Auch Autos können Konsumprodukte sein, doch die Consumer Electronics Show in Las Vegas (CES) war ursprünglich nicht das natürliche Umfeld für die Vorstellung neuer Fahrzeuge. Mittlerweile nähern sich Consumer-Elektronik und Fahrzeug-Infotainment bis hin zu verwendeter Hard- und Software einander an - eine überfällige Entwicklung, die sich auch auf die Präsentationsorte der Automobilhersteller auswirkt. Etwa so, wie Ford die Cebit für die Vorstellung seines Sync-Systems in Europa nutzte, reiste Audi auf die diesjährige CES, um seine Innovationen an der Schnittstelle zwischen Elektronik und Bedienung im neuen Audi A3 vorzustellen.
Modularer Autocomputer
Audi bemüht sich wie gewohnt auch im neuen A3 um eine starke eigene Corporate Identity in der Gestaltung der Bedienerschnittstellen. Die darunter liegenden technischen Konzepte haben sich aber mittlerweile tatsächlich stark an die Consumer-Elektronik angenähert. Das betrifft zunächst das so genannte MMX-Board, das die Infotainment-Hardware bildet, im Prinzip ein Computer, der auf einen Standard-Prozessor mit Multimedia-Erweiterung zurückgreift. Es handelt sich dabei um den Tegra T20 von Nvidia, einen Zweikern-Prozessor, der auch in Mobiltelefonen oder Tablet-PCs eingesetzt wird. Er ist im A3 für sämtliche Sprachsteuerungs-, Online-, Media-, Navigations- und Telefonfunktionen zuständig. Vom Vorläufer des Infotainments im Auto, dem Autoradio, ist im Grunde nur noch der Rundfunkempfänger übrig geblieben, der angesichts heutiger Medien-Übertragungsmöglichkeiten fast wie ein Anhängsel wirkt.
Der T20-Prozessor arbeitet laut Audi mit einer 3D-Engine des Spezialisten Rightware, die es Audi als erstem Hersteller ermögliche, dreidimensionale Grafiken im Fahrzeug zu zeigen. So ist das Fahrzeug als virtuelles 3D-Modell hinterlegt, das die Insassen aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Detaildarstellungen betrachten können. So lässt sich die Darstellung zum Beispiel in Verbindung mit Bedienhinweisen noch besser illustrieren, als es bisher im Audi-MMI der Fall war.
Eine konsequente Trennung zwischen Hard- und Software sowie ein modularer Aufbau werden auch im Audi A3 die funktionale Erweiterung im Lebenszyklus erlauben. So ist bereits für 2012 vorgesehen, den Tegra-30-Prozessor einzusetzen, der eine nochmals höhere Rechenkapazität zur Verfügung stellt. Er ist mit 1,4 statt 1,2 GHz getaktet und bietet vier statt zwei Kerne (wie der T20). Die Software, welche die eigentliche Funktionalität zur Verfügung stellt, ist ebenfalls modular aufgebaut. Und die Trennung zwischen Hard- und Software gilt sogar für die Entwicklungsmethodik: 150 Mitarbeiter des 2009 von Elektrobit und Audi gegründeten Gemeinschaftsunternehmens E.solutions entwickeln die modulare Software-Suite für das Infotainment-System.
Moderne Handschrift
Eine bisher einmalige Lösung im Markt ist das so genannte Touch Wheel. Anders als vorhandene Touchpad-Lösungen ist im A3 die berührungsempfindliche Fläche in die Kappe des MMI-Drehknopfes integriert. Hier lassen sich mit dem Finger Zeichen "schreiben", die Erkennung liegt laut Audi auf "Top-Niveau". Die verfügbare Fläche dafür ist zwar nicht sonderlich groß, doch andererseits bietet der massive Drehknopf einen zuverlässigen Halt, der eine wackelfreie Blindbedienung erlaubt. Ein Ring, der per LED und Lichtleiter beleuchtet ist, erleichtert zudem das Auffinden.
Optische Rückmeldung erhält der Fahrer über einen vertikal ausfahrbaren Monitor mit eine Bildschirmdiagonale von sieben Zoll und einer Auflösung von 800x480 Pixeln. Ganz zeitgemäß übernehmen LEDs die Hintergrundbeleuchtung, was auch eine schlanke Bauart erlaubt - der Monitor im A3 ist kaum dicker als ein Smartphone. Wie bei Apples iPhone sind das Deckglas und das TFT-Element ohne dazwischen liegende Luftschicht miteinander verbunden, das soll die "optische Performance" verbessern.
Als weiteres Highlight im A3 nennt Audi die "Phone Box", die beliebige Mobiltelefone an das Fahrzeug ankoppelt. Sie können in einer Ablageschale in der Mittelkonsole abgelegt werden und werden dort per Nahfeldkommunikation über eine flache Planar-Antenne mit der Außenantenne des Fahrzeugs verschaltet. Die Stromversorgung des Telefons erfolgt über USB, mittelfristig will Audi eine kontaktlose Lademöglichkeit anbieten.
In Las Vegas demonstrierte Audi die Möglichkeiten im A3 mithilfe einer Sitzkiste - das komplette Fahrzeug wird erst auf dem Genfer Automobilsalon zu sehen sein. Darüber hinaus zeigte der Hersteller unabhängig vom A3 seine Ideen für das "Head-up-Display der Zukunft". Zukünftig könnte man demnach unterschiedliche Techniken in einem Fahrzeug kombinieren. Kontaktanaloge Displays könnten dem Fahrer zum Beispiel durch Pfeile, die in korrekter Entfernung scheinbar auf der Straße aufgebracht sind, den Weg weisen. Kontaktanaloge Darstellungen sind zwar keine grundsätzlich neue Idee, bieten aber Raum für eine Menge neuer Darstellungsformen.
Virtueller Ausblick
Audi stellt sich beispielsweise einen Navigationspfeil vor, der in hügeligem Gelände die Richtung anzeigt, in der nach einer Kuppe die nicht einsehbare Straße weiterverläuft. Bei Verwendung der Adaptive Cruise Control könnte die Entfernung zum Vorausfahrenden augenfällig angezeigt werden. Bei Verwendung eines Nachtsichtsystems könnte ein Fußgänger in den virtuellen Raum projiziert werden, den man sonst nicht sehen könnte, usw. Auf der CES demonstrierte Audi zudem einen Ansatz, von dem nicht nur der Fahrer profitiert. Dabei verfügen Fahrer und Beifahrer jeweils über eigene Head-up-Displays mit unterschiedlichen Funktionen. Dem Fahrer wird eine kontaktanaloge Variante der Technik angeboten, der Beifahrer muss mit einer statischen Version vorlieb nehmen, die aber zum Beispiel die Möglichkeit bietet, mit einer Wisch-Geste Videofunktionen zu aktivieren. Eine dritte Projektion, sichtbar für alle Insassen, zeigt zudem zentral in der Frontscheibe eine Darstellung, die in der Ebene der Frontscheibe liegt - alle Insassen können dort Inhalte zum gemeinsamen Betrachten hineinschieben.
Ein US-Journalist schrieb über die CES, dass sie sich schleichend zu einer Autoshow entwickele. Ganz so weit kommt es vermutlich nicht. Doch das Beispiel Audi zeigt, dass die Angleichung der unterschiedlichen Entwicklungszyklen des Infotainments in und außerhalb des Autos in vollem Gange ist. Audi zeigt mit dem A3 aber auch, dass es nach wie vor lohnt, die Benutzerschnittstelle automobilspezifisch auszulegen und Entwicklungen von Mobilgeräten nicht leichtfertig zu übernehmen. Das unscheinbare Touch Wheel ist ein gutes Beispiel dafür.
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