25.10.2001

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"Die Schnittstelle zwischen Soft- und Hardware ist Bertrandt"

Nach einem Rundgang im neuen Technikum der Bertrandt AG in Ehningen stand Dietmar Bichler, Vorsitzender des Vorstands, Automotive Engineering Partners Rede und Antwort. Neben den neuen Räumlichkeiten ging es dabei auch um wirtschaftliche Fragen der am Neuen Markt gelisteten Aktiengesellschaft.

Schön haben Sie es hier – und alles unter einem langen Dach. Bleibt es trotz der neuen Zentrale bei den Bertrandt-Standorten vor Ort?
Klar und ganz eindeutig: Ja. An der dezentralen Struktur und der Nähe von Bertrandt zum Kunden wird sich nichts ändern. Im Gegenteil, wir wollen diese künftig weiter ausbauen. Aber wir haben hier in Ehningen eine neue Zentrale, die uns und auch unseren Kunden bei der Entwicklung von Automobilen viele Möglichkeiten gibt. Das neue Technikum bietet Ressourcen, die auch unsere Kollegen aus den anderen Standorten nutzen können, wie etwa den Fräsbereich. So können wir Synergieeffekte realisieren. Die wichtigsten Einrichtungen haben Sie ja gesehen: Von der Konstruktion über den Modellbau bis hin zum physischen Fahrzeugaufbau und der Montage seriennaher Prototypen decken wir hier das gesamte Spektrum für eine ganzheitliche Automobilentwicklung unter einem Dach ab.

Welche neuen Möglichkeiten bietet denn das Technikum in Ehningen für Bertrandt?
Unser Ziel ist es, den Herstellern die ganzheitliche Fahrzeugentwicklung anzubieten. Durch die Erweiterung unseres Kerngeschäfts – der Produktentwicklung – sind wir diesem Ziel wieder einen Schritt näher gekommen. Das konnten wir vor drei oder vier Jahren noch nicht so konsequent behaupten. Um dies zu erreichen, haben wir uns auf zwei Richtungen konzentriert. Zum einen haben wir jetzt die ganzen Testverfahren – etwa Hydropulser, Crash-Anlagen für Head-Impact oder Klimakammern – für die Fahrzeugerprobung im Haus. Einen ganz wesentlichen Schritt stellt auch die Blechbearbeitung dar. Sie gibt uns die Möglichkeit seriennahe Prototypen im Haus herzustellen. Wenn wir in die andere Richtung gehen, so sind wir auch in der frühen Entwicklungsphase – etwa bei Simulationen im Rechner – verstärkt mit dabei.

Stichwort Simulation: Wird man denn in Zukunft die vielen Modelle noch als Hardware benötigen? Oder geht das mit Digital-Mock-Up und in Virtual Reality?
Wir gehen davon aus, dass es in Zukunft zu Verlagerungen kommt. Sicher wird man versuchen, noch mehr zu simulieren – und zwar sowohl in den Bereichen Produkt- und Prozessentwicklung als auch bei der Ressourcenplanung. Durch eine enge Verzahnung können in Zukunft Zeit- und Kostenvorteile realisiert werden. Bertrandt wird diesen Weg aktiv mitgehen.

Stehen dann eines Tages Ihre umfangreichen Einrichtungen für das Rapid Prototyping – etwa die ganzen Stereolithographie-Maschinen – nicht ungenutzt herum?
Irgendwann erfolgt der Übergang vom Rechner zur Hardware – und diesen Übergang können wir aktiv gestalten. Die Ganzheitlichkeit geht von der Idee über die Ausarbeitung bis zur Hardware über eine Schnittstelle. Und diese Schnittstelle zwischen Soft- und Hardware heißt Bertrandt. Diese ganzheitliche Kompetenz finden Sie im Wettbewerb nur selten.

Sie wollen auch verstärkt in die Bereiche Elektronik und Fertigungsplanung einsteigen. Warum?
Wir gehen davon aus, dass immer mehr Bauteile in irgendeiner Form elektrisch oder elektronisch ergänzt werden, aus Mechanik wird Mechatronik. Elektrik- und Elektronik-Arbeitsplätze finden Sie in jedem Bertrandt-Ingenieurbüro. Von den rund 3000 Mitarbeitern in der Bertrandt Gruppe beschäftigen sich etwa 220 mit dem Thema Elektrik/Elektronik und Software-Entwicklung. Zum Manufacturing: Bertrandt wird nicht anfangen, Betriebsmittel zu bauen. Aber der Treiber bei diesem Thema kommt aus dem bereits vorhandenen Know-how. Die CAD-Daten sind ja aus der Simulation vorhanden. Warum soll man damit nicht den nächsten Schritt zum Manufacturing gehen und etwa Platzbedarf, Fügefolge und anderes untersuchen. Je früher dieser Schritt beginnt, desto kürzer wird die Time-to-market. Ich glaube einfach, dass es da noch Zeitpuffer gibt, die sinnvoller genutzt werden können. Vor diesem Hintergrund werden wir die Manufacturing-Kompetenz weiter ausbauen.

Wie wird sich denn die Mitarbeiterzahl in diesem Bereich bis in drei Jahren entwickeln?
Ich glaube, wir können das Potenzial im Elektronik-Bereich bis in drei Jahren verdoppeln. Wir wollen unser Know-how auf diesem Gebiet weiter ausbauen, obwohl es auf dem Arbeitsmarkt zur Zeit einen Engpass gibt.

Zu einem ganz anderen Thema: Der Bertrandt-Aktienkurs am Neuen Markt ist ja ziemlich im Keller. Ist es denn zur Zeit eher ein Nachteil dort gelistet zu sein?
Wir sind von Anfang an am Neuen Markt gelistet. Nach zwei Boom-Jahren, die – im Nachhinein betrachtet – vielleicht etwas überdreht waren, schlägt das Pendel gerade in die Gegenrichtung aus. Bei manchen Firmen fehlt es zum Teil an Substanz, und die täglichen Negativmeldungen ziehen dann den ganzen Markt nach unten. Wir hatten kurz vor dem Absturz des Markts ein schwieriges Geschäftsjahr, doch seit den letzten drei Quartalen sind wir wieder auf dem richtigen Weg. Aber die Stimmung am Neuen Markt ist zur Zeit einfach schlecht.

Porsche besitzt ja inzwischen 25 Prozent plus eine Aktie von Bertrandt. Wirkt sich dies auch auf das operative Geschäft aus?
Auf der Kapitalseite haben wir mit Porsche einen neuen Aktionär, in der von Ihnen genannten Grö ßen ordnung. Die zweite Ebene betrifft das operative Geschäft. Bertrandt hatte schon in der Vergangenheit gute Geschäftsbeziehungen zu Porsche. Das Volumen dieser Tätigkeit steigt – einfach deshalb, weil Porsche zur Zeit einen erhöhten Bedarf an Entwicklungsdienstleistungen hat. Die Frage, ob Bertrandt und Porsche gemein same Projekte angehen, müssen letztlich unsere Kunden beantworten. Wenn der Kunde bei einem bestimmten Projekt eine Kooperation von Bertrandt und Porsche wünscht – etwa um Engpässe zu umgehen – können wir dies anbieten. Das wäre aber völlig unabhängig von der Kapitalbeteiligung. Der Kundenwunsch steht für uns im Fokus.

Wäre es ein mögliches Ziel von Bertrandt, zusammen mit Porsche in Weissach und der Porsche Engineering Group die Markt führerschaft unter den Entwicklungsdienstleistern anzustreben?
Ich gehe davon aus, dass unsere Kunden die Konstellation Bertrandt/Porsche AG und Porsche Engineering Group sehr genau beobachten. Die Kunden wollen uns – wie bisher – als neutralen Dienstleister. Und das ist gut so. Bertrandt ist nicht fremdbestimmt. Größe allein macht nicht glücklich.

Aber der zurzeit doch recht niedrige Aktienkurs könnte potenzielle Anleger locken?
Sicher. Aber wenn jemand meint, Bertrandt sei ein tolles Investment, dann war das auch schon bisher keine Frage des Kurses. Wenn Sie die gewaltigen Geldmengen ansehen, die weltweit bei Fusionen und Übernahmen unterwegs sind, dann ist das bei unserer Kapitalisierung keine Frage des Kurses. Wie schon gesagt: Die Grundlage unseres Denkens muss der Wunsch des Kunden sein. Wenn das klar ist, dann kann man auch entsprechende Konstellationen und Lösungen anbieten. Erlauben Sie mir noch ein Wort zum Aktienkurs. Natürlich war der Kurs der Bertrandt-Aktie schon höher – und da wollen wir auch wieder hin. Seit der Emission haben wir jedoch eine Verdoppelung des Unternehmenswerts in fünf Jahren. Das ist doch unter dem Strich gar nicht so schlecht.

Herr Bichler, wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Rüdiger Baun.

Zur Person:
Dietmar Bichler startete seinen beruflichen Werdegang bei der Firma Porsche. Nach dem Studium der Fahrzeug- und Schweißtechnik ging er als Projektleiter Verfahrensentwicklung zum Bertrandt Ingenieurbüro. Als Geschäftsführer brachte er die Bertrandt GmbH zusammen mit dem heutigen Aufsichtsratsmitglied Heinz Kenkmann an die Börse. Die Bertrandt AG gehört zu den Pionieren am Neuen Markt. Seit 1996 ist Bichler Vorstand der Bertrandt AG, seit Januar 2001 Vorsitzender des Vorstands.

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