fortsetzen.

Juli: Unser Verlag bekommt den Zuschlag, die Redaktion für den Magazinteil im Geschäftsbericht von Volkswagen zu übernehmen. Damit setzen wir uns, gemeinsam mit dem Agenturpartner 3st, gegen weitaus größere Verlage durch. Mein viertes Kind wird geboren, Emil Friedrich, gesund und munter vom ersten Moment an. Meine Kinder sind meine Wette auf die Zukunft.

September: Die Nutzfahrzeugkonjunktur hinkt dem wieder angesprungenen Pkw-Absatz hinterher, aber das Aufatmen ist auch auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover zu spüren. Revolutionäre Technik ist kaum zu sehen, aber was evolutionär entstanden und hier vorgestellt wird, hat fast ausnahmslos eine höhere Energie- und Transporteffizienz zum Ziel. Und der Vorteil des Evolutionären ist meist, dass es schneller realisierbar ist. Die Studie einer aerodynamisch optimierten Zugmaschine, die MAN feierlich enthüllt, brächte zum Beispiel 24 Prozent Verbrauchseinsparung. Im Gegensatz zur 2007 präsentierten Vorgängerstudie müsste allerdings die Gesetzgebung nicht geändert werden, um das Fahrzeug zuzulassen.

Oktober:
Für Automotive Agenda treffe ich Audi-Chef Rupert Stadler und Professor Albert Speer, einen der berühmtesten Stadtplaner der Welt. In beiden Gesprächen geht es darum, ob und wie das Auto künftig dadurch geprägt wird, dass mehr als Hälfte der Menschen in Städten wohnt. Die Grundhaltungen der beiden sind diametral: Während Stadler nicht daran glaubt, dass Menschen etwas anderes wollen, als das beste und schönste Auto zu fahren, egal wo auf der Welt, träumt der Stadtplaner von völlig neuen Mobilitätsformen. Wie gut, dass die Zukunft offen ist!

November:
Besuch zweier Institute in Ostdeutschland. In Magdeburg sehe ich mir an, was Professor Helmut Tschöke, der nächstes Jahr in den Ruhestand gehen wird, aus einem heruntergewirtschafteten Institut für Kolbenmaschinen gemacht hat. Während die Gebäude nur teilsaniert sind, laufen auf hochmodernen Prüfständen spannende Versuche für künftige Motoren- und Kraftstoffgenerationen. Noch beindruckender ist das Institut für Kunstofftechnik und Leichtbau an der TU Dresden, das Professor Werner Hufenbach aufgebaut hat. Von den vielen Vorhaben, an denen dort mit 400 Mitarbeitern werkstoffübergreifend gearbeitet wird, gefällt mir eine Piezoaktorik besonders, die zur aktiven Schwingungsbedämpfung in eine Faserverbundmatrix eingebettet werden kann. Vielleicht ein wichtiger Schritt für künftige Kohlefaser-Strukturteile. Beide Institute wurden nach der Wende von einem engagierten, neugierigen und gut managenden Wissenschaftler belebt. Es sind Menschen, die unsere Zukunft gestalten!

Dezember:
Ich fahre zum ersten Mal ein Serien-Elektrofahrzeug, alleine und auf freier Straße. Mitsubishi stellt den i-MiEV in Trebur vor. Das Auto ist zwar nicht wirklich schön, aber es macht richtig Spaß. 180 Newtonmeter aus dem Stand sind ja auch ein Wort. Bei voll eingeschalteter Heizung fahre ich den Tank - pardon die Batterie - auf knapp mehr als 30 Kilometern halb leer. Aber auch das ist zu verschmerzen, im Gegensatz zum Preis von 35.000 Euro. Zukunft, das ist immer auch eine Frage des Preises, in diesem Fall nicht nur der Batterie, sondern vor allem auch des Energieträgers Erdöl.

Den Jahresrückblick von ATZ-Chefredakteur Johannes Winterhagen gibt es auch im ATZblog zu lesen.
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Autor(en): Johannes Winterhagen
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