31.08.2001

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"Mit Pre-Safe einen neuen Sicherheitstrend setzen"

Mercedes-Benz hat mit "Pre-Safe" ein neuartiges Konzept zum präventiven Schutz von Autoinsassen entwickelt. Das System kann die Gefahr eines Crashs erkennen und Maßnahmen einleiten, die den Fahrer besser vor Verletzungen schützen. Pre-Safe wird erstmals auf der IAA vorgestellt. Vorab befragte all4engineers Dr. Rodolfo Schöneburg, Leiter der Sicherheitsentwicklung bei Mercedes-Benz, zu dem neuen Konzept.

Wie erkennt Pre-Safe eine drohende Kollision und welche technischen Sicherheitssysteme sind daran beteiligt?
Eine fahrkritische Situation mit potenziellem Unfallrisiko lässt sich zum einen durch den eigenen Fahrzustand und zum anderen durch eine Beobachtung des Fahrzeugumfeldes erkennen. Die Beurteilung des eigenen Fahrzustands kann dabei über eine Vernetzung der vorhandenen Sensoren fahrdynamischer Regelsysteme wie ESP, Bremsassistent oder in Zukunft SBC (die neue Hochdruckbremse Sensoric Brake Control) erfolgen. An einer Fahrzeugumfelderkennung durch Radarsensoriken, zum Beispiel einer weiterentwickelten Distronic, oder in weiterer Zukunft durch neue, bildverarbeitende Sensoriken wird gearbeitet.

Welche präventiven Maßnahmen aktiviert das neue System im und am Fahrzeug in einer Gefahrensituation?
Als direkte Insassenschutzmaßnahmen sind beispielsweise eine präventive Gurtstraffung, eine Sitz- und Lenkradverstellung oder ausfahrbare Schutzpolster möglich. Als Maßnahme zur Konditionierung des Fahrzeugs ist zum Beispiel eine automatische Schließung von Seitenscheiben und Schiebedach denkbar. Zusätzlich sehen wir Verstellungen der Steifigkeitseigenschaften des Vorbaus und ausfahrbare Knautschzonen als mögliche Präventionsmaßnahmen am Fahrzeug.

Wie funktioniert die erforderliche Mechanik speziell für die Verstellung der Sitze und Türinnenverkleidungen?
Aufgrund der deutlich höheren Zeitspanne (verglichen mit der Zeit zur Airbagentfaltung), die für präventive Schutzmaßnahmen zur Verfügung steht, werden gar keine besonders hohen Anforderungen an die Verstellgeschwindigkeit gestellt. Bei der Sitzverstellung halten wir die normale Verstellgeschwindigkeit elektrischer Sitze für ausreichend. Für ausfahrbare Polster sind zum Beispiel elektrisch oder pneumatisch betriebene Mechaniken vorstellbar.

Wann wird diese Technik Ihrer Meinung nach so weit entwickelt sein, dass ernsthaft an einen Serieneinsatz zu denken ist, und welche Voraussetzungen müssen bis dahin noch erfüllt werden?
Wir denken, mit Pre-Safe einen neuen Sicherheitstrend zu setzen, der eine ganze Reihe von Ausbaustufen erfahren wird. Auf der Basis bereits heute vorhandener Fahrdynamiksensoren halten wir einen Einstieg in diese Technologie schon für relativ schnell realisierbar. Andere Maßnahmen befinden sich noch in unterschiedlichen Forschungs- und Entwicklungsphasen, die über einen längeren Zeitraum nach und nach zur Serienreife entwickelt werden können.

Welche Partner aus der Automobilindustrie sind an der Entwicklung von Pre-Safe noch beteiligt und welche Rolle kommt ihnen im Einzelnen dabei zu?
Wir arbeiten bei der Entwicklung von Pre-Safe-Systemen mit unseren bekannten Systementwicklern sehr eng zusammen. Die Entwicklung der Komponenten liegt dabei im Verantwortungsbereich der Partner. Unsere Aufgabe als Hersteller sehen wir in der Systemapplikation und der Erstellung des Gesamtkonzepts.

Bei der Pkw-Sicherheit hebt Mercedes-Benz gern seine Innovationsführerschaft hervor. Sind Ihnen Mitstreiter im Wettbewerb bekannt, die ebenfalls an Projekten des präventiven Insassenschutzes arbeiten, oder gibt es gar Kooperationen?
Mit Pre-Safe möchten wir diese Innovationsführerschaft ja erneut wieder unter Beweis stellen. Momentan sehen wir keinen Wettbewerber, der ähnlich intensiv an dieser Technologie arbeitet. Wir sind uns aber sicher, dass Pre-Safe auch vom Wettbewerb sehr schnell aufgegriffen wird.

Wie sehen die konkreten Sicherheitsziele von Mercedes-Benz für die Zukunft in Anspielung auf das so genannte "denkende Auto" aus?
Die Sicherheitsvision von DaimlerChrysler heißt "Unfallfreies Fahren". Wir sind uns bewusst, dass es bis dahin ein sehr weiter Weg sein wird, den wir vermutlich auch nie ganz erreichen werden. Es gibt aber eine ganze Reihe von Zwischenzielen, die uns unserer Vision näherbringen. Unter dem "denkenden Auto" verstehen wir eine Vernetzung der verschiedenen Fahrzeugsensoriken, mit dem Ziel präventiv, also auf eine natürliche Weise, auf Gefahren zu reagieren. Pre-Safe ist dazu ein erster Schritt. "Pre-Crash" und "Collision Avoidance" werden mögliche weitere Schritte sein.

Wo beginnt für Sie ein Grenzbereich dieser Entwicklung, bei der ein Pkw-Computer ein Verkehrsszenario interpretiert, und mit einer Reihe von Maßnahmen eigenständig reagiert? Wo sehen Sie Gefahren?
Unsere Philosophie ist ganz klar, den Fahrer bei seiner Fahraufgabe zu unterstützen, ihm diese aber nicht abzunehmen. Die Verantwortung muss beim Fahrer bleiben. Die Interaktionsschnittstelle Mensch/Fahrzeug sehen wir heute noch nicht als endgültig geklärt, das wird sicherlich ein Schwerpunkt der Entwicklung vorausschauender Sicherheitssysteme darstellen.

Wie entgegnet Mercedes-Benz dem negativen Trend einer fortwährenden Gewichtszunahme moderner Fahrzeuge, die mit der wachsenden Anzahl der Sicherheitssysteme verbunden ist?
Neue zusätzliche Technologien führen oft auch zu einer Gewichtszunahme, der wir bis jetzt durch intelligente Leichtbaumaßnahmen begegnet sind. Künftig sehen wir auch Gewichtseinsparpotenziale in der Mehrfachnutzung, beziehungsweise Fusion bestehender Systeme. Pre-Safe wird zum Beispiel keine zusätzlichen Sensoren benötigen, sondern baut auf Synergien zwischen aktiver und passiver Sicherheit auf, und wird damit auf dieser Seite kein Mehrgewicht verursachen. Längerfristig sehen wir ähnliche Möglichkeiten auch auf der Aktuatorseite.

Pre-Safe ist nach den Beschreibungen ihrer Sicherheitsabteilung ein hervorragendes Insassen-Schutzsystem. Wäre es nicht auch - in Anbetracht der aktuellen Diskussion um Fußgängerschutz - sinnvoll, die vorhandene Technik parallel zu nutzen, um auch die schwächsten Verkehrsteilnehmer bei einem Unfall optimal zu schützen?
Pre-Safe-Systeme sehen wir in erster Linie als ergänzende Systeme zu heutigen Schutzmaßnahmen. Sicherlich sind auch entsprechende Schutzmaßnahmen für äußere Verkehrsteilnehmer denkbar. Aber gerade dort sehen wir momentan ein noch sehr viel höheres Schutzpotenzial durch unfallvermeidende beziehungsweise unfallschweremindernde Maßnahmen. Dazu zählen wir den Bremsassistenten und unsere aktuellste Entwicklung, das SBC beim neuen SL. Dieses ja ebenfalls "mitdenkenden System" kann den Anhalteweg verkürzen und so vor allem im urbanen Verkehr Unfälle gegebenenfalls ganz verhindern. Die Effizienz für den Fußgängerschutz lässt sich momentan leider nur sehr schwer quantifizieren. Wir sehen darin aber einen erheblich größeren Nutzwert als in herkömmlichen passiven Schutzmaßnahmen am Fahrzeug.

Herr Dr. Schöneburg, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Thomas Jungmann.

Zur Person:
Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg, Leiter der Pkw-Entwicklung Sicherheit/Fahrzeugfunktionen der DaimlerChrysler AG in Sindelfingen

Dr. Rodolfo Schöneburg wurde am 30. Oktober 1959 in Venezuela geboren. Nach dem Studium der Luft- und Raumfahrt an der Technischen Universität Berlin folgte 1988 die Promotion. Seine Berufserfahrungen umfassen: DaimlerChrysler AG, Sindelfingen: seit April 1999 bis heute Centerleiter Sicherheit/Fahrzeugfunktionen innerhalb des Geschäftsfeldes Pkw-Entwicklung. Audi AG, Ingolstadt: Oktober 1996 bis März 1999 Leiter der Fahrzeugsicherheit (Crashworthiness und numerische Crash-Simulation); Oktober 1995 bis September 1996 Leiter der Karosserieberechnung; Juni 1993 bis September 1995 Leiter der Insassen-Rückhaltesysteme; Juni 1989 bis Mai 1993 Berechnungsingenieur; Mai 1988 bis Mai 1989 Trainee.
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