02.01.2012

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Herausforderung HMI: Das vernetzte Auto muss bedienbar bleiben

2008 wurde die Zukunft des Autos neu definiert: "Die Zukunft ist elektrisch" hieß es plötzlich unisono. Zweifler, die sich an der völlig unzureichenden Energiedichte und den viel zu hohen Kosten der Energiespeicher störten, waren zunächst nicht gefragt. Mittlerweile ist der Hype vorbei, wie wir wissen. Natürlich schreitet die Elektrifizierung voran, doch das Ende des Verbrennungsmotors ist noch weit. Immerhin: Von der Diskussion um Elektroautos hat die Vielfalt an Hybridkonzepten profitiert - und vielleicht sogar die Entwicklung der Fahrzeugelektronik. Denn das "vernetzte Auto" - wird erst einmal ganz konventionell hoffähig. Die unmittelbare Zukunft ist elektronisch:

Immer online

Das Infotainment verändert sich rapide, Internet, Apps und Connectivity finden ihren Weg in das Fahrzeug - zunehmend angelehnt an die Technik, wie sie im Alltag auf Smartphones und Tablets bereits im Einsatz ist. Diese Entwicklung war überfällig: Noch vor wenigen Jahren war IT-affinen Menschen nur mühsam zu vermitteln, warum sich die Automobilbauer scheinbar dagegen sperren, die sonst üblichen Entwicklungszyklen mitzugehen. Denn warum wollen mir selbst Premium-Hersteller ein veraltendes Infotainment-System verkaufen, während ich mit Alltagsgegenständen wie einem Smartphone schon zwei Generationen weiter bin? Warum muss die Elektronik über den kompletten Lebenszyklus des Fahrzeugs unverändert bleiben, während sie außerhalb davon in Halbjahresschritten vorangeht?

Marktforscher wollen herausgefunden haben, dass iPhone und Co. vielen Kunden mittlerweile wichtiger sind als das Auto, es dürfte zumindest teilweise stimmen. Die Standardisierung von kommerziellen und offenen Entwicklungswerkzeugen ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass Probleme bei der Abschottung von Infotainment- zu Fahrzeugfunktionen beherrschbar erscheinen. Anbieter wie Microsoft können zunehmend Referenzprojekte aufweisen, welche die Machbarkeit einer hardwareunabhängigen Infotainment-Umgebung überzeugend demonstrieren. Und schließlich deutet sich an, dass sich geschlossene Infotainment-Systeme auf Dauer wahrscheinlich nicht einmal finanziell lohnen.

Apps allenthalben

Dafür steht etwas plakativ das Schlagwort "App". 2011 haben viele Hersteller und Zulieferer Lösungen vorgestellt, bei denen Apps eine zentrale Rolle spielen. Wie bei den Betriebssystemen iOs, Android oder Symbian liegt ein großer Reiz in den damit verbundenen Geschäftsmodellen: So erklärte zuletzt beispielsweise Renault, ein Ökosystem von App-Entwicklern aufbauen zu wollen, deren Produkte über einen eigens eingerichteten App-Store angeboten werden können. Selbst die ZF-Tochter Openmatics will eine App-basierte Telematik-Plattform aufbauen: Geschäftsführer Thomas Rösch sieht eine Marktlücke bei Nutzfahrzeugflotten, wobei sich zeigen muss, ob die OEMs das Angebot nicht lieber selber machen. Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke bezweifelte in einem Interview mit der Automotive Agenda zudem, dass Autofahrer wirklich bereits sind, regelmäßig Geld für Apps im Auto auszugeben.

Vielleicht wird der Begriff "App" auch etwas überstrapaziert. Es gäbe ihn vermutlich nicht einmal, wenn die App nicht von Apple als einträgliches Anwendungshäppchen entdeckt worden wäre. Immerhin ist sie ein hilfreicher Katalysator für zeitgemäße Infotainment-Archiftekturen. Die App steht für die Bereitschaft der Automobilindustrie, die üblichen Entwicklungszyklen und Trends in der Kommunikationselektronik mitzugehen. Dass dies auch unter Wahrung der Markenidentität geht, zeigt zum Beispiel das "Comand"-System in der neuen Mercedes B-Klasse: Das verbaute Display ist sehr wohl im aktuellen Stil eines Tablet-PCs gehalten, und natürlich gibt es die derzeit unvermeidlichen Apps. Qualitätsanmutung und HMI-Design aber orientieren sich an der Anforderungen eines Autobauers.

Herausforderung HMI

Eine der Erkenntnisse des Jahrs 2011 besteht sicherlich darin, dass sich das Dilemma der unterschiedlichen Entwicklungszyklen von Automobil- und IT-Technik aufzulösen beginnt. Das schmackhafte Wörtchen "App" hilft dabei, diese Entwicklung zu illustrieren, aber auch nicht mehr. Denn es hilft nicht bei dem nächsten Dilemma, welches die Entwickler zunehmend beschäftigen wird: Einerseits soll das vernetzte Auto immer und überall kommunizieren können, andererseits darf die Fahraufgabe nicht dadurch beeinträchtigt werden. Die dafür geeigneten Bedienkonzepte zu entwickeln, gehört zu den spannendsten Aufgaben der kommenden Jahre, auch schon 2012.

(Bild: Saab)
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Autor(en): Gernot Goppelt
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