30.09.2009
Gestaltung von Produktionssystemen – nachhaltig und beteiligungsorientiert
Vortrag bei Zukunft AutomobilMontage 2009
ATZ / MTZ-Konferenz - Automobilmontage
Referent(in): Dr. Detlef Gerst, FB Betriebs- und Mitbestimmungspolitik, IG Metall Vorstand
Die deutsche Automobilindustrie steht derzeit nicht nur unter einem großen Kosten-, sondern zugleich unter einem enormen Innovationsdruck. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der Beitrag mit der Frage, wie die Produktion zu einer größeren Robustheit gegenüber Krisen beitragen kann. Hierbei kommt dem Ansatz des ganzheitlichen Produktionssystems eine Schlüsselstellung zu. Ganzheitliche Produktionssysteme sind allerdings voraussetzungsreich und anspruchsvoll in der Ausgestaltung und Umsetzung. Der Beitrag zeigt auf, dass die Chancen ganzheitlicher Produktionssysteme derzeit noch unzureichend genutzt werden. Der wesentliche Grund hierfür ist die einseitige Orientierung von Produktionssystemen an der kurzfristigen Kostensenkung. Dies wird weder den Anforderungen im weltweiten Wettbewerb gerecht, noch denen, die sich aus dem Anspruch ergeben, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft leben, die dem Einzelnen Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung bietet. Lassen wir einmal Fragen nach der Qualität der Gesellschaft und des Arbeitslebens außer Acht und betrachten allein die Fähigkeit, im Wettbewerb zu bestehen, dann lautet die Anforderung an die Produktion: Es muss gelingen, schwer vereinbare und teilweise sogar konträre Ziele gleichzeitig zu erreichen. Diese Ziele lauten: Produktvielfalt, Qualität, Wirtschaftlichkeit und Geschwindigkeit der Produktion.
In der Wettbewerbsstrategie sind zwar Akzentuierungen in der Zielsetzung möglich, Einseitigkeiten wird der Markt jedoch nicht verzeihen. Erforderlich ist ein Ansatz, der dem internationalen Wettbewerb in seiner Vielschichtigkeit gerecht wird. Die höchste Qualität zu einem unbezahlbaren Preis zu produ-zieren, ist keine aussichtsreiche Strategie. Das Gleiche gilt für eine Strategie der Kostensenkung unter Vernachlässigung der anderen Zielgrößen. Die Suche nach der schnellen Kostensenkung erscheint möglicherweise als die bequemere Wahl, führt aber nicht auf den Weg einer nachhaltigen Entwicklung. Wer in erster Linie kurzfristige Kostensenkungen verfolgt, wird insbesondere die Lohnkosten ins Visier nehmen. Langfristig führt dieser Weg in die Sackgasse der Entqualifizierung, denn Lohnkostenreduzierung bedeutet in der Praxis allzu oft Versimplifizierung von Arbeitstätigkeiten und Erhöhung der Arbeitsbelastungen. Dies widerspricht dem Stellenwert, den derzeit Wissenschaftler und Politiker dem Wissen und dem lebenslangen Lernen als Produktionsfaktor zumessen, und führt statt dessen zu einer nachhaltigen Verschlechterung der Humanressourcen. Dem möchte ich eine andere Perspektive entgegenstellen: Sie beruht auf folgenden Annahmen:
1. Der Ansatz des ganzheitlichen Produktionssystems scheint für die Produktion mittelgroßer und großer Serien unter dem Gesichtspunkt des Wettbewerbs derzeit alternativlos zu sein.
2. Die Vorteile ganzheitlicher Produktionssysteme kommen nur dann zum Tragen, wenn sie stärker auf das Ziel des nachhaltigen Wirtschaftens zugeschnitten werden. Wesentliches Element von Nachhaltigkeit ist die demokratische Beteiligung kompetenter Arbeitskräfte. Nur so lassen sich die im kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP) liegenden Potentiale nutzen.
Der Beitrag beschäftigt sich mit ausgewählten Gesichtspunkten von Nachhaltigkeit, die sich im Rahmen von kontinuierlichen Verbesserungsprozessen bearbeiten lassen. Er beruht auf der These, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht allein durch Fachexperten für spezifische Optimierungsaufgaben gefördert werden kann, sondern in erheblichem Maße auch durch Aktivitäten der Arbeitskräfte in der Produktion. Produktionskräfte verfügen über ein langjähriges Erfahrungswissen über ihre Arbeitspro-zesse und Prozessdefizite. Dieses Wissen zu nutzen, ist ein entscheidender Bestandteil einer Strategie zur Stärkung nachhaltigen Wirtschaftens. Der geeignete organisatorische Rahmen hierfür sind KVP-Workshops. Diese bieten zum einen die Chance, die Zahl an kompetenten Teilnehmern zu erhöhen, die sich an Aktivitäten zur Verbesserung von Produkten und Produktionsabläufen beteiligen. Zugleich werden die Kompetenzen verbreitert, die in die KVP-Prozesse einfließen. Nutzen lassen sich diese Potenziale jedoch nur, wenn Arbeitskräfte nicht als potenzielle Störfaktoren betrachtet werden, die durch möglichst genaue Arbeitsanweisungen und Standards zu kontrollieren sind.
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