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VDI-Kongress Elektronik im Automobil: China ernster nehmen als bisher

"Wir dürfen China nicht unterschätzen", warnt Dr. Wolfgang Runge. China sei das Land, aus dem die meisten Innovationen kommen werden. Das Image der Asiaten, nur zu kopieren, sei längst überholt, sagte der Kongressleiter vor den 1350 Teilnehmern des 15. Baden-Badener Elektronikkongress. Die deutlichen Worte gaben Anlass zu weiteren Diskussionen während der zweitägigen Veranstaltung vom 12. und 13. Oktober.

Die deutsche Fahrzeugindustrie sollte sich mit neuen und engeren Netzwerken rüsten, um damit unter anderem schneller zu Standards und Synergien zu kommen, lautet ein Tenor der Gespräche. "Wir verlieren uns in teilweise unnötigen Preisverhandlungen und Abschottungen bei nicht wettbewerbsdifferenzierenden Entwicklungen", betonte Runge. Weitere Kritik wurde im Rahmen der Pressekonferenz diskutiert: Nachwuchskräfte müssten besser ausgebildet werden. Solange aber Professoren im Vergleich zu mindestens vergleichbar kompetenten Fachkräften in Deutschland deutlich unterbezahlt seien, fehle eine wichtige, motivierende Rahmenbedingung.

In China ist das offenbar anders. Ein Gefühl für die Dynamik in seinem Land vermittelte Dr. Liu Jiren, Chairman und CEO der Neusoft Corporation. Auf einen Absolventen der Elektrotechnik in Deutschland kämen 10.000 in Teilbereichen besser ausgebildete Nachwuchskräfte in China. Neue Universitäten würden gegründet. Das Beziehungsgeflecht "Regierung-Autoindustrie-Servicedienste-Kunde" funktioniere sehr gut. Somit lasse sich die Marktentwicklung besser prognostizieren.

Wie tickt der chinesische Markt? Eine der interessanten und offenen Fragen in Baden-Baden beantwortet der Chinese vielschichtig: "China ist nicht China, der Markt ist sehr heterogen und viele Trends laufen parallel." Zum einen seien die Kunden premiumorientiert, ein eigenes Fahrzeug ist Sinnbild für Wohlstand. Viele investitionsfreudige junge Käufer laden zur Ausfahrt in den Stau ein, sagte Liu Jiren. Man treffe sich im Auto, das zunehmend von jungen Käufergruppen als fahrende Informations- und Kommunikationsplattform gesehen werde. Diese "schöne Welt" werde andererseits von Restriktionen beeinflusst, die unter anderem auf eines abzielen: das Ziel der chinesischen Regierung, weltweit die Nummer 1 bei "Green Cars" zu werden. Umweltfreundliche Autos würden Vorfahrt bekommen, mit ihnen sei man mobiler und zahle weniger Steuern, die im Falle alter Technik ein durchschnittliches Monatsgehalt verzehren. Mobil sein, dieses Argument wird laut Liu Jiren in China zum schlagenden Verkaufsargument für ein Fahrzeug. In letzter Konsequenz könnte ein Elektroauto mit den meisten Privilegien ausgestattet sein, inklusive modernster Connectivity.

"Car-to-x": Hier kann die deutsche Autoindustrie punkten. In mehreren Vortragsreihen widmete sich der Elektronikkongresses dem Zukunftsthema: bei "Connected Car", "Systemarchitekturen", "Fahrerassistenz" und Sensorik im Systemverbund. In den Präsentationen wurde deutlich, dass insbesondere bei der präzisen Verortung eines Fahrzeuges für eine sichere Car-to-Car-Kommunikation noch große Herausforderungen auf die Entwickler warten. Wie lässt sich eine extrem aufwendige und damit sehr teure Technik letztendlich in den Markt einführen? Ideen für Geschäftsmodelle blieb "Baden-Baden" schuldig.

Beim Thema "Ethernet im Auto" beobachtet Helmut Matschi einre regelrechte Unruhe unter den Entwicklern von E/E-Architekturen: "Wir engagieren uns seit zwei Jahren für Ethernet im Auto und unserer Meinung nach ist die Technik reif und in den jetzt folgenden Fahrzeuggeneration eines OEM in Teilbereichen einsetzbar." Dabei gehe es nicht um eine revolutionäre Ablösung des Mostbus, sagte das Vorstandsmitglied der Continental AG. Allerdings sei das bisherige KO-Kriterium die EMV-Problematik bei Ethernet. BMW ist hier Vorreiter: Der kommende X5 wird den Start für die sukzessive Einführung von Ethernet ins Auto machen. Das bringt Bewegung in die Gestaltung künftiger Bordnetzarchitekturen. Zu viel Bewegung für einige Kritiker in OEM-Kreisen, die sich mit Most einfach auf der sicheren Seite sehen: "Wir sollten bei so vielen Veränderungen, denen sich die Autoindustrie derzeit stellt, in einigen Bereichen einmal Ruhe geben", sagte ein OEM-Vertreter.

Für Veränderung sorgt das 48-V-Bordnetz, das unweigerlich kommen wird, resümierte Wolfgang Runge. Veränderungen im Sinne eines Umdenkens forderte Dr. Matthias Klauda, Leiter der Zentralabteilung Systemintegration Kraftfahrzeugtechnik bei Bosch. Er sieht riesige Lücken bei der Umsetzung der ISO 26262: "Die Interpretationsspielräume sind deutlich zu hoch." Die Unsicherheit motiviere Dienstleister, derzeit eine Menge Geld mit Beratung zu verdienen.

Keine Interpretationsspielräume gibt es laut Dr. Burkhard Milke, Director GME Electrical Systems, Hybrids & Electrical Vehicle bei Opel, was die konsequente Weiterentwicklung von Elektrofahrzeugen betrifft. "Wir müssen einfach jetzt am Ball bleiben und dürfen uns nicht von Zweiflern, die heute oder gar morgen keinen Markt für E-Fahrzeuge sehen, beirren lassen."
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Autor(en): Markus Schöttle
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