18.10.2011

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Volvo sucht nach dem "perfekten Sound" für Elektroautos

Volvo arbeitet "am perfekten Sound für Elektrofahrzeuge". Der Grund: Weil Elektromotoren ohne die typischen Geräusche des Verbrennungsmotoren antreiben, fällt das Geräusch als Sicherheitsfaktor weg - sei es für den Fahrer selbst oder andere Verkehrsteilnehmer, die nahende Elektrofahrzeuge überhören können.

Für Volvo geht es bei dem ehrgeizig formulierten Ziel darum, eine Soundmischung zu entwickeln, die nicht nur als typisches Motorengeräusch wahrgenommen wird, sondern "gleichzeitig ein Stück vom Lebensgefühl Automobil wiedergibt", sagt Peter Mertens, Senior Vice President R&D der Volvo Car Corporation. Wie das angesichts des völlig anderen Klangs von Elektromotoren geschehen soll, ist derzeit in der Branche durchaus nicht allgemeingültig geklärt. Laut Volvo wird die Fahrt in einem Elektroauto meist als sehr leise, beinahe lautlos beschrieben. Doch bereits diese Wahrnehmung sei aus Sicht der Akustikexperten missverständlich oder sogar unzutreffend. "Der satte Klang eines Verbrennungsmotors gehört für uns intuitiv genauso zum Autofahren wie Gaspedal und Bremse. Das typische Motorengeräusch wirkt dabei auf uns wie eine akustische Schutzhülle, die andere Geräusche überdeckt. Fehlt diese Decke, werden wir plötzlich mit einer Vielzahl von Störgeräuschen konfrontiert", sagt Martin Spång vom Akustiklabor der Volvo Car Corporation.

Noch komplizierter wird diese Betrachtung bei Fahrzeugen wie dem Volvo V60 Plug-in-Hybrid. Rein elektrisch betrieben - er ist auf eine elektrische Reichweite von 50 Kilometer ausgelegt - vermittelt er naturgemäß ein ganz anderes Klangbild als beim Betrieb mit seinem Dieselmotor. Der Fahrer nimmt also in den unterschiedlichen Fahrmodi unterschiedliche Geräusche wahr, die eine Gewöhnung und Einordnung erschweren, wie Volvo schreibt. Im Elektromodus höre der Fahrer beispielsweise sogar das Hin-und-her-Schwappen des Kraftstoffs im Tank und Geräusche wie jene von Klimaanlage, Fahrbahn oder dem Wind intensiver als sonst. Insofern hat ein attraktives Motorengeräusch sogar einen doppelten Nutzen.

Beim V60 Plug-in-Hybrid steht Volvo vor einer besonderen Herausforderung. Anders als etwa beim Chevrolet Volt mit seinem hervorragend akustisch abgekoppelten Benziner wird ein Dieselmotor in einem Großserienfahrzeug eine gewisse Präsenz behalten. Die Entwickler müssen somit ein akustisches Profil finden, das einerseits die unterschiedlichen Geräuschquellen berücksichtigt und anderseits einen universellen, authentischen Fahrzeugsound liefert, der unabhängig vom Antriebsmodus eingesetzt werden kann. "Die größte Herausforderung liegt darin, ein ausgewogenes Mischungsverhältnis zwischen herkömmlichen und neuen Geräuschquellen zu finden. Es wird aber auch Aufgabe der Zulieferer sein, gemeinsam mit uns geräuschärmere Komponenten zu entwickeln. Außerdem werden sich die Kunden mit der Zeit daran gewöhnen, dass Elektrofahrzeuge einfach eine andere Akustik haben als herkömmliche Autos. Dieser neue typische Sound wird zu den wichtigen Alleinstellungsmerkmalen gehören, die ein Elektrofahrzeug besonders und unverwechselbar machen", sagt Martin Spång.

Die "Sound"-Entwicklung von Elektroautos hat bisher einen eher regionalen Charakter. So verabschiedetet der US-Kongress zum Beispiel Ende 2010 ein Gesetz, nach dem geräuscharme Fahrzeuge in Elektroautos im Straßenverkehr deutlich zu hören sein müssen. Im Oktober 2011 legte die US-Verkehrsbehörde NHTSA eine Untersuchung vor, in sie unter anderem erste Empfehlungen für die Entwicklung von Geräuschen ausspricht, die auch von blinden Verkehrsteilnehmern identifiziert werden können. Diese Forderung begrenzt die Freiheiten der Entwickler, weil blinde Menschen ein Fahrzeug eindeutig als solches identifizieren können müssen - bei einem künstlichen Geräusch wäre das nur der Fall, wenn es nach einheitlichen Regeln gestaltet ist.

Die Empfehlungen der NHTSA legen zumindest auf den ersten Blick die Orientierung am Klang von Verbrennungsmotoren nahe, weil künstliche Geräusche nicht dem gewohnten Klangbild eines Automobils entsprechen. Zitat aus dem NHTSA-Bericht: "Countermeasure sounds that emulate ICEs (internal combustion engines) are expected to provide the same auditory cues to pedestrians and the same or lower community-noise impacts compared to current vehicles. In order to ensure that these sounds are emitted in a manner consistent with ICE vehicle emissions, it is necessary that the directivity of the ICE and countermeasure sources are similar."

Hinzu kommt, dass nach den Erkenntnissen der NHTSA auch die Richtcharakteristik der Geräusche eine entscheidende Bedeutung hat. Für blinde Menschen genügt es demnach nicht, ein nachvollziehbares Motorengeräusch in der richtigen Lautstärke zu simulieren, auch die Schallausbreitung muss glaubwürdig modelliert werden. Der Zulieferer Delphi bietet zum Beispiel bereits sehr kompakte und robuste Piezo-Lautsprecher an, die gut an unterschiedlichen Stellen am Fahrzeug platzierbar sind, was wohl Voraussetzung ist, um eine homogen wirkende Schallausbreitung möglich zu machen - ein einzelner Lautsprecher wird den Anforderungen der NHTSA kaum genügen.

Verbindliche internationale Normierungen gibt es noch nicht. Eine zumindest ideell übergeordnete Rolle kommt sicherlich der "Working Party on Noise" innerhalb der UNECE zu, die Anfang 2012 Vorschläge für eine einheitlich Regelung vorlegen will. Die Meinungen darüber, ob ein speziell entworfenes Elektroautogeräusch oder die Simulation von Verbrennungsmotoren der bessere Weg sind, gehen im Übrigen bisher auseinander. Der Fall Plug-in-Hybrid, wie ihn Volvo beschreibt, bringt eine zusätzliche Facette ins Spiel, weil der erwünschte "universelle authentische Fahrzeugsound" explizit als Forschungsziel genannt ist. Weil es dabei nicht nur um die "Convenience" für den Autofahrer geht, spricht einiges für ein Klangbild, das Verbrennungsmotoren ähnelt. Es würde Irritationen des Fahrers vermeiden und das Risiko verringern, dass Passanten Elektroautos überhören, weil sich nicht einmal das Fahrzeug als solches identifizieren können.
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Autor(en): Gernot Goppelt
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