Neue Formel-1-Reifenkollektion von Pirelli: eckigere Profile, weichere Mischungen
Eckigere Profile und weichere Mischungen zwecks Kompensation der neuen Aerodynamik-Setups der aktuellen Formel-1-Boliden: Pirelli hat für die neue Saison die Reifenkollektion für die Rennautos komplett erneuert. Abgezielt werde auf ein breites Spektrum an Teamstrategien sowie mindestens zwei Boxenstopps. Präsentiert wurden die Reifen für die 63. FIA-Weltmeisterschaft sowie für die nun zweite Saison als exklusiver Lieferant auf dem Yas Marina Circuit in Abu Dhabi. Entwickelt wurden die neuen Reifen gemeinsam mit den Teams. Sie sind laut Reifenhersteller eine Reaktion auf die neuesten Aerodynamik-Regeln in Bezug auf den Diffusor: Die neuen Pneus haben quadratischere Profile, einen erhöhten Grip sowie weichere, wettbewerbsfähigere Mischungen mit gleichmäßigem Abbau. Die Regenreifen tragen nun den Namen Cinturato, ein Name mit dem Pirelli im Jahre 1951 sein Debüt in der Formel 1 beging. Zudem hat der Hersteller die Farben an den Reifenflanken modifiziert, damit die unterschiedlichen Mischungen besser zu erkennen sind.
Quadratischere und weichere Reifen
Für die Entwicklung der 2012-Reifen hat der Hersteller den Regeländerungen Rechnung getragen, die die FIA bezüglich des Diffusors eingeführt hat. Diese neue Regel, die den aerodynamischen Abtrieb reduziert, der auf jeden Reifen einwirkt, erfordert eine breitere und gleichmäßigere Aufstandsfläche. Dieser Anforderung sei mit weniger runden Reifenschultern sowie dem Einsatz weicherer Mischungen entsprochen worden, die besseren Grip und mehr Leistung produzieren würden.
So ist die erste große Veränderung in diesem Jahr die Einführung eines neuen Profils. Die Reifen verfügen ein quadratischeres Profil. Dieses soll die Verschleißrate verbessern; und dies insbesondere an der Reifenschulter. Die neuen Vorder- und Hinterreifen seien entwickelt worden, um die Belastung gleichmäßiger über die Aufstandsfläche zu verteilen. Diese Modifikation soll die Beanspruchung und die Temperatur der gesamten Reifenoberfläche regulieren. Ziel sei die Reduzierung des Blistering-Risikos sowie die Verteilung des Reifenabriebs über einen breiteren Bereich der Aufstandsfläche. Das vergrößere die Zeitspanne, in welcher der Reifen Höchstleistung bieten kann. Die Gesamtlebensdauer wird aber nicht beeinflusst. Die neuen Reifen wurden darüber hinaus so gestaltet, dass sie mehr Grip für die Hinterachse liefern. Dadurch sollen sie die Reduzierung des aerodynamischen Abtriebs kompensieren.
Des Weiteren wird der Hersteller einige komplett neue Mischungen für die Saison 2012 einführen. Ausnahme bildet der supersofte Reifen, bei dem sich lediglich das Profil verändert hat. Ziel ist, den Leistungsunterschied zwischen den verschiedenen Mischungen zu verringern. Während der Saison 2011 trennten die für ein Rennen nominierten Mischungen zwischen 1,2 und 1,8 Sekunden pro Runde. Dieses Jahr soll die Differenz auf weniger als eine Sekunde sinken: im Durchschnitt zwischen sechs und acht Zehntelsekunden. Allgemein formuliert, so erklärt der Hersteller, werden die Reifen für das Jahr 2012 weicher und weniger konservativ sein als ihre Vorgänger.
Die Neuheiten für die Saison 2012 beinhalten außerdem neue Namen sowie neue Farben für die Reifen. Die beiden Mischungen für nasse Bedingungen erhalten den Namen Cinturato. Der Regenreifen wird durch blaue Markierungen gekennzeichnet, der Intermediate durch grüne Flanken. Die vier Slickmischungen, die weiterhin P Zero heißen, behalten die Farben des vergangenen Jahres: Silber für hart, Weiß für medium, Gelb für soft und Rot für supersoft. Sowohl die P-Zero- als auch die Cinturato-Reifen werden durch die größeren farblichen Markierungen an den Reifenflanken leichter zu erkennen sein.
Die Slicks
Die Reifen für trockenes Wetter - Slicks - verfügen über ein glattes Profil, frei von Blöcken und Rillen. Durch die vier Gummizusammensetzungen - supersoft, soft, medium und hart - sind die Reifen auf den verschiedensten Rennstrecken einsetzbar, die sich in Bezug auf die Asphaltart, die Anzahl und Schwere der Kurven und die Höchstgeschwindigkeiten auf den Geraden unterscheiden. Das erlaubt den Teams unterschiedliche Strategien einzusetzen.
Von den vier Slicks ist das supersofte Modell der einzige Reifen, der sich nicht verändert hat. Der P Zero Rot eignet sich für Straßenkurse. Auf langsamen und kurvenreichen Strecken, für die rutschiger Asphalt und geringe Querkräfte charakteristisch sind, bietet er Höchstleistung.
Der softe Reifen P Zero Gelb passt gut zu Rennstrecken mit geringem Reifenabrieb. Er wurde entwickelt, um ein hohes Maß an Grip in Kombination mit einem deutlichen Reifenabbau zu liefern. Daraus resultiert eine vergleichsweise kurze Lebensdauer, die den Teams mehr Optionen für Boxenstopp-Strategien bietet. Im Vergleich zum soften Pneu 2011 soll der neue Reifen wärmeresistenter sein, um das Risiko von Blistering zu verringern.
Der Reifen P Zero Weiß soll vielseitig sein und sich gut an alle Streckenbedingungen anpassen; insbesondere wenn eine Strecke unterschiedliche Asphaltvarianten und Charaktereigenschaften aufweist. Der Reifen soll als "optionaler" Reifen auf Rennstrecken mit hohen Temperaturen oder rauen Oberflächen fungieren. Auf weniger harten Kursen mit leichteren Pneu-Anforderungen werde er der "primäre" Reifen sein.
Für maximale Haltbarkeit, den geringsten Abbau sowie optimale Widerstandskraft bei extremsten Bedingungen soll der harte Reifen P Zero Silber stehen. Jedoch soll er nicht so hart wie sein Vorgänger sein, erklärt das Unternehmen. Der Reifen sei ideal für lange Stints, brauche aber länger, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Außerdem passe er gut zu Strecken mit rauem Asphalt, großen Querkräften und hohen Temperaturen.
Die Nassreifen
Von den Nassreifen, erkennbar an den Rillen in der Lauffläche, gibt es zwei Varianten: Regenreifen und Intermediate. Der Regenreifen ist durch seine tiefen Furchen und Lamellen in der Lauffläche zu erkennen, durch die das Wasser auf nassem Asphalt verdrängt wird. Der Intermediate hat weniger tiefe Kanäle und ist für feuchte oder leicht nasse Oberflächen sowie unsichere Wetterbedingungen bestimmt.
Von den beiden Nassreifen wurde nur der Reifenreifen namens Cinturato Blau im Vergleich zur Version 2011 deutlich verändert. Die Veränderungen betreffen die Hinterreifen. Sie verfügen über ein neues Profil, um die Wasserverteilung bei Aquaplaning zu optimieren und höhere Lenkpräzision zu garantieren. Gekennzeichnet durch tiefe Rillen, ähnlich zu denen bei Pkw-Reifen, wurde der Regenreifen entwickelt, um bei 300 km/h mehr als 60 Liter Wasser pro Sekunde zu verdrängen, erklärt der Hersteller. Das sei mehr als sechsmal so viel wie ein Pkw-Reifen, der bei deutlich langsameren Geschwindigkeiten rund zehn Liter pro Sekunde verdränge.
Der Intermediate namens Cinturato Grün wurde nicht verändert. Durch die im Vergleich zum Regenreifen flacheren Rillen verdrängt der Intermediate weniger Wasser. Er ist die ideale Wahl bei feuchtem oder abtrocknendem Asphalt, ohne Kompromisse bei der Performance eingehen zu müssen.
Das Racing-Tyre-System
Um die Reifen für die Saison 2012 zu entwickeln, verließen sich die Pirelli-Ingenieure auf das Racing Tyre System (RTS). Diese computerbasierte Plattform ist in der Lage, die Leistungsdaten eines jeden Reifens während der Tests und der Rennen zu sammeln und zu verarbeiten. Das System ermöglicht dem Nutzer, Performance, Abrieb und Verhalten der Reifen während jeder Phase ihres Einsatzes zu überwachen. Darüber hinaus verfolgt das RTS das Leben eines jeden Reifens von der Konstruktion bis zur Rennstrecke. Es aktualisiert in Echtzeit den Einsatz, die Performance und und die Verschleißrate. Nachdem ein Reifen in der Fabrik in Izmit - wo alle Rennreifen von Pirelli produziert werden - gebaut wurde, registriert das RTS die Konstruktionsdaten als eine Art individuellem Ausweis. Die Informationen jedes Reifens, der an einer Rennstrecke ankommt und an ein Auto montiert wird, werden aufgerufen. Von diesem Moment an werden die Reifentemperatur, der Druck und die Verschleißrate registriert und sofort den Pirelli-Ingenieuren an der Strecke auf speziellen Tablet-Computern zur Verfügung gestellt. Auch die Forschungsabteilung von Pirelli in Mailand und alle Teams erhalten die Informationen des RTS. Das erzeugt eine virtuelle Datenbank, die kontinuierlich aktualisiert wird. Und es bildet den Ausgangspunkt für die Analyse der Leistung jedes einzelnen Autos und für die weitere Entwicklung der Reifen.
Während der Formel 1-Weltmeisterschaft 2012 wird Pirelli insgesamt 45.000 Reifen liefern. Metadaten anzeigen:Autor verbergen |
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