09.04.2001

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Toyota stellt erstes Formel-1-Auto vor

Am Freitagvormittag kurz nach elf entfernten Mika Salo und Allan McNish, die designierten Formel-1-Piloten für Toyota, gemeinsam das rote Seidentuch, das bis dahin den ersten Formel-1-Wagen des japanischen Automobilkonzerns überhaupt vor neugierigen Blicken der internationalen Presse schützte. In einer Rekordzeit von nur 19 Monaten hat es der weltweit drittgrößte Automobilhersteller geschafft, ein komplettes Formel-1-Auto in Eigenregie zu bauen. Auf dem Circuit Paul Ricard in Le Castellet, Südfrankreich, beginnt nun für die Toyota Motorsport GmbH (TMG) eine elfmonatige Testphase, bevor die Japaner im Jahr 2002 als zwölftes Team aktiv am Formel-1-Zirkus teilnehmen werden. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone und FIA-Präsident Max Mosley ließen es sich nicht nehmen, die Geburtsstunde dieses ehrgeizigen Projekts mitzuerleben.

Anders als BMW oder Mercedes, die lediglich Motorenlieferanten der automobilen Königsklasse darstellen, geht Toyota mit diesem mutigen Vorhaben den steinigen Weg und entwickelt Fahrwerk, Antriebsstrang und Elektronik selbst. Und die Begründung von Dr. Akihiko Saito, verantwortlich für alle Motorsportaktivitäten der Toyota Motor Corporation, klingt einleuchtend: "Um erfolgreich zu sein, muss ein Unternehmen beides entwickeln, Motor und Fahrwerk. Wenn nur einer zuständig ist, kann eine perfekte Abstimmung erreichet werden, ohne dass es zu den in der Praxis häufigen gegenseitigen Schuldzuweisungen kommt." Bislang liefen die ersten Windkanaltests im britischen Lola-Werk und in dem neuen Motorsport-Hauptquartier von Toyota in Köln, wo der Formel-1-Renner künftig gebaut werden soll, fanden die Crashtests statt. Laut Aussagen eines Unternehmenssprechers steht ein neuer Windkanal in Köln kurz vor der Fertigstellung.

Unter der Leitung von Norbert Kreyer begann die Entwicklung des 3 Liter V10-Aggregats im 90-Grad-Winkel als so genanntes 1-Zylinder-Projekt. Um wichtige Eckdaten, wie Bohrung und Hub, Ventilgröße und Brennraumgestaltung zu ermitteln, wurden zunächst kostengünstigere Testreihen an 1-Zylinder-Motoren vorgenommen. Alle Untersuchungsergebnisse flossen dann in die Konstruktion des V10, von dem bislang 20 Motoren gefertigt wurden. In puncto Leistung und Zuverlässigkeit zeigte sich das Unternehmen mit den Werten hoch zufrieden. Zu den primären Zielen vor dem Saisonstart 2002 gehören eine Leistungssteigerung bei gleichzeitiger Gewichtsreduzierung, ohne dabei Abstriche bei der Zuverlässigkeit machen zu müssen. Ove Andersson, Vorsitzender und Gründer der TMG, will zum Saisonauftakt lediglich sieben Prozent hinter den Bestzeiten der anderen Teams zurückliegen: "Wir müssen viel lernen. Seit dem Beginn dieses Projekts erlangen wir jeden Tag neue Erkenntnisse bezüglich Technik und Management. Alle Ergebnisse gehen direkt an unsere Abteilung Forschung und Entwicklung."

"Knapp 500 Mitarbeiter aus 27 Nationen arbeiten gemeinsam an dem Vorhaben, das eine Wertschöpfung für Toyota gleichermaßen in technologischer Hinsicht wie vom Marketing betrachtet darstellt", weiß Mosley. "Die finanziellen Mittel, die für diese Entwicklung bereitstehen sind beispiellos und unterstützen ihre komplementäre Rolle zwischen Motorsport und Serienfertigung." Den Wagen, der vor seinen Augen enthüllt wurde, bezeichnete Mosley als "jüngster Stand der Technik". Mit dem Mut, in die hart umkämpfte Formel 1 einzusteigen, und der Professionalität, die Toyota an den Tag legt, gehöre das Unternehmen schon jetzt zu den Gewinnern. "Die talentiertesten Entwicklungs-Ingenieure finden sich in der Formel 1, sogar Leute aus der Weltraumforschung wollen zu uns kommen," nutzte der FIA-Präsident die Gelegenheit, die Attraktivität des Grand Prix zu unterstreichen. "Die Faszination liegt in dem rasanten Tempo der Entwicklung. Viele technologische Neuentwicklungen haben nur wenige Wochen Bestand, bis sie von der nächsten eingeholt werden."

Zu dem Budget für das ehrgeizige Projekt, das naturgemäß einen zentralen Punkt des Medieninteresses ausmachte, wollte Dr. Saito keine Angaben machen. Seine Äußerungen beschränkten sich neben allgemeinen Strategien auf die sportlichen Ziele des Teams und die technischen Kooperationspartner. Demnach besteht bis zu den ersten Formel-1-Erfolgen von Toyota kein Zeitlimit, das zum Scharfrichter über einen Fortbestand des Unterfangens werden könnte. Jedoch wolle man nach einer Lernphase so schnell wie möglich gewinnen. Eine besonders glückliche Kombination, wie Saito gegenüber all4engineers hervorhob, stelle auf diesem Weg die Zusammenarbeit mit dem Reifenhersteller Michelin dar. Zum einen blicken Toyota und Michelin auf eine erfolgreiche gemeinsame Vergangenheit im Rallye-Sport zurück, in der sich auch viele persönliche Verbindungen ergaben. Und zum anderen fällt der Zeitpunkt des Comebacks von Michelin in die Formel 1 recht genau mit den entsprechenden Anstrengungen der Japaner zusammen. So befinden sich die Partner in einer erfolgversprechenden Entwicklungsphase, die beide nach vorne treibt. Ferner darf das Toyota-Team einen weiteren Vorzug genießen: Michelin wird als erster Reifenhersteller der Welt in der Lage sein, an den verschiedenen Strecken selbst, Reifen auch auf kleinstem Raum in einer "rollenden Werkstatt" zu produzieren. Das bedeutet für Toyota in dem harten Kunkurrenzkampf ein deutliches Plus an Variabilität, besonders bei Tests, bei denen es auf eine schnelle Reaktion ankommt.

Wahrscheinlich wird Toyota auf dem Weg zu Triumphen noch einige Rückschläge einstecken müssen, wie Mika Salos Unfall bereits am späten Sonntagvormittag bei 220 km/h nach einem Getriebedefekt, bei dem der Fahrer nach ersten Angaben unverletzt blieb. Doch allein der professionelle, fast perfekte Eindruck, den die Toyota Motor Corporation bei dieser Präsentation hinterlassen hat, gepaart mit dem immensen Willen zum Erfolg und nicht zuletzt den Mitteln im Hintergrund, verheißen künftig einen sportlichen Gewinn für die Formel 1.
www.toyota-f1.com

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Autor(en): Thomas Jungmann
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