Wann ist es Zeit zu gehen?
Das Karriereportal der Elektronik, semica!, hat auf der electronica 2008 in einer Podiumsdiskussion die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für einen Jobwechsel erörtert. Diskussionsteilnehmer waren Heike Paustian (Leiterin Personal bei Sharp), Hans Knapek (Personaldirektor bei Rohde & Schwarz), Michael Köhler (Partner von Schuheder Consulting), Frank Vollmering (Personalleiter bei Analog Devices) und Markus Brehler (CEO von Enocean). Geleitet wurde die Runde von Frau Demmer , freiberufliche Redakteurin der SZ und Markt und Technik.
Einig waren sich laut semica! alle Diskussionsteilnehmer, dass es wohl keine Pauschalaussagen gebe, obwohl die Aussage "nach fünf bis sieben Jahren wird es eigentlich schon Zeit, etwas Neues in Angriff zu nehmen" dominierte. Dabei wurde klar, dass die Unternehmensvertreter hier in einem Konflikt sind. Einerseits sollen die eigenen Mitarbeiter möglichst lange an das Unternehmen gebunden werden, andererseits brauchen die Unternehmen für das weitere Wachstum wechselwillige Kandidaten - idealerweise vom Mitwettbewerb. Aus Arbeitnehmersicht sind - glaubt man einer vom Elektronik-Karriereportal durchgeführten Umfrage - hat für Ingenieure ein sicherer Arbeitplatz erste Priorität, an zweiter Stelle liegt das Vertrauen in die Kompetenz des Managements beziehungsweise der direkten Chefs und Platz drei belegt der Aspekt work/life-balance.
Bei Rohde & Schwarz liegt die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit laut Knapek, bei 18 Jahren. Knapek verwies darauf, dass bei einem "klassischen Ingenieurberuf" der Anspruch an Innovation und Veränderung so hoch ist, dass man auch in einem Unternehmen laufend dazu lernen kann und deshalb durchaus auch bei einem Arbeitgeber langfristig verweilen kann. Köhler indes bezweifelte, dass Mitarbeiter nach 15 Jahren oder mehr bei einem Arbeitgeber noch die Flexibilität haben, sich auf andere Kulturen einzustellen und damit bei Problemen wie Personalabbau-Maßnahmen, es schwieriger haben, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.
Auch Heike Paustian von Sharp könne sich diesem Denken anschließen, wenngleich sie selbst bereits fast 30 Jahre dabei ist und auch Sharp auf eine durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von 14 Jahren verweisen kann. Sie vertritt laut semica! die Meinung, dass sowohl für den Mitarbeiter als auch für das Unternehmen eine Chance für Innovation im Wechsel liegt. Wenn man sich mit einem anderen Denken und anderen Kulturen auseinandersetze, profitieren sowohl Arbeitnehmer, als auch Arbeitgeber.
Analog Devices setzt - um Mitarbeitern entsprechende Anreize zu geben - nach wie vor auf das Thema Job-Rotation! "Stillstand ist Rückschritt", erklärt Frank Vollmering. Er unterstützt durchaus Überlegungen von Mitarbeitern, die im eigenen Unternehmen aktuell keine Weiterentwicklungsmöglichkeit haben, sich extern zu orientieren. So habe das Elektronikunternehmen auch schon positive Erfahrungen damit gemacht, dass Mitarbeiter nach ein paar Jahren wieder mit einem erweiterten "Skillset" zurückkehrten.
Laut Brehler ist es wichtig, immer Neues hinzuzulernen. Er selbst startete zunächst als Ingenieur bei Siemens und ist heute CEO von Enocean. "Wenn es keine Weiterentwicklung gibt, man nichts Neues dazu lernen kann, man in seiner Komfortzone agiert, ist es Zeit für einen Wechsel". Auch dann, wenn der eigene "Marktwert" sinkt. Dieser sei nämlich nur dann hoch, wenn man für viele Arbeitgeber einen Nutzen erbringen könnte.
Als Gründe für einen Wechsel nannte die Diskussionsrunde den gesellschaftlichen Druck in Richtung Rang und Titel, der laut Köhler Ingenieure in eine falsche Richtung dränge. "Viele wollen Manager werden, ohne wirklich die Fähigkeiten dazu entwickelt zu haben oder auch die daraus resultierenden Konsequenzen zu kennen." Den zweiter Grund - der Mangel an Führungskompetenz sowie mangelnde Anerkennung - verdeutlicht Vollmering: "Man kommt wegen dem Unternehmen und geht wegen dem Chef". Dazu gehört auch das Thema "Empowerment". Laut Köhler kommen wechselwillige Arbeitnehmer oft mit dem Argument zu ihm, dass man zwar für eine gewisse Funktion eingestellt wurde - die Entscheidungen, die aber eigentlich in dieser Funktion zu treffen seien, würden zwei Ebenen höher getroffen. Die Mitarbeiter fühlen sich somit mehr als "Schachfigur". Weitere Argumente für einen Stellenwechsel sind laut semica! Ein schlechtes Betriebsklima, langweilige Aufgaben und fehlende Perspektiven. Auch das Gefühl, nichts mehr dazulernen zu können und unterdurchschnittlich bezahlt zu werden sowie für einen unfähigen Chef arbeiten zu müssen können ausschlaggebend sein.
Welcher Aspekt neben den Gründen natürlich nicht außer Acht gelassen werden darf, ist die Nachfrage. So sollte bei der Beantwortung der Frage "Wann ist es Zeit zu gehen?" immer der Aspekt "dann, wenn entsprechend offene Funktionen zu besetzen sind" beachtet werden.
Autor(en): Caterina Schröder