24.11.2008

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EUGT, Politik und Medizin: Kein Grund für weitere NO2-Grenzwert-Absenkung

Bei den gesetzlichen Regelungen für die Luftqualität hat die Autoindustrie einen Aspekt unterschätzt, der vor allem auch Anbieter von Dieselfahrzeugen betrifft. Die bereits seit 1999 geltende Vorgabe legt ab 2010 für die Immission von Stickstoffdioxid einen Jahresmittelwert von 40 µg/m3 Atemluft fest, also einen Wert, der momentan von rund 50 Prozent aller verkehrsnahen Messstationen im Bundesgebiet überschritten wird. Während für die Gesamtbelastung neben dem Verkehr unter anderem auch Industrie, Kraftwerke, Heizanlagen und vor allem eine äußerst komplexe Atmosphären-Chemie verantwortlich sind, lassen sich höhere NO2-Konzentrationen an viel befahrenen Straßen eindeutig den Emissionen aus dem Individualverkehr zuordnen. Um neueste Erkenntnisse aus der experimentellen und epidemiologischen Umweltforschung zu diskutieren, lud die Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor e.V. (EUGT) am 18. November 2008 nach Wolfsburg. Das Treffen sollte zeigen, welche gesundheitlichen Schäden NO2 verursacht und in welchen Bereichen "weiterer Forschungsbedarf" besteht.

Wie Dr. Reinhold Görgen (Foto rechts), Ministerialrat im Bundesumweltministerium, mutmaßte, werden die geforderten NO2-Werte auch in zwei Jahren nicht überall eingehalten. Das betreffe vor allem den Jahresmittelwert, weniger den maximalen Stundenmittelwert von 200 µg/m3. Die Kommission in Brüssel lasse dann eine maximale Fristverlängerung von weiteren fünf Jahren zu. Bedingung sei, dass die Mitgliedstaaten dafür einen Luftqualitätsplan ausarbeiten, "der aufzeigt, wie die Einhaltung der Grenzwerte vor Ablauf der neuen Frist erreicht werden soll".

Einen OEM kann dieses Szenario nicht unbeeindruckt lassen. Während bei Ottomotoren NOx "kein Thema" sei, werde es beim Selbstzünder bis 2010 eng, hieß es. "Dieselfahrzeuge werden es dann zunehmend schwerer haben, in die Stadt zu fahren", sagte ein Teilnehmer. Die Minderungserfolge bei HC, CO und Rußpartikeln hätten technisch geradezu einen Anstieg bei den Stickoxid-Werten erzwungen. Dem könne man zwar mit teureren Speicherkatalysatoren oder SCR-Technik begegnen, diese Verfahren seien jedoch erst ab September 2014 für Neufahrzeuge mit Euro 6 vorgeschrieben. Da der Flottenwechsel aber Jahre braucht, bis eine Wirkung messbar wird, werde auch das für 2015 avisierte Ziel an manchen Messpunkten verfehlt.

"Die Industrie diskutiert erst jetzt die NO2-Grenzwerte, obwohl sie seit 1999 in der entsprechenden Richtlinie stehen", wunderte sich Görgen. Eine Fristverlängerung bis 2015 dürfe nicht verschlafen werden, denn sonst sei die EU-Kommission ihrer Glaubwürdigkeit wegen gezwungen, Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten, um die Vorgaben durchzusetzen. Gedacht werde schon daran, Euro 6 über finanzielle Anreize vorzuziehen und die Mautgebühren für ältere Lkw anzuheben.

Dass NO2 bei längerer und höherer Exposition vor allem bei empfindlichen Personen gesundheitsschädlich wirkt, war auf der Tagung unbestritten. Allerdings sei es wegen der Vielzahl an Luftschadstoffen schwierig, einer einzigen Verbindung einen Grenzwert zuzuordnen. "In vitro wirkt NO2 gentoxisch", sagte Prof. Helmut Greim, Vorsitzender des Forschungsbeirates der EUGT und ehemaliger Leiter des Instituts für Toxikologie an der TU München. In vivo sei dagegen die Wirkung noch nicht geklärt. Deshalb können In-vivo-Ergebnisse nicht so einfach für eine Einschätzung der Gesundheitsgefährdung verwendet werden. Hier müssten noch weitere toxikologische Untersuchungen folgen, um "aus epidemiologischer Sicht eine eindeutigere Dosis-Wirkungs-Beziehung herzustellen".

"Wir haben die Kuh von 2010 noch nicht vom Eis", fasste EUGT-Vorsitzender Prof. Gunter Zimmermeyer zusammen. Es sei "hochwahrscheinlich", dass die gesetzten Grenzwerte in 2010 überschritten werden. "Wir müssen intensiv über mögliche Lösungen reden, und das wird der VDA gemeinsam mit dem BMU und den betroffenen Länderbehörden tun", hieß es. Positiv sei es aber, dass Medizin, Technik, Politik und Administration "eine gemeinsame Sprache gefunden haben". Die Tagung habe gezeigt, dass es aus Sicht aller Beteiligten keine Gründe gebe, den Jahresmittelgrenzwert weiter abzusenken. Wenig wahrscheinlich sei es aber auch, dass er in absehbarer Zeit angehoben wird.

Die EUGT wurde von BMW, Daimler, Volkswagen und Bosch im vergangenen Jahr gegründet und hat am 19. Februar 2008 in Berlin gemeinsam mit der Berliner Charité die Arbeit aufgenommen. Erforscht werden sollen verkehrsbedingte Emissionen und Immissionen auf Umwelt und Gesundheit des Menschen.
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Autor(en): Ulrich Knorra
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