30.01.2002

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Mit Volldampf zurück in die Zukunft

Die Ingenieure des Berliner Unternehmens Enginion haben über mehrere Jahre hinweg einen neuartigen Motor entwickelt, der auf dem Grundprinzip des Dampfmotors basiert. Gegenüber seinen Vorgängern aus den Anfängen der weltweiten Industrialisierung, denen er lediglich prinzipiell ähnelt, soll er kraftvoll und sparsam laufen und dabei extrem sauber arbeiten. Der Clou dieses Prototyps sind seine keramische Brennkammer und die beweglichen Motorteile, die ohne zusätzliche Schmierstoffe auskommen. In dem Keramikblock aus Aluminiumoxid- und Siliziumcarbid-Fasern mit seinen vielen Hohlräumen, den man sich wie einen Schwamm vorstellen muss, wird der Treibstoff bei relativ niedriger Temperatur sehr gleichmäßig verbrannt. Dadurch entsteht - außer bei Wasserstoff - neben Kohlendioxid ein kaum messbarer Anteil an giftigen Stickoxiden und Kohlenmonoxid.

Der Antrieb, der als Dampfzelle (SteamCell) bezeichnet werden könnte, funktioniert nach folgendem Prinzip: Jeder dieser zahlreichen Hohlräume des Keramikblocks, in dem der Kraftstoff bei etwa 1200 bis 1300 °C oxidiert wird, ist quasi eine kleine Brennkammer für sich. Da die Oxidation im Gegensatz zu herkömmlichen Verbrennungsmotoren extern stattfindet, sind hierfür neben Benzin und Dieselkraftstoff auch Wasserstoff, Erdgas oder gar landwirtschaftlich erzeugte Biokraftstoffe geeignet. Die hohen Temperaturen, die in der Brennkammer erzeugt werden, erhitzen flüssiges Wasser, das in einem speziellen Wassertank gespeichert ist. Der dabei aufgebaute Druck wird über eine Art Rotationsmaschine entspannt und somit in mechanische Energie umgewandelt. Das Auf und Ab eines Kolbens im Zylinder, das über die Kurbelwelle sonst für die gewünschte Drehbewegung sorgt, ist hierbei direkt durch eine Drehung - ähnlich wie das Prinzip des Wankelmotors - ersetzt. Diese mechanische Energie kann entweder Akkumulatoren aufladen oder ein Fahrzeug direkt antreiben.

Der überhitzte Dampf, der die Rotoren antreibt, sorgt für eine weiche und schnelle Kraftentfaltung. Dabei erreicht der Motor nach Angaben der Entwickler Drehzahlen ähnlich der üblicher Hubkolbenmotoren und kommt aufgrund des bereitstehenden Drehmomentes vom Stillstand an bei vielen Anwendungen ohne Getriebe aus. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Aggregat ohne zusätzliche Schmierstoffe auskommt. Dies erreichten die Ingenieure von Enginion, indem sie für die relevanten Motorkomponenten keramische Werkstoffe oder Kohlenstoffwerkstoffe mit engen Toleranzen verwendeten. Als großer Nachteil beim Einsatz von Dampf in Straßenfahrzeugen gilt immer noch die Zeit, die es braucht, um die erforderliche Hitze aufzubauen. Zwischen dem Anlassen des Enginion-Gerätes und dem eigentlichen Fahrtantritt sollen noch ungefähr 20 Sekunden verstreichen.

Ein Bericht des Wissenschaftsmagazins "New Scientist" beschreibt Verbrauch und Leistung dieses Dampfmotors als vergleichbar mit entsprechenden Werten klassischer Dieselmotoren. Gegenüber all4engineers bezifferte ein Sprecher der Firma den Wirkungsgrad des Aggregats mit 30 bis 40 Prozent. "Unsere Technologie ist sauber, leise und dynamisch", wirbt Oliver Mehler, Marketingleiter von Enginion in Berlin. Über einen 6 kW starken Motor für stationäre Anwendungen, der über genügend Kraft für Pkw-Hilfsantriebe oder den Antrieb von kleinen Arbeitsmaschinen wie Rasenmäher oder Motorsägen verfügt, hinaus testeten die Entwickler von Enginion in der Vergangenheit bereits eine leistungsstärkere Maschine für den Einsatz in Pkw. Erprobt wurde dieser Prototyp bereits über 300 Stunden am Prüfstand. Ferner unterstrich er seine prinzipielle Fahrzeugtauglichkeit durch den Einbau in einen serienmäßigen Skoda Fabia.

Nach Mehlers Worten soll die Massenproduktion für die kleinere Dampfzelle im Jahr 2004 anlaufen. Dazu liegen bereits heute eine Reihe von Anfragen aus dem Bereich der Fahrzeugindustrie und der stationären Energieversorgung vor. Beeindruckt von der Leistungsfähigkeit des kleinen Gerätes, hat sich mittlerweile sogar der Energieriese E.ON an der Enginion AG beteiligt.

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Autor(en): Thomas Jungmann
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